Das letzte
Europäische Wildpferd

Heute
wird der TARPAN von vielen
Wissenschaftlern als das einzige Urpferd angesehen, von dem unser
heutiges Haupferd abstammt. Höchst wahrscheinlich stimmt das
nicht, und er ist lediglich einer der
Hauspferde-Vorfahren, allerdings ein sehr wichtiger. Genau herausfinden
wird man dies vielleicht nie, denn von keinem Tarpan sind Fell, Skelett
oder DNS-haltiges Material erhalten. Allerdings werden seit einiger
Zeit KONIKs auf ursprüngliche Merkmale rückgezüchtet und
häufig fälschlich als Tarpane bezeichnet. Eine weitere, dem
Tarpan nah verwandte Hauspferderasse ist der HUZULE. Es wird
angenommen dass das einst in Ostpreußen heimische SCHWEIKER
Pferd, Vorfahr des Trakehners, auf ein mit dem Tarpan verwandtes dort
lokal lebendes Wildpferd zurückgeht, und auch die Vorfahren der
ältesten Pferderasse Deutschlands, des SENNER PFERDES, leben
vermutlich seit unvordenklichen Zeiten in der Heidelandschaft bei
Bielefeld und gehen ebenfalls auf den Tarpan zurück, stärker vielleicht
noch auf
das MOSBACHPFERD.
Sehr wahrscheinlich haben sich die Vorfahren des Tarpans, des Urponys
im Typ des Exmoorpony, und des Kaltblutpferdes, vielleicht auch des
ARABERS vor vielen 10.000 Jahren, vielleicht sogar mehrern 100.000
Jahren - und damit weit vor der Domestikation des Pferdes durch den
Menschen - sich getrennt und lokal unterschiedlich weiterentwickelt.
Vermutlich bildeten sie verschiedene Unterarten (Ur-Rassen), die
unterschiedliche
Naturräume belebten und sich nur gelegentlich oder gar nicht
vermischten. Es kann jedenfalls kaum bezweifelt werden dass es schon vor der Domestikation durch den
Menschen unterschiedliche Pferde-Unterarten oder -Typen gab. Darauf
weisen schon die Bilderhöhlen Südfrankreichs mit ihren
herrlichen, unzweifelhaft verschiedene Pferdetypen darstellende
Pferdebilder hin, von denen einige 32.000 Jahre alt sind.

(Fries der Pferde - GROTTE CHAUVET, entdeckt 1994)
In
der Zuchtgeschichte des Pferdes wurden die Pferdetypen dann verfeinert,
aber leider ist dabei auch etliches Genmaterial von Einhuferrassen, das
zum Gebrauchspferd unerwünscht war, auch ausgerottet worden. Neben
dem südafrikanischen Quagga ist
der Tarpan als traurigster
Verlust zu beklagen -- und das, obwohl anzunehmen ist, dass er viele
Reitpferdepoints, körperliche wie seelische, zu dem was wir heute am
Pferd am meisten schätzen,
beigesteuert hat. Mehr jedenfalls als die heutigen Rückkreuzungen
vermuten lassen...
--
Diese
kleinen
mausgrauen Pferde mit der helleren Unterseite und dem „Aalstrich“ d.h.
einer
dunkleren Rückenlinie, mit der hellen, scharf abgesetzten Schnauze
hatten an den
dunklen Beinen zuweilen Streifen wie ein Zebra. Der Kopf war ein wenig
ramsnäsig,
klein, mit spitzen Ohren, die Mähne aufrecht stehend und kurz, der
Schwanz an
der Wurzel schwach behaart. Die Pferde lebten in Herden. Innerhalb
dieser
Gemeinschaften sonderten sich dann kleinere Familien-Trupps ab mit
einem Hengst an der
Spitze, der für die Sicherheit seiner weidenden Stuten besorgt
war. Jede Gefahr
witterte er schon von weitem und veranlasste die ganze Herde zu wilder
Flucht.
