taunusreiter TAUNUSREITER
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Update Juli 2014

Mythen und Legenden in der Reiterei

Parthenonfries

Mythen, 1) Das Pferd als Fluchttier

"Das Pferd ist ein Fluchttier" : Was ist richtig daran? Was falsch?
Das Pferd ist - unstrittig - ein Pflanzenfresser, kein Raubtier. In der freien Wildbahn wird der Equide ab und zur Beute von Großkatzen, Caniden, und dem Menschen, vor allem die Fohlen. Von den wildlebenden Equiden haben nur die Zebras den menschlichen Nachstellungen bis heute überlebt. Alle übrigen wurden vom Menschen ausgerottet. In menschlicher Obhut lebende Pferde hätten aber eigentlich keinen Grund zum Flüchten mehr. Warum wird dann die Darstellung als "Fluchttier" in den gängigen Erklärungsmustern zum Pferdeverhalten so strapaziert?
Vielleicht, weil dies Muster besonders bequem für den Halter und Reiter ist. Das "Fluchttier" ist ein Denkschema, zu dem der Mensch gern Zuflucht nimmt, der in Haltung und Gewöhnung des Pferdes wichtiges versäumt hat. Ein Tier, das immer nur an Flucht denkt, oder daran, wie es sich dem es handelnden Menschen entziehen kann, muss halt vom Menschen pausenlos beherrscht und dominiert werden. Damit lässt sich auch prima Geld verdienen.
Aber vielleicht sind nur wir Menschen es, die unsere Pferde verunsichern und zum Fluchttier machen..?

Wie flüchtet das Pferd?

"Flucht" heisst zunächst mal, in ihrer mildesten Form, etwas unangenehmes zu meiden. So schnell flüchtet ein Pferd nicht, wenn einfaches Weggehen und Sich-verdrücken auch genügt. Meideverhalten spart Energie und ist deswegen vernünftig.
Unsere heutigen Pferderassen sind mehr oder weniger geschickt gezüchtete Mixturen von Urpferdetypen. die in jeweils ganz anderen Biotopen lebten, mit unterschiedlichen Freßfeinden und Bodenverhältnissen. Ihr Fluchtverhalten war demzufolge unterschiedlich, und hat sich aus dieser Zeit bis zu den heutigen Hauspferden vererbt.

Das Araberpferd/ Vollblutpferd (Typ 4) entspricht dem Bild des Fluchttiers am ehesten. Der Vorfahr des heutigen Araberpferdes lebte in kleinen Familienverbänden in der offenen, wenig baumbestandenen Waldsteppe, und war plötzlichen Angriffen sich duckend anschleichender, sehr schneller Raubkatzen ausgesetzt. Demzufolge ist er heute immer noch jederzeit "auf dem Sprung", bereit zur schnellen Flucht. Andererseits, dank seiner scharfen Sinne und schnellen Auffassungsgabe, hat er den Grund seines Erschreckens meist schnell als "harmlos" erkannt, und erkundet danach unbekannte Gegenstände oft furchtloser und neugieriger als andere Pferdetypen. Einmal an den Straßenverkehr gewöhnt, sind Araber dann auch durch größte Exemplare der Kategorie Kraftfahrzeug nicht mehr aus der Ruhe zu bringen.

Das Steppenpferd (Typ 3) war eher ein Bewohner trockener Gebirgsgegenden, ähnlich dem Esel. Dort lebte es eher einzelgängerisch, brauchte keine große Herde zu schützen, und im schwierigen Geländes war eine schnelle kopflose Flucht wenig erfolgversprechend, konnte sogar gefährlich werden. Demzufolge wurden Gefahren lieber ausgewichen. Das Typ-3-Pferd (und ebenso seine heutigen Nachfahren) sind und waren begabte Springer. Erschienen Ausweichen und Flucht zu schwierig oder wenig erfolgversprechend, zog das Typ-3-Pferd den Gegenangriff mit Zähnen und Hufen vor. Pferde mit viel Typ-3-Blut sind noch immer überaus wehrhaft, neigen in der Herde zu Unverträglichkeit und Streiterei, und sind bei Stallhaltung durch den betreuenden Menschen mit Vorsicht zu genießen.

Das Urkaltblut (Typ 2) war das Pferd waldiger, wenig fruchtbarer Feuchtgebiete und am wenigsten zur Flucht geneigt. Bei Gefahr erstarrt es und zieht sich nach rückwärts zurück. Im sumpfigen Gelände eine erfolgversprechende Taktik. Im Allgemeinen geht es aber erst gar nicht dahin wo es gefährlich werden könnte. Anders als der Araber, der an alle fremden Sachen mutig herangeht (sollten sie sich als gefährlich herausstellen, hat er im Nu den Haken geschlagen und ist im Galopp davon) bleibt es fremden und unangehmen Dingen lieber fern. Unter dem Reiter macht sich dies als Neigung zu stätischem Verhalten und Drückebergertum bemerkbar.

