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Neu April 2019

Wilhelm Blendinger (1909-1980)

- Praktischer Tierarzt, Tierpsychologe, Reiter, Trainer -- und Philosoph!

Wilhelm Blendinger
Bild von Wugwiki, Ulf Beier

Psychologische Kenntnisse  sind für jeden, der mit Pferden zu tun hat, heute mehr denn je von Bedeutung. Zunächst einmal deshalb, weil uns zivilisierten, oft einseitig intellektuell eingestellten Menschen der Gegenwart weitgehend das natürliche Gefühl für den Umgang mit dem Tier verlorengegangen ist, ein Gefühl, das für den Menschen früherer Zeit vermutlich selbstverständlich war.
Dies zeigt sich schon in den eiszeitlichen Malereien, die das Tier als beherrsehendes Thema, das Pferd als eines der beliebtesten Objekte darstellten. Zum psychischen Kontakt zwischen Mensch und Tier bedurfte es also nicht erst der Domestikation. Wahrscheinlich war der eiszeitliche Jäger sogar mehr als der Tierzüchter späterer Zeit darauf angewiesen, sich über die seelischen Vorgänge im Tier, über sein Verhalten, ein Urteil zu bilden, sich in das Tier einzufühlen.
Nur so war es möglich, daß sich jene Menschen der Vorzeit mit ihren primitiven Waffen und Hilfsmitteln zu Herren auch der größten und gefährlichsten Tiere aufschwingen konnten. Es gibt jedoch auch berechtigte Gründe, annehmen zu dürfen, daß das psychologische Interesse des Eiszeitmenschen über die reine Zweckbindung hinausging, daß jener Frühmensch ein gewisses Gefühl der Achtung, ja der Ehrfurcht oder gar der Zugehörigkeit zu dem gleich ihm lebenden Wesen empfand. Dies würde bedeuten, daß die Höhlenmalereien mehr waren als nur ein Jagdzauber. Manchem jagdlichen Brauchtum der Gegenwart liegt eine ähnliche ethische Haltung zugrunde. Wenn der Jäger dem erlegten Hirsch einen Bruch, den letzten Bissen, in den Äser legt, wenn er beim Verblasen der Strecke mit gezogenem Hut schweigend davor steht, dann bringt auch das die Achtung zum Ausdruck, die man vor den Geschöpfen aus der Tierwelt empfindet.
Von der Achtung der Frühmenschen vor dem Tier zeugen auch die vielfach aufgefundenen Bestattungen der Häupter von Höhlenbären. Dabei ist es gleichgültig, ob man annehmen will, daß es sich um Jagdbeuten oder um gezähmte Haustiere gehandelt hat.
Für den Menschen der Gegenwart ist die Vorstellung von der psychischen Haltung des vorzeitlichen Menschen nicht ohne Bedeutung. Manche betrachten wohl nicht zu Unrecht seine archetypischen Verhaltensweisen als Schlüssel für das Verständnis der gegenwärtigen Menschheit. Die Auffassung, das ursprüngliche Verhalten des Menschen als natürlich und bis heute fortwirkend anzusehen, ist gewiß in vieler Beziehung wertvoll und aufschlußreich. Nur kann es verhängnisvoll sein, wenn man dabei einer irrigen Vorstellung erliegt. Manches spricht dafür, daß man bisher vielfach einem schiefen Bild über unsere Ahnen zum Opfer gefallen ist. Da werden jene Frühmenschen gerne als zähnefletschende, blutrünstige, kannibalische Ungeheuer, in zügellosen Horden lebend, dargestellt, die nichts besseres zu tun hatten, als nicht nur Tiere, sondern auch ihresgleichen totzuschlagen und aufzufressen.
In Wirklichkeit scheint es sich um empfindsame Wesen gehandelt zu haben. Dafür spricht nicht nur die auffallende künstlerische Veranlagung mit offenbar ausgeprägtem Sinn für Farbe, Form und Schönheit, wie sie sich in den erstaunlichen Wandmalereien offenbart. »Daß der Neandertaler ein überaus empfindsamer und nachdenklicher Mensch gewesen sein muß, geht im Gegensatz zu manchen früheren Spekulationen auch aus neuen Fundergebnissen einwandfrei hervor: In der Höhle von Shanidar im nördlichen Irak wurde unter anderem vor mehreren Jahren eine Kinderbestattung gefunden, die ungefähr 60.000 Jahre alt ist. Das Skelett des etwa neun Monate alten Säuglings lag in Hockstellung auf einer bräunlichen Schicht von unbekannter Konsistenz. Die Pollenuntersuchung in einem Pariser Laboratorium ergab, daß sie aus verschiedenartigen, aber ausschließlich blauen Wiesenblumen bestanden hat. Neandertaler Menschen haben hier einen Säugling auf blauen Blumen bestattet« (G. Kleemann). --
Demnach ist es wohl falsch, sich unsere Ahnen als die ungeschlachten Gesellen vorzustellen, als die sie heute manchmal als eine Art Idealtypen aggressiver Kraftmenschen hingestellt werden, in einer Zeit, in der so oft Stärke mit Roheit, Gefühl mit Schwäche verwechselt wird. Die Geschichte zeigt, daß der Umgang mit dem Pferd gesittetes Wesen verlangt, wenn eine schöpferische, kulturelle Leistung daraus entspringen soll. In der Folge wird nicht zuletzt deutlich gemacht, daß das Pferd eine Art von Naturrecht für gesittete Behandlung in Anspruch nehmen darf. Die Überzeugung, daß dies einer naturgemäßen menschlichen Haltung entspricht, mag dazu beitragen, diese Forderung um so eher zu erfüllen...

