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Neu Dezember 2016

 

Erik Zimen: Der Wolf. Mythos und Verhalten. 3. Aufl. Wien, München: Meyster 1980.

Dr. Erik Zimen

"Doch trotz Verwechslungen und magischen Denkens: allzu zahlreich sind die Berichte, allzu stark ist die Angst vor dem Wolf und dem Wald, allzu dominant der Wolf in der Mythologie, als daß die Vorstellung vom menschenfressenden Wolf einer realen Grundlage entbehren kann. Mit dem Vordringen des Menschen in den Lebensraum des Wolfs, mit der Besiedlung der Gebirge, mit der Rodung des Waldes, mit der Jagd und der großflächigen Vernichtung des Wildes kam es zur Konfrontation. In den kleinen Weilern und Dörfern waren die Menschen schlecht oder gar nicht bewaffnet. Durch Seuchen oder kriegerische Auseinandersetzungen starben Menschen auch außerhalb der Siedlungen. Die Wölfe nutzten vermutlich auch diese Nahrungsquelle. [...] Viele angenommene Wolfsüberfälle sind vermutlich auf das Fressen bereits toter Menschen zurückzuführen. Doch wenn an lebende sowie tote Menschen gewöhnt, und wohl auch in der Lage, zwischen gefährlichen und ungefährlichen Menschen zu unterscheiden, ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass einzelne Wölfe gelernt haben, Menschen direkt zu reißen. Vor allem Kinder dürften für sie eine leichte Beute gewesen sein." (S. 272 f.)

"In Schottland mit seiner extensiven Schaf- und Rinderhaltung wurde der Wolf mit fortschreitendem Rückgang der Wildtiere womöglich zu einer noch größeren Plage [als in England; Anm. d. Red.]. [...] Zur Zeit Maria Stuarts soll die Wolfsplage so stark gewesen sein, daß man die Toten in manchen Gegenden nicht mehr auf den Kirchhöfen begrub, aus Angst, sie könnten von Wölfen wieder ausgegraben und gefressen werden. [...] Als besonders schlimm wurde der Zwang zum ständigen Hüten der Haustiere empfunden. Erst nachdem die Wölfe verschwunden waren, kam es zu der typischen schottischen extensiven Beweidungsform mit Tag und Nacht frei weidenden Tieren. [...] Daß die Schotten auch den Wolf zurückhaben wollen, ist [...] kaum zu erwarten nach all den bitteren Erfahrungen, die sie ihm gemacht haben."  (S. 281)

"Erst für den Viehzüchter wurde er zum Schädling; und nach dem Verlust seines natürlichen Lebensraumes war er sogar eine Zeitlang eine Gefahr für den Menschen." (S. 300)

"Aus strukturellen wie ökonomischen Gründen wird der Wolf natürlich nicht überall in Europa existieren können. Aber es gibt eine Vielzahl großer Gebiete, in denen er noch oder wieder leben könnte, in denen er genügend natürliche Beutetiere finden kann und auch Rückzugsgebiete zum Schutz vor den Menschen. Aus vielen dieser möglichen Gebiete ist er heute verschwunden. Die einstige Nutzungsform, meist extensive Weidewirtschaft, hatte seine Ausrottung notwendig gemacht. Diese Nutzungsform hat in den letzten Jahrzehnten aber vielerorts aufgehört, so in den großen Waldgebieten Schwedens und in Osteuropa wie in den Waldgebieten Mitteleuropas. Im Bayerischen Wald z. B. ist die Waldweide völlig verschwunden, die meisten Haustiere werden entweder im Stall oder während einiger Monate im Sommer in unmittelbarer Hofnähe gehalten. Dafür hat sich der Wildbestand reichlich entwickelt, zum Teil allzu reichlich. Entlang der bayerisch-böhmischen Grenze liegen große menschenleere Gebiete, die als Rückzugsgebiete bestens geeignet sind. Aus biologischer und auch aus land- und forstwirtschaftlicher Sicht besteht also kein Grund, warum nicht neben Reh und Hirsch hier auch Wolf, Luchs und Bär in begrenzter Zahl leben könnten. Ähnliches gilt für große Teile Skandinaviens und Finnlands (außerhalb der Rentiergebiete), für Polen, die Karpaten, das Riesengebirge und das Erzgebirge bis zum Bayerischen Wald und von dort weiter über die Ostalpen bis nach Jugoslawien." (S. 303 f.)

Kommentar:

Dr. Erik Zimen, Verhaltens- und Wolfsforscher sowie Mitarbeiter und Schüler von Konrad Lorenz (gest. 2003), liefert hier eine realistische Sicht auf das Verhalten des Wolfs und seine Gefährlichkeit für den Menschen. Wenn heute dagegen betont wird, dass "es in Mitteleuropa seit 150 Jahren kaum zu Angriffen" kam, dann lag das an Mangel an Gelegenheiten, weil es einheimische Wölfe schlicht nicht mehr gab. Wo sich Gelegenheit bot, da töteteten sie sogar Kinder wie 1977 in Delmenhorst. Auch seine Einschätzung zur Wiederansiedlung des Wolfs erscheint für die Zeit (1980) durchaus realistisch, und selbst aus heutiger rationaler Sicht wäre dem wenig hinzuzufügen. Es wird zugleich deutlich, dass es ein "Miteinander" Mensch und Wolf in den Gebieten extensiver Weidewirtschaft nicht geben kann, sondern nur ein Gegeneinander. Auch wenn der Wolf (wenn der Mensch ihm nicht nachstellt) dort besser leben kann - nämlich von den Weidetieren als Nahrungsquelle - als in den Gebieten intensiver Land- und Feldfruchtwirtschaft, die er rasch durchqueren muss ohne Chance zur Ansiedlung.
Nun haben seit 1980 in Deutschland, und überhaupt in Mitteleuropa, die ersteren Gebiete auf Kosten letzterer stark zugenommen, die Schafhaltungszahlen sich stark erhöht, wenn auch ohne die Spitzenwerte von um 1880-1900 herum annähernd wieder erreicht zu haben. Nutztierhaltung im Stall gibt es kaum noch bzw. ist teilweise als tierschutzwidrig schon verboten. Diese Entwicklung ist auch ökologisch erfreulich, weil in der extensiven Weidewirtschaft es keine künstliche Düngung und Pestizideinsatz gibt, und die Flächen sich naturnah entwickeln können. Liefert aber bezogen auf die ungehemmte "Wiederansiedlungspolitik" des Wolfes einen Haufen Probleme..! - Von all dem haben unsere heutigen "Wolfsexperten PRO-WOLF" anscheinend nicht die geringste Ahnung, bzw. ignorieren sie den eigenen kommerziellen Interessen wegen. Zimen hätte sich dem heute um den Wolf gemachten Bohei daher wohl kaum angeschlossen.

Erik Zimen mit Wölfen

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