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"Doch trotz Verwechslungen und magischen Denkens: allzu zahlreich sind die Berichte, allzu stark ist die Angst vor dem Wolf und dem Wald, allzu dominant der Wolf in der Mythologie, als daß die Vorstellung vom menschenfressenden Wolf einer realen Grundlage entbehren kann. Mit dem Vordringen des Menschen in den Lebensraum des Wolfs, mit der Besiedlung der Gebirge, mit der Rodung des Waldes, mit der Jagd und der großflächigen Vernichtung des Wildes kam es zur Konfrontation. In den kleinen Weilern und Dörfern waren die Menschen schlecht oder gar nicht bewaffnet. Durch Seuchen oder kriegerische Auseinandersetzungen starben Menschen auch außerhalb der Siedlungen. Die Wölfe nutzten vermutlich auch diese Nahrungsquelle. [...] Viele angenommene Wolfsüberfälle sind vermutlich auf das Fressen bereits toter Menschen zurückzuführen. Doch wenn an lebende sowie tote Menschen gewöhnt, und wohl auch in der Lage, zwischen gefährlichen und ungefährlichen Menschen zu unterscheiden, ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass einzelne Wölfe gelernt haben, Menschen direkt zu reißen. Vor allem Kinder dürften für sie eine leichte Beute gewesen sein." (S. 272 f.) |
"In Schottland mit
seiner extensiven Schaf- und Rinderhaltung wurde der Wolf mit
fortschreitendem Rückgang der Wildtiere womöglich zu einer
noch größeren Plage [als in England; Anm. d. Red.]. [...] Zur
Zeit Maria Stuarts soll die Wolfsplage so
stark gewesen sein, daß man die Toten in
manchen Gegenden nicht mehr auf den Kirchhöfen begrub, aus
Angst, sie könnten von Wölfen wieder ausgegraben und
gefressen werden. [...] Als besonders schlimm
wurde der Zwang zum ständigen Hüten der Haustiere empfunden.
Erst nachdem die Wölfe verschwunden waren, kam es zu der
typischen schottischen extensiven Beweidungsform mit Tag und
Nacht frei weidenden Tieren. [...] Daß die Schotten auch
den Wolf zurückhaben wollen, ist [...] kaum zu erwarten nach
all den bitteren Erfahrungen, die sie ihm gemacht haben." (S. 281)
"Aus strukturellen wie
ökonomischen Gründen wird der Wolf natürlich nicht überall
in Europa existieren können. Aber es gibt eine
Vielzahl großer Gebiete, in denen er noch oder wieder leben
könnte, in denen er genügend natürliche Beutetiere finden kann
und auch Rückzugsgebiete zum Schutz vor den Menschen. Aus
vielen dieser möglichen Gebiete ist er heute verschwunden. Die
einstige Nutzungsform, meist extensive
Weidewirtschaft, hatte seine Ausrottung
[Verdrängung wäre hier der
richtigere Begriff, d. Red.] notwendig gemacht.
Diese Nutzungsform hat in den letzten Jahrzehnten aber
vielerorts aufgehört, so in den großen Waldgebieten
Schwedens und in Osteuropa wie in den Waldgebieten
Mitteleuropas. Im Bayerischen Wald z. B. ist die Waldweide
völlig verschwunden, die meisten Haustiere werden entweder
im Stall oder während einiger Monate im Sommer in
unmittelbarer Hofnähe gehalten. Dafür hat sich der
Wildbestand reichlich entwickelt, zum Teil allzu reichlich.
Entlang der bayerisch-böhmischen Grenze liegen große
menschenleere Gebiete, die als Rückzugsgebiete bestens
geeignet sind. Aus biologischer und auch aus land- und
forstwirtschaftlicher Sicht besteht also kein Grund, warum
nicht neben Reh und Hirsch hier auch Wolf, Luchs und Bär in
begrenzter Zahl leben könnten. Ähnliches gilt für große
Teile Skandinaviens und Finnlands (außerhalb der
Rentiergebiete), für Polen, die Karpaten, das Riesengebirge
und das Erzgebirge bis zum Bayerischen Wald und von dort
weiter über die Ostalpen bis nach Jugoslawien." (S. 303 f.)
Dr.
Erik Zimen (gest. 2003), Verhaltens- und
Wolfsforscher, Mitarbeiter und Schüler von Konrad Lorenz,
liefert eine realistische Sicht auf das Verhalten des Wolfs und
seine Gefährlichkeit für den Menschen. Wenn heutzutage die
Wolfsschützer gern betonen dass "es in Mitteleuropa seit 150
Jahren kaum zu Angriffen kam" lag das schlicht an Mangel
an Gelegenheit und zu wenig Wölfe hierzulande. Wo sich Gelegenheit
bot, da
töteteten sie sogar Kinder wie 1977 in Delmenhorst.