Die Polarität

Alles, was besteht, und alles, was geschieht, beruht auf Gegensätzen. Diese Gesetzmäßigkeit wurde schon vor zweieinhalbtausend Jahren von dem griechischen Philosophen Heraklit erkannt und formuliert, von Goethe als »das Urphänomen« bezeichnet. Himmel und Erde, Tag und Nacht, Berg und Tal, rechts und links, warm und kalt, keines ist ohne das entgegengesetzte Äquivalent denkbar. In noch gesteigerter Form herrscht dieser Dualismus im Reich des Lebendigen, sowohl auf körperlichem als auch auf seelischem Gebiet. Leib und Seele, männlich und weiblich, jung und alt, wachen und schlafen, Lust und Schmerz, Gefühl und Verstand, der Antagonismus der Hormone u.v.a. beruhen auf dem Gegensatz aller Dinge und allen Geschehens.

Wenn zwischen zwei Gegensätzen ein Spannungszustand auftritt, spricht man von Polarisierung, allgemein bekannt vom Magnetismus oder von der Elektrizität. Ein Pluspol ist ohne Minuspol ebensowenig möglich wie elektrischer Strom ohne Spannung. Alle lebenden Körper befinden sich in Spannungszuständen, die mit dem Tode enden.
Kommt es bei unter Spannung stehenden Gegensätzen zu einer Wechselwirkung, so spricht man von Rückkopplung, die in Form der schon erwähnten elektrisch-chemischen Prozesse wahrscheinlich das Grundprinzip des Lebens ist. Die Rückkopplung wird durch komplizierte Regelungsmechanismen in einem Gleichgewichtszustand erhalten. Diese sogenannte Kybernetik tritt in zahlreichen Formen und bei den verschiedenartigsten Vorgängen in allen Lebewesen bis in die letzte Körperzelle hinein auf, beispielsweise bei der Aufrechterhaltung einer gleichbleibenden Körpertemperatur. Damit hängen die sowohl im körperlichen als auch Im seelischen wirkenden Gegenregulationen zusammen.

Diesen Vorgang der Gegenregulation kann man sich am Wirken eines Thermostaten vergegenwärtigen. Angenommen, der Temperaturregler für das Kühlwasser unseres Autos ist auf 80° eingestellt. Am Hin- und Herschwanken des Zeigers am Armaturenbrett erkennen wir, daß die Wassertemperatur zunächst über 80 ° ansteigt, um dann nach dem Öffnen des Thermostaten unter den Normwert zu sinken usf.