Das Urpony (Typ 1) war und ist der Bewohner gut begrünter Landschaften mit guter Trinkwasserversorgung, und regnerischem Klima von allen Pferden am besten angepasst. Bei Islandpferden fand man heraus, dass der Fluchtreflex auf Baumbewohner fast nicht mehr vorhanden war. Auf den Quadrupedentest, womit ein sich nähernder großer Vierfüßler simuliert wird, reagiert das Pony mit rascher Flucht, aber weniger deutlich wie der Araber. Da das Pony gut verträglich ist und gern in großen Herden zusammen lebt, flüchtet es im Zweifelsfall lieber etwas eher, um die Herde zu schützen, neigt zur Vorsicht und ist wenig mutig. Von fremden Dingen hält es sicherheitshalber etwas Abstand.

Erlebnisse mit dem Fluchtverhalten eigener Pferde

Mein Islandpony Alex (ein Mustertyp 1 mit leichtem arabischen Einschlag, was man am Kopf äußerlich sehen konnte, und ihm aber auch in seinem starken Leistungswillen anzumerken war) war in seiner Jugend sehr ängstlich vor Hunden. Er war bei Gefahren überhaupt ängstlich, auch im Straßenverkehr. Mitten in einem Ortskern (Kreuzung zweier Bundesstraßen) machte er einmal auf dem Absatz kehrt als ein Bus um die Ecke bog. Einmal als ich ihn ritt geschah es, dass ein "herrenloser" Schäferhund auf uns losging. Ich hatte die Schwäche (als unerfahrener Reiter) vom Pony abzusteigen und wollte der Gefahr zufuß ins Auge sehen. Dem Pony vermochte ich so nicht Stärke, Standhaftigkeit und Selbstbewusstsein vermitteln. Es riß sich umgehend los und machte kehrt, jagte davon, der Hund bellend hinterher, und ich rannte als letzter in der Reihe...
Jahre später, auf einem Wanderritt, sprang uns ein gleich großer Hund entgegen, als wir irgendwo im Schritt daherritten. Dieses Mal schleuderte mein Pony dem Hund, der gerade zum Sprung angesetzt hatte, einen Vorderhuf entgegen. Es sieht sehr witzig aus, wenn ein Hund mitten im Sprung seine Flugbahn ändern muss um nicht getroffen zu werden. Die Bewegung des Hufschleuderns war dabei völlig gelassen, aus der Schulter heraus, ohne den Geh-Rythmus zu verändern. Danach schlenderte es völlig cool weiter - nix mit Panik. Dieses "Bleib mir bloss zum Leibe!" des Ponys war vom Hund umgehend verstanden worden.
- Was war in der Zwischenzeit passiert? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich war ich einfach ein besserer Reiter und Pferdeausbilder geworden, und mein Pony selbstbewusster.
Auch im Alter von über 30 duldete er als Herdenchef keine umherstreunenden Hunde auf der Koppel. Diese wurden ausgespäht, attackiert und vertrieben. Sie waren immer sehr schnell wieder auf der anderen Zaunseite. Kleine Hunde die sich eher "verirrt" hatten, konnten auf Großzügigkeit hoffen. Aber nicht solche die Stöber- und Jagdverhalten zeigen.
Ligeira war ein Fjord-Araber, eine sehr gelungene Mischung aus Typ-4 und Typ-2. Überaus leistungsfähig und laufhungrig, und dabei zu 100% vertrauensvoll in ihren Reiter, war sie standfest und mutig bis zur Selbstaufgabe. Auf der Koppel war sie ein in sich ruhendes, jedem Ansatz von Streit aus dem Wege gehendes, unauffälliges Pferdchen. Mit aggressiven Pferden konnte man sie zusammen nicht halten.
Natascha, ein russisches Pferd mit viel Typ-3-Blut und Ramskopf, hat seit ihrer Jugend feste Ansichten zu Dingen die ihr nicht gefallen und versucht diese konsequent und mit der nötigen Sturheit zu vermeiden, die sich im Alter (sie ist jetzt 22) noch vermehrt hat. Kommen ihr Hunde zu nahe, kann sie recht unfreundlich werden, und auch mit Kindern muss man sie gut beaufsichtigen. Bereits mit 2 Jahren ordnete sie sich nur schwer in der Herde unter, und brachte Menschen im Stall in Verlegenheit, weshalb ihre erste Besitzerin sie verkaufte. Ihr Freund hatte vor ihr Angst. Sie ist ein sehr leistungsfähiges Pferd geworden, braucht aber einen Reiter mit starker, konsequenter Hand. Ein Anfänger würde sie im Nu verderben.