Diese Wildpferde waren so schnell, dass der Mensch ihnen nur schwer
beikommen
konnte. Die überzähligen Hengste wurden meist vom Leithengst
abgeschlagen und
trabten dann in einiger Entfernung hinter der Herde drein. Diese
Außenseiter
nun vor allem fügten den Bauern der südrussischen Steppe oft
großen Schaden
zu, indem sie Stuten aus den frei weidenden zahmen Herden weglockten
und mit
sich in die Steppe entführten. Deshalb wurden die Tarpane
von den Pferdehirten
und den Herdenbesitzern gehasst und unablässig verfolgt. Die
letzte Zuflucht fanden sie
dann
endlich in den menschenarmen Gebieten Südrusslands.
Die sächsischen Gutsbesitzer von Falz-Fein hatten
nördlich
der Krim eine große Siedlung begründet, die sie Askania
Nova nannten.
Sie schufen dort einen großes Tier-Freilandgehege, wobei sie ihr
Augenmerk besonders auf
aussterbende Arten richteten. In seinem Werk „Askania Nova“
erzählt
nun Woldemar von Falz-Fein von der Lebensarbeit seiner Familie
und diesem Buch
entnehmen wir einen Bericht von Friedrich von Falz-Fein
über das
traurige Ende des letzten europäischen Urwildpferdes, das sich 10
Jahre vor der Gründung des Tierparks zugetragen hatte. Hier sein
Bericht:
„Das
letzte südrussische
Wildpferd ist im Jahre 1879 zu Weihnachten etwa 35 Werst*) von meinem
Gute Askania Nova in einer Steppenniederung, die der ‚Große
Agaimanische
Pod’ genannt wird, getötet worden.
Mein
Vater war ein
großer Pferdekenner und Pferdezüchter und interessierte sich
sehr für die in
seinen jüngeren Jahren in der Nogaischen Steppe Tauriens
noch ziemlich häufig
vorkommenden Wildpferde, die übrigens in den Steppen der Halbinsel Krim,
soweit
bekannt, niemals vorhanden gewesen sind.
Im
Anfang der
siebziger Jahre erzählte er mir, wenn er von seinen Steppenfahrten
heimkehrte,
öfter davon, dass er wieder einen Trupp Wildpferde in der Steppe
gesehen hätte.
Zuletzt sah er nur noch 8, dann 5, dann nur noch 2 Pferde; immer
beobachtete er
sie ungefähr in derselben Gegend.
Das
letzte Mal, als
er davon erzählte, sagte er wörtlich folgendes: “Heute war
ich dort, wo die
Bahn gebaut wird (Charkow-Sewastopol) und habe in der Steppe
noch 2
Wildpferde gesehen.“
Einige
Jahre später
erwähnte mein Vater, dass nur noch ein Wildpferd vorhanden sei und
zwar in der Rachmanowschen
Steppe.
Ein
Gutsbesitzer,
Herr Alexander Durilin, der am rechtsseitigen Ufer des Dnjepr
im Chersonschen
Gouvernement sein Gut Dutschino benachbart dem Gute meines
Bruders
Alexander, gegenüber dem großen russischen Dorfe Lepetischa
hatte, erzählte
mir folgendes:
Er
hatte die ganze Rachmanowsche Steppe auf der linken Seite des Dnjepr,
also im taurischen
Gouvernement, in langjähriger Pacht, in der Größe von
etwa 30.000 ha. Laut
Kontrakt durfte er nur einen kleinen Teil, ungefähr 1000 ha, als
Ackerland
ausnutzen. Das übrige musste Steppe bleiben und durfte nur als
Weide oder
Grasmähland verwendet werden. Da Durilin wenig lebendes
Inventar besaß, wurde
die Steppe nicht stark begangen, war menschenleer und sehr grasreich.
Dahin zog
sich das oben erwähnte letzte Wildpferd zurück.
Durilin
hielt auf
der Steppe eine große Pferdeherde auf sehr primitive Art, wie es
dazumal gewöhnlich
der Fall war. Solche Herden nennt man ‚Tabun’. Jahraus, jahrein
weideten die
Tiere in der Steppe unter ziemlich lockerer Aufsicht einiger
Steppenreiter in
der Nähe eines einsam gelegenen Viehstalles.