Zimens
Einschätzung zur Wiederansiedlung des Wolfs erscheint für die
Zeit (1980) realistisch. Es wird zugleich deutlich, dass es ein
"Miteinander" Mensch und Wolf in den Gebieten mit
Weidewirtschaft nicht geben kann, sondern immer nur ein
Gegeneinander. Auch wenn der Wolf (wenn der Mensch ihm nicht
nachstellt) sich dort besser ernähren kann - nämlich
von den Weidetieren - als in den Gebieten intensiver Land- und
Feldfruchtwirtschaft, Agrarsteppen, die er rasch
durchqueren muss ohne Chance zur Ansiedlung.
Seitdem Erik Zimen dies schrieb, hat sich in Deutschland und
überhaupt in Mitteleuropa, viel verändert, was dem Wolf
Gelegenheit zum Zuzug gab.
Zum einen verschwand der "eiserne Vorhang" zwischen Ost und
West, der auch wolfdicht war (in der DDR wurden aus dem
Osten zugewanderte Wölfe erbarmungslos und systematisch gejagt
und erschossen). Zweitens, die Gebiete intensiver Landwirtschaft
wurden laufend verringert, demgegenüber sich Grünland und
Weidetierhaltung stark vermehrt haben - ohne die Spitzenwerte
bei Ziegen und Schafen um 1880-1900 herum annähernd wieder
erreicht zu haben.
Deutschland ist heute, wo die Energiepflanzen Mais und Raps
nicht dominieren, beinahe schon so grün wie früher nur Irland.
Nutztierhaltung im Stall gibt es kaum noch bzw. ist
teilweise als tierschutzwidrig schon verboten. Diese Entwicklung
ist ökologisch erfreulich,
weil in der extensiven Weidewirtschaft es künstliche Düngung und
Pestizideinsatz nicht gibt, und die Flächen sich naturnah
entwickeln können -- liefert aber bezogen auf die ungehemmte "Wiederansiedlungspolitik"
(Rewilding) von Großraubtieren einen Haufen Probleme. Die von
denen, die vom Wolf profitieren, systematisch kleingeredet, oder
umgedreht werden: Die Weidetierhalter sollen halt ihre
Tiere besser schützen. Und diese Profiteure sind eine ganze
Industrie: Wolfsberater, "Wildbiologen" (gern auch ohne
Biologiestudium), Produzenten kuschliger Bilder, Bücher und
Filmchen, Spendensammler, und profitabler noch: Sammler von
Naturschutz- und EU-Flächenzuschüssen, Sammler von durch den
Staat geschenkten Landes (z.B. ehemaliger Truppenübungsplätze).
All diese lieben den Wolf und hätten gern mehr davon, denn der
Wolf eignet sich wie kein zweites Symbol für den Zivilisations-
und Stadtmensch mit SUV in der Garage und Präferenz für Flug-
oder Kreuzfahrturlaube Abbitte zu tun. Denn auch der moderne
Mensch hat das Bedürfnis nach Abbitte, freilich nicht mehr in
der Kirche und zugunsten der Armen, sondern für die immer ach so
gute Natur, die alles besser zu richten weiß wie der Mensch, und
den Götzen Klimawandel. Und wer nicht spenden kann, für den
genügt es auch den Wolf einfach nur gut zu finden.
Erik Zimen hätte sich dem heute um den Wolf gemachten Bohei kaum angeschlossen. Er hätte genau wie 1980 darauf verwiesen, dass der Wolf bei ungenügendem Lebensraum dem Menschen gefährlich werden kann, auch heute noch. Wie ungenügend dieser Lebensraum für ein oft weite Strecken wanderndes (Wald-) Tier wie der Wolf ist, zeigen die vielen auf den Straßen überfahrenen Wölfe heute. Und bezüglich der Qualität Deutschlands als Lebensraum für den Wolf hatte auch Zimen keine Illusionen: Nicht anders als in seinem wichtigsten Buch, vertrat auch er noch kurz vor seinem Tod die Ansicht, daß in Deutschland nur sehr begrenzt bis gar kein Platz für freilebende Wölfe wäre (pers. Mitteilung, Mathias Vogt, Hövelhof). Dies könnte sein: der Bayrische Wald (groß genug zusammen mit dem von bäuerlichen Siedlungen nach 1945 entvölkerten Böhmerwald, und ohne bäuerliche Weidetierhaltung) und die größten Truppenübungsplätze (mit Flächen ab 150-200 km² aufwärts). Auf letzteren könnte der Wolf in Deutschland immerhin ungestörte Refugien finden. Eine (naturschützerisch wertvolle) Bestandserhaltung wäre auf den fragmentierten Flächen zweifelhaft, weil Austausch- und Wanderungsmöglichkeiten fraglich sind, und durch die Nähe zu menschlichen Siedlungen Vermischung mit Haushunden (Hybridisierung) droht.