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Neu 30.März 2008, Update 7.12.2009

Das letzte Europäische Wildpferd

Tarpan

Heute wird der TARPAN von vielen Wissenschaftlern als das einzige Urpferd angesehen, von dem unser heutiges Haupferd abstammt. Höchst wahrscheinlich stimmt das nicht, und er ist lediglich einer der Hauspferde-Vorfahren, allerdings ein sehr wichtiger. Genau herausfinden wird man dies vielleicht nie, denn von keinem Tarpan sind Fell, Skelett oder DNS-haltiges Material erhalten. Allerdings werden seit einiger Zeit KONIKs auf ursprüngliche Merkmale rückgezüchtet und häufig fälschlich als Tarpane bezeichnet. Eine weitere, dem Tarpan nah verwandte Hauspferderasse ist der HUZULE. Es wird angenommen dass das einst in Ostpreußen heimische SCHWEIKER Pferd, Vorfahr des Trakehners, auf ein mit dem Tarpan verwandtes dort lokal lebendes Wildpferd zurückgeht, und auch die Vorfahren der ältesten Pferderasse Deutschlands, des SENNER PFERDES, leben vermutlich seit unvordenklichen Zeiten in der Heidelandschaft bei Bielefeld und gehen ebenfalls auf den Tarpan zurück, stärker vielleicht noch auf das MOSBACHPFERD.
Sehr wahrscheinlich haben sich die Vorfahren des Tarpans, des Urponys im Typ des Exmoorpony, und des Kaltblutpferdes, vielleicht auch des ARABERS vor vielen 10.000 Jahren, vielleicht sogar mehrern 100.000 Jahren - und damit weit vor der Domestikation des Pferdes durch den Menschen - sich getrennt und lokal unterschiedlich weiterentwickelt. Vermutlich bildeten sie verschiedene Unterarten (Ur-Rassen), die unterschiedliche Naturräume belebten und sich nur gelegentlich oder gar nicht vermischten. Es kann jedenfalls kaum bezweifelt werden dass es schon vor der Domestikation durch den Menschen unterschiedliche Pferde-Unterarten oder -Typen gab. Darauf weisen schon die Bilderhöhlen Südfrankreichs mit ihren herrlichen, unzweifelhaft verschiedene Pferdetypen darstellende Pferdebilder hin, von denen einige 32.000 Jahre alt sind.


Chauvet Pferde
(Fries der Pferde - GROTTE CHAUVET, entdeckt 1994)

In der Zuchtgeschichte des Pferdes wurden die Pferdetypen dann verfeinert, aber leider ist dabei auch etliches Genmaterial von Einhuferrassen, das zum Gebrauchspferd unerwünscht war, auch ausgerottet worden. Neben dem südafrikanischen Quagga ist der Tarpan als traurigster Verlust zu beklagen -- und das, obwohl anzunehmen ist, dass er viele Reitpferdepoints, körperliche wie seelische, zu dem was wir heute am Pferd am meisten schätzen, beigesteuert hat. Mehr jedenfalls als die heutigen Rückkreuzungen vermuten lassen...