Zu
dieser
Herde
gesellte sich das letzte reinblütige Wildpferd, eine Stute. Wenn
die
Hirten
abwesend waren, mischte sie sich mitten unter die Herde. Kaum zeigte
sich aber
ein Hirt, so stand sie stets vereinzelt in einiger Entfernung da.
Niemals haben
die Hirten das Tier liegend ausruhen gesehen, wogegen die Hauspferde
während
des Tages regelmäßig eine Zeit liegend verbringen. So
vergingen
ungefähr drei
Jahre. Allmählich wurde die Stute zahmer. Sie entfernte sich nicht
mehr
so weit
beim Herannahen der Hirten, und wenn die Herde zur Tränke oder zum
Viehstall getrieben wurde, lief sie nicht wie zuerst weit in die Steppe
davon, sondern
folgte in einiger Entfernung der Herde. Durilin schonte und
beschützte das
Tier.
Während
der drei
Jahre bekam die Stute zwei Fohlen von einem zahmen Hengste der
Durilinschen
Herde. Von diesen beiden Fohlen war das eine der Mutter sehr
ähnlich,
das
andere aber artete dem Vater nach. Die Fohlen wurden der Stute jedes
Mal abgenommen, großgezogen und später als Arbeitspferde
verwendet,
haben sich
auch als sehr leistungsfähig erwiesen. Da sie aber
verhältnismäßig
klein
waren, hatte Durilin ihnen kein weiteres Interesse
entgegengebracht. Die Stute
wurde so zahm, dass sie im Winter eines Tages mit der Herde in die
Umzäunung
vor dem Stalle hineinging, wo die Pferde etwas Heu zu bekommen
pflegten. Schließlich
ging sie mit der Herde sogar in den Stall. Die Gelegenheit wurde
ausgenutzt, die
zahmen Pferde wurden herausgelassen und das Wildpferd im Stall
eingefangen.
Es
benahm sich
eingesperrt äußerst wild, sprang an den Wänden hoch,
schlug sich in die äußerste
Ecke des Stalles und nahm einige Tage kein Futter an. Schließlich
gewöhnte es
sich zwar an das Futter, gebärdete sich jedoch noch sehr wild.
Durilin ließ es
nun mit einem Lasso einfangen und in eine Box bringen, wo es bis zu
Frühjahr
blieb.
Man
gab sich die größte
Mühe, es zahmer zu machen, und erreichte auch, dass es sich zur
Tränke führen
ließ, wobei es aber jedes Mal versuchte, sich loszureißen.
Putzen und Anrühren
gestattete es nicht.
Im
Frühjahr bekam
es das dritte Fohlen im Stall. Beim Einbringen in die Box hatte es ein
Auge
verloren. Da, wie gesagt, das Tier so zahm geworden war, dass es sich
sogar führen
ließ und ein Fohlen bekam, hoffte Durilin, es würde
nicht mehr weglaufen und
nach dem Herauslassen auch weiter bei der Herde bleiben. Aber kaum war
der
Halfter abgenommen und der Stute die Freiheit gegeben, als sie mit
lautem
Wiehern sofort in die Steppe hinauslief. Bald kehrte sie zurück,
suchte ihr
Fohlen auf, nahm es mit sich und verschwand auf Nimmerwiedersehen in
der weiten
Steppe, statt sich der Herde anzuschließen. Seit dieser Zeit hat
Durilin
niemals wieder etwas über diese Stute erfahren können.