Zarifa (Araberstutfohlen, aber wie sich herausstellte nicht ganz reinrassig, sondern von einem Typ-3-Vater) duldete schon mit 3 Monaten keinerlei "Hüteversuche" eines Bordercollies, der versuchte Mutter und Fohlen zusammenzutreiben, weil ein Bordercollie nun mal keine verstreut weidende Pferdeherde erträgt, sondern meint, sie müssten wie Schafe dicht an dicht stehen. Sie griff ihn gezielt mit Maul und Vorderhufen an, und erhielt nach dieser Episode den Beinamen "Kampffohlen". Lernfähig, wie Bordercollies sind, registrierte dieser die Lebensgefährlichkeit dieses speziellen Equiden beim zweiten Fehlversuch, hielt sich dann jenseits der Einzäunung, blieb aber durch seinen Hüteinstinkt weiterhin hin- und hergerissen.
Khorsheet (Kuheilan-Araberstute mit deutlichen Pony-Merkmalen, 10-jährig) liebt das Handpferdereiten. Manchmal schießt sie im Galopp am langen Strick ein Stückchen los, bockend und mit einem Hinterhuf nach ihrer Weidefreundin Natascha ausschlagend, ohne den Galopprythmus zu verlieren. Das macht sie indes nur, nachdem sie sich etwa 3m "Abstand" am langen Strick verschafft hat, denn treffen oder verletzen will sie sie nicht, nur "spielen" oder "Dampf ablassen" - meine Handpferdestricke sind alle 4,50-5,00 m lang. Ist der Raum beschränkt und der Abstand kürzer, wird der Tritt nur angedeutet. Ebenso angedeutet ist dann mein anschliessender sanfter Tadel, dass ich beim Ausreiten "bitte keine Hufe sehen möchte!"
Welches Raubtier könnte ein ausgewachsenes Pferd, dass sich so zu bewegen versteht, wohl erfolgversprechend angreifen - ohne einen Huftreffer am Kopf zu riskieren, der seinem wichtigsten Gut, seiner Jagdfähigkeit, wenn nicht gar seinem Leben ein Ende macht? Jäger gehen in der Natur solche Risiken nicht ein. Selbst mehrere Angreifer zugleich könnten ein Pferd nicht erlegen, wären vielmehr in Gefahr, nacheinander getroffen und dezimiert zu werden. Aus diesem Grund kommen als Jagdbeute nur sehr junge oder durch Krankheit/Futtermangel stark geschwächte Equiden infrage.
Deswegen: Ein "Fluchttier" ist das Pferd vielleicht in dem Sinn, dass es Ärger lieber aus dem Weg geht. Aber man sollte beim Bild des "Fluchttiers" immer mitdenken, dass Pferde auch überaus wehrhaft sind, oder zumindest sein können.
Was den Umgang mit Hunden angeht, bringt man Pferden heutzutage am besten bei, auf Hunde forsch loszugehen und keinesfalls auszuweichen. Bei 95% der Hunde wirkt dies bereits hinreichend eindrucksvoll, dass sie keine Versuche mehr unternehmen mit dem "großen Vierbeiner"spielen zu wollen. Desgleichen bringt dieses Verhalten am ehesten die Besitzer dazu nach ihren Vierbeinern zu rufen, die sich dann - "mein Herrchen ruft mich, ich muß gehen!" - ohne "Gesichtsverlust" zurückziehen können.
Reitmeister Sadko Solinski forderte (in "Reiten Reiter Reiterei") vom Reiter und der Pferdeausbildung, dass alles, was geschieht, das Pferd für einen Kampf mit dem Raubtier (oder dem wilden Stier) tüchtiger mache - um das möglichst wieder gutzumachen, was die Domestikation (Verhaustierung) am Pferd verbrochen hat. Er fügte hinzu: Nur der Reiter könne wissen, dass ein solcher Kampf nie stattfinden würde.
Und nun? Zwanzig Jahre später ist Deutschland zum Einwanderungsgebiet für Wölfe geworden. Pferde wurden schon von Wölfen aus der Koppel gescheucht, rannten auf Straßen und verursachten Verkehrsunfälle. Echte oder selbstberufene Naturschützer erwarten von uns Pferdehaltern (=Luxustierhaltern) neuerdings, unsere Koppeln wolfssicher zu machen. Die alte Forderung Solinski's erscheint da in ganz neuem Licht. Vielleicht sollten wir Reiter uns auch mehr auf die urtümlichen, eher "wehrhaften" Pferdetypen (Typ 3 oder 4 nach Ewert/Speed/Schäfer) oder Rassen besinnen, nicht so sehr auf die gut "formbaren", eher ängstlichen...

Weitere "Mythen rund ums Pferd" und die dazu gehörigen Fakten:

2.) Alle heutigen Pferde gehen auf ein Urpferd zurück

3.) Pferde können nur 1/7-1/10 ihres Gewichts schadlos tragen
(oder: Was sind eigentlich Gewichtsträger)

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