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Diese kleinen mausgrauen Pferde mit der helleren Unterseite und dem „Aalstrich“ d.h. einer dunkleren Rückenlinie, mit der hellen, scharf abgesetzten Schnauze hatten an den dunklen Beinen zuweilen Streifen wie ein Zebra. Der Kopf war ein wenig ramsnäsig, klein, mit spitzen Ohren, die Mähne aufrecht stehend und kurz, der Schwanz an der Wurzel schwach behaart. Die Pferde lebten in Herden. Innerhalb dieser Gemeinschaften sonderten sich dann kleinere Familien-Trupps ab mit einem Hengst an der Spitze, der für die Sicherheit seiner weidenden Stuten besorgt war. Jede Gefahr witterte er schon von weitem und veranlasste die ganze Herde zu wilder Flucht. Diese Wildpferde waren so schnell, dass der Mensch ihnen nur schwer beikommen konnte. Die überzähligen Hengste wurden meist vom Leithengst abgeschlagen und trabten dann in einiger Entfernung hinter der Herde drein. Diese Außenseiter nun vor allem fügten den Bauern der südrussischen Steppe oft großen Schaden zu, indem sie Stuten aus den frei weidenden zahmen Herden weglockten und mit sich in die Steppe entführten. Deshalb wurden die Tarpane von den Pferdehirten und den Herdenbesitzern gehasst und unablässig verfolgt. Die letzte Zuflucht fanden sie dann endlich in den menschenarmen Gebieten Südrusslands.
Die sächsischen Gutsbesitzer von Falz-Fein hatten nördlich der Krim eine große Siedlung begründet, die sie Askania Nova nannten. Sie schufen dort einen großes Tier-Freilandgehege, wobei sie ihr Augenmerk besonders auf aussterbende Arten richteten. In seinem Werk „Askania Nova“ erzählt nun Woldemar von Falz-Fein von der Lebensarbeit seiner Familie und diesem Buch entnehmen wir einen Bericht von Friedrich von Falz-Fein über das traurige Ende des letzten europäischen Urwildpferdes, das sich 10 Jahre vor der Gründung des Tierparks zugetragen hatte. Hier sein Bericht:

„Das letzte südrussische Wildpferd ist im Jahre 1879 zu Weihnachten etwa 35 Werst*) von meinem Gute Askania Nova in einer Steppenniederung, die der ‚Große Agaimanische Pod’ genannt wird, getötet worden.

Mein Vater war ein großer Pferdekenner und Pferdezüchter und interessierte sich sehr für die in seinen jüngeren Jahren in der Nogaischen Steppe Tauriens noch ziemlich häufig vorkommenden Wildpferde, die übrigens in den Steppen der Halbinsel Krim, soweit bekannt, niemals vorhanden gewesen sind.

Im Anfang der siebziger Jahre erzählte er mir, wenn er von seinen Steppenfahrten heimkehrte, öfter davon, dass er wieder einen Trupp Wildpferde in der Steppe gesehen hätte. Zuletzt sah er nur noch 8, dann 5, dann nur noch 2 Pferde; immer beobachtete er sie ungefähr in derselben Gegend.

Das letzte Mal, als er davon erzählte, sagte er wörtlich folgendes: “Heute war ich dort, wo die Bahn gebaut wird (Charkow-Sewastopol) und habe in der Steppe noch 2 Wildpferde gesehen.“

Einige Jahre später erwähnte mein Vater, dass nur noch ein Wildpferd vorhanden sei und zwar in der Rachmanowschen Steppe.

Ein Gutsbesitzer, Herr Alexander Durilin, der am rechtsseitigen Ufer des Dnjepr im Chersonschen Gouvernement sein Gut Dutschino benachbart dem Gute meines Bruders Alexander, gegenüber dem großen russischen Dorfe Lepetischa hatte, erzählte mir folgendes:

Er hatte die ganze Rachmanowsche Steppe auf der linken Seite des Dnjepr, also im taurischen Gouvernement, in langjähriger Pacht, in der Größe von etwa 30.000 ha. Laut Kontrakt durfte er nur einen kleinen Teil, ungefähr 1000 ha, als Ackerland ausnutzen. Das übrige musste Steppe bleiben und durfte nur als Weide oder Grasmähland verwendet werden. Da Durilin wenig lebendes Inventar besaß, wurde die Steppe nicht stark begangen, war menschenleer und sehr grasreich. Dahin zog sich das oben erwähnte letzte Wildpferd zurück.

Durilin hielt auf der Steppe eine große Pferdeherde auf sehr primitive Art, wie es dazumal gewöhnlich der Fall war. Solche Herden nennt man ‚Tabun’. Jahraus, jahrein weideten die Tiere in der Steppe unter ziemlich lockerer Aufsicht einiger Steppenreiter in der Nähe eines einsam gelegenen Viehstalles.