Später
tauchte das
Pferd in der verhältnismäßig menschenleeren Steppe auf,
nahe dem Dorfe Agaimany
und unserem Gute Uspenka, etwa 35 Werst von
Askania Nova, wurde von
verschiedenen Menschen gesehen und auch verfolgt, bei dieser
Gelegenheit hat es
wahrscheinlich sein Fohlen verloren. Laut Aussagen eines Augenzeugen,
des Herrn Paul
Sisojew, der in der Nähe von Uspenka sein Gut hatte
und an der letzten
Stutenjagd teilnahm, ist diese Stute auf folgende Weise ums Leben
gekommen:
Die
Bauern von Agaimany und einige der umliegenden kleinen
Besitzer,
denen das Auftreten des
Wildpferdes in ihrer Nähe bekannt wurde, beschlossen,
wahrscheinlich um die Tüchtigkeit
ihrer Pferde zu erproben, während der Weihnachtsfeiertage eine
Jagd, eher ein
Treiben, auf das Pferd zu veranstalten. Dazu sammelten sich die Reiter
auf den
besten Pferden der Umgegend. Man stellte berittene Vorposten in weiten
Abständen
voneinander auf und trieb nun die Stute dem ersten nächsten Posten
entgegen.
Dieser übernahm die Verfolgung bis zum zweiten, der nächste
bis zum dritten
usw. Doch aller Anstrengungen spottend, entging die Stute ihren
Verfolgern. Es
lag an diesem Tag ziemlich viel Schnee, dessen Decke zu einer harten
Kruste
gefroren war. Dazu waren sehr hohe Schneewehungen entstanden. Trotzdem
sprang
das Tier über alle diese Hindernisse mit fabelhafter Leichtigkeit
hinweg und wäre
niemals gefangen worden, wenn es sich nicht ein Vorderbein dadurch
gebrochen hätte,
dass es beim Springen in eine Erdspalte geriet.
Auf
einen Schlitten
geladen wurde es nach Agaimany gebracht, wo die ganze
Bevölkerung es anstaunte.
Man versuchte, um es zu retten, durch den Dorfbader einen
künstlichen Huf zu
machen, doch ging es selbstverständlich nach einigen Tagen ein.
Es
war dieselbe einäugige
Stute, die bei Durilin im Stalle gestanden hatte. Dies war das
Ende des letzten
südrussischen Wildpferdes. Von ihm ist leider weder Fell noch
Skelett gerettet
worden.
Alexander
Durilin
und Paul Sisojew, die beide in jener Gegend allgemein
bekannten Züchter und
Pferdekenner, gaben von dem Äußeren der Stute folgendes
Bild:
Sie
war klein,
ponnyartig, sehr gut gebaut, mit trockenen, festen und gut gestellten
Beinen,
etwas ramsnäsig, mit kleinen, spitzen Ohren, kleinem trockenem
Kopf, kurzer Mähne
und kurzem Schweif. Die Färbung war mäusegrau oder
wildfarbig, wie man es dort
bezeichnet, mit dunklen Beinen und deutlichem, schwarzem Aalstrich auf
dem Rücken.
Diese Angaben entsprechen vollkommen den Beschreibungen aller
übrigen von mir
befragten Leute, die das Wildpferd genauer gekannt haben, und ebenfalls
derjenigen, die mein Vater mir gegeben hat.“
---
Quelle
des Berichts:
Dr.O.Fehringer, Wildtiere und Haustiere, KOSMOS 1936
*)
entspricht 37km
Falz-Fein kaufte später gefangene Przewalski-Wildpferde
(Tachis)
für
den Tierpark. Es
gilt als sicher dass ohne diese Käufe und seine Zucht in Askania
Nova auch dieses Wildpferd ohne Nachkommen ausgestorben wäre. 1914
besuchte Zar Nikolai II. das Gut und erhob die deutschstämmigen
Besitzer in den Adelsstand. Nach der Russischen Revolution wurde Gut
und
Tierpark Askania Nova 1919 enteignet, aber nicht zerschlagen sondern
zum staatlichen
Tierzuchtinstitut erklärt. Die Falz-Feins jedoch emigrierten nach
Luxemburg. 1921 wird
die Gegend zum Naturschutzgebeit, 1984 zum Biosphärenreservat
erklärt. Einige der sechzehn 1992 ersten in der Mongolei wieder
ausgewilderten Tachis stammen aus Askania Nova.
Askania Nova liegt in
der heutigen
Ukraine, genau nördlich der Halbinsel Krim. Wo aber genau das Dorf
Agaimany liegt oder lag, wo das letzte Tarpan-Wildpferd starb, konnte
ich nicht ermitteln.
Externer
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