Zu dieser Herde gesellte sich das letzte reinblütige Wildpferd, eine Stute. Wenn die Hirten abwesend waren, mischte sie sich mitten unter die Herde. Kaum zeigte sich aber ein Hirt, so stand sie stets vereinzelt in einiger Entfernung da. Niemals haben die Hirten das Tier liegend ausruhen gesehen, wogegen die Hauspferde während des Tages regelmäßig eine Zeit liegend verbringen. So vergingen ungefähr drei Jahre. Allmählich wurde die Stute zahmer. Sie entfernte sich nicht mehr so weit beim Herannahen der Hirten, und wenn die Herde zur Tränke oder zum Viehstall getrieben wurde, lief sie nicht wie zuerst weit in die Steppe davon, sondern folgte in einiger Entfernung der Herde. Durilin schonte und beschützte das Tier.

Während der drei Jahre bekam die Stute zwei Fohlen von einem zahmen Hengste der Durilinschen Herde. Von diesen beiden Fohlen war das eine der Mutter sehr ähnlich, das andere aber artete dem Vater nach. Die Fohlen wurden der Stute jedes Mal abgenommen, großgezogen und später als Arbeitspferde verwendet, haben sich auch als sehr leistungsfähig erwiesen. Da sie aber verhältnismäßig klein waren, hatte Durilin ihnen kein weiteres Interesse entgegengebracht. Die Stute wurde so zahm, dass sie im Winter eines Tages mit der Herde in die Umzäunung vor dem Stalle hineinging, wo die Pferde etwas Heu zu bekommen pflegten. Schließlich ging sie mit der Herde sogar in den Stall. Die Gelegenheit wurde ausgenutzt, die zahmen Pferde wurden herausgelassen und das Wildpferd im Stall eingefangen.

Es benahm sich eingesperrt äußerst wild, sprang an den Wänden hoch, schlug sich in die äußerste Ecke des Stalles und nahm einige Tage kein Futter an. Schließlich gewöhnte es sich zwar an das Futter, gebärdete sich jedoch noch sehr wild. Durilin ließ es nun mit einem Lasso einfangen und in eine Box bringen, wo es bis zu Frühjahr blieb.

Man gab sich die größte Mühe, es zahmer zu machen, und erreichte auch, dass es sich zur Tränke führen ließ, wobei es aber jedes Mal versuchte, sich loszureißen. Putzen und Anrühren gestattete es nicht.

Im Frühjahr bekam es das dritte Fohlen im Stall. Beim Einbringen in die Box hatte es ein Auge verloren. Da, wie gesagt, das Tier so zahm geworden war, dass es sich sogar führen ließ und ein Fohlen bekam, hoffte Durilin, es würde nicht mehr weglaufen und nach dem Herauslassen auch weiter bei der Herde bleiben. Aber kaum war der Halfter abgenommen und der Stute die Freiheit gegeben, als sie mit lautem Wiehern sofort in die Steppe hinauslief. Bald kehrte sie zurück, suchte ihr Fohlen auf, nahm es mit sich und verschwand auf Nimmerwiedersehen in der weiten Steppe, statt sich der Herde anzuschließen. Seit dieser Zeit hat Durilin niemals wieder etwas über diese Stute erfahren können.

Später tauchte das Pferd in der verhältnismäßig menschenleeren Steppe auf, nahe dem Dorfe Agaimany und unserem Gute Uspenka, etwa 35 Werst von Askania Nova, wurde von verschiedenen Menschen gesehen und auch verfolgt, bei dieser Gelegenheit hat es wahrscheinlich sein Fohlen verloren. Laut Aussagen eines Augenzeugen, des Herrn Paul Sisojew, der in der Nähe von Uspenka sein Gut hatte und an der letzten Stutenjagd teilnahm, ist diese Stute auf folgende Weise ums Leben gekommen:

Die Bauern von Agaimany und einige der umliegenden kleinen Besitzer, denen das Auftreten des Wildpferdes in ihrer Nähe bekannt wurde, beschlossen, wahrscheinlich um die Tüchtigkeit ihrer Pferde zu erproben, während der Weihnachtsfeiertage eine Jagd, eher ein Treiben, auf das Pferd zu veranstalten. Dazu sammelten sich die Reiter auf den besten Pferden der Umgegend. Man stellte berittene Vorposten in weiten Abständen voneinander auf und trieb nun die Stute dem ersten nächsten Posten entgegen. Dieser übernahm die Verfolgung bis zum zweiten, der nächste bis zum dritten usw. Doch aller Anstrengungen spottend, entging die Stute ihren Verfolgern. Es lag an diesem Tag ziemlich viel Schnee, dessen Decke zu einer harten Kruste gefroren war. Dazu waren sehr hohe Schneewehungen entstanden. Trotzdem sprang das Tier über alle diese Hindernisse mit fabelhafter Leichtigkeit hinweg und wäre niemals gefangen worden, wenn es sich nicht ein Vorderbein dadurch gebrochen hätte, dass es beim Springen in eine Erdspalte geriet.

Auf einen Schlitten geladen wurde es nach Agaimany gebracht, wo die ganze Bevölkerung es anstaunte. Man versuchte, um es zu retten, durch den Dorfbader einen künstlichen Huf zu machen, doch ging es selbstverständlich nach einigen Tagen ein.

Es war dieselbe einäugige Stute, die bei Durilin im Stalle gestanden hatte. Dies war das Ende des letzten südrussischen Wildpferdes. Von ihm ist leider weder Fell noch Skelett gerettet worden.

Alexander Durilin und Paul Sisojew, die beide in jener Gegend allgemein bekannten Züchter und Pferdekenner, gaben von dem Äußeren der Stute folgendes Bild:

Sie war klein, ponnyartig, sehr gut gebaut, mit trockenen, festen und gut gestellten Beinen, etwas ramsnäsig, mit kleinen, spitzen Ohren, kleinem trockenem Kopf, kurzer Mähne und kurzem Schweif. Die Färbung war mäusegrau oder wildfarbig, wie man es dort bezeichnet, mit dunklen Beinen und deutlichem, schwarzem Aalstrich auf dem Rücken. Diese Angaben entsprechen vollkommen den Beschreibungen aller übrigen von mir befragten Leute, die das Wildpferd genauer gekannt haben, und ebenfalls derjenigen, die mein Vater mir gegeben hat.“

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Quelle des Berichts: Dr.O.Fehringer, Wildtiere und Haustiere, KOSMOS 1936

 
*) entspricht 37km


Falz-Fein kaufte später gefangene Przewalski-Wildpferde (Tachis) für den Tierpark. Es gilt als sicher dass ohne diese Käufe und seine Zucht in Askania Nova auch dieses Wildpferd ohne Nachkommen ausgestorben wäre. 1914 besuchte Zar Nikolai II. das Gut und erhob die deutschstämmigen Besitzer in den Adelsstand. Nach der Russischen Revolution wurde Gut und Tierpark Askania Nova 1919 enteignet, aber nicht zerschlagen sondern zum staatlichen Tierzuchtinstitut erklärt. Die Falz-Feins jedoch emigrierten nach Luxemburg. 1921 wird die Gegend zum Naturschutzgebeit, 1984 zum Biosphärenreservat erklärt. Einige der sechzehn 1992 ersten in der Mongolei wieder ausgewilderten Tachis stammen aus Askania Nova.

Askania Nova liegt in der heutigen Ukraine, genau nördlich der Halbinsel Krim. Wo aber genau das Dorf Agaimany liegt oder lag, wo das letzte Tarpan-Wildpferd starb, konnte ich nicht ermitteln.


Askania Nova heute

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