Eine der bekanntesten körperlichen Gegenregulationen ist die uns allen bekannte Erscheinung, daß stark abgekühlte Hände bei nachfolgender Erwärmung heißer werden, als sie vorher im Normalzustand gewesen sind. Eine andere körperliche Gegenregulation tritt beispielsweise auf, wenn man Traubenzucker in die Blutbahn injiziert. Der zunächst erhöhte Zuckergehalt des Blutes sinkt nach einigen Stunden unter die ursprüngliche Norm ab. Bekannt als psychische Gegenregulation ist die fröhliche Ausgelassenheit vieler Trauergesellschaften als Gegenreaktion auf die vorausgegangene, keineswegs geheuchelte Betrübnis. Gegenregulationen suggestiver Art kommen in altbekannter Weise beim Glückwünschen zum Vorschein. Man wünscht »Hals- und Beinbruch«, um das Unterbewußtsein zu einer Gegenregulation, zu erhöhter Aufmerksamkeit zu veranlassen. Wer anderen gegenüber seinen Erfolg, sein Glück rühmt, klopft erschrocken an den hölzernen Tisch, in der Hoffnung, eine ungünstige Gegenregulation aufzuhalten. »Man soll die Gegenkräfte des Geschicks nicht wecken« (Goethe).
Mit Gegen- oder besser gesagt mit Überregulationen ist die Entwicklung vieler Eigenschaften zu erklären, die aus der Selektionstheorie allein nicht verständlich wäre. Neben vielen anderen Beispielen läßt sich dies besonders deutlich an der Entstehung der menschlichen Wortsprache zeigen. Noch vor 100.000 Jahren vermochte der Mensch nicht in zusammenhängenden Worten zu sprechen. Unmöglich konnte in der relativ kurzen, seither verflossenen Frist lediglich durch Auslese der Begabteren vor den weniger Begabten die Sprache entstanden sein. Das wäre allenfalls im Laufe von vielen Jahrmillionen denkbar. Man kann sich nicht vorstellen, daß in einer so kurzen Zeitspanne von einigen hunderttausend Jahren allein durch Zufall und Auslese die Millionen Ganglienzellen und ihre Querverbindungen, die sogenannten Synapsen gebildet wurden, die im Gehirn das Wunderorgan des menschlichen Sprachzentrums hervorbrachten. Tatsächlich ist aber die Wortsprache nicht nur nicht allmählich, sondern geradezu ruckartig aufgetreten (Pleßner).
Das Sprachzentrum war bereits in prospektiver, d. h. zielstrebiger Weise fertig ausgebildet, bevor der Mensch zu sprechen begann. Ein anderes Beispiel: Man kann davon ausgehen, daß eine gewisse Musikalität oder eine Begabung für Zahlvorstellungen im Kampf ums Dasein notwendig oder zweckmäßig ist. Die Begabung der meisten Menschen oder gar das mathematische oder musikalische Genie Einsteins oder Mozarts geht aber weit über das zum Kampf ums Dasein Norwendige hinaus. Es hat sich gewiß nicht durch allmähliche Auslese der zufällig musikalisch oder mathematisch Begabteren entwickelt, dies um so weniger, als sich solche Genies erfahrungsgemäß für die oft primitiven Bedingungen des Daseinskampfes keineswegs als die tüchtigsten erweisen.
Noch merkwürdiger, aber ebenfalls mit Hilfe von Überregulationen erklärbar, ist die Frage nach der Entstehung negativer Eigenschaften. So ist die allen Mensehen und vielen warmblütigen Tieren angeborene Affinität zu Rauschgiften ganz gewiß keine im Kampf ums Dasein nützliche Eigenschaft. Sie kann nicht dadurch entstanden sein, daß sich die Süchtigeren als die erfolgreicheren vor den weniger Süchtigen behauptet und infolgedessen besonders stark vermehrt hätten. Dagegen läßt sich eine Auslese derjenigen, die nach Genuß strebten und sich deshalb im Kampf ums Dasein besonders anstrengten, durchaus vorstellen. In einer Überregulation, man könnte sagen, in einer Hypertelechie, hat sich daraus die Anlage zur Süchtigkeit gebildet. Auch die in sämtlichen warmblütigen Tieren schlummernde Veranlagung zur Aggressivität kann man in ähnlicher Weise erklären. Alle haben die im Lebenskampf sicherlich wertvolle Eigenschaft, sich oder die eigenen Jungen gegen Angreifer, wenigstens solche ähnlicher Art, zu verteidigen. In einer Überregulation mag sich daraus die Anlage zur Aggressivität entwickelt haben, die dann durch unnatürliche Umweltbedingungen körperlicher oder seelischer Art, beispielsweise durch die Infektion mit dem Erreger der Tollwut oder infolge von Bewegungsmangel, auch bei Tieren wie Hasen, Rehen oder Pferden ausgelöst wird, in deren natürlicher, adäquater Umwelt zwar Defension, niemals aber Aggression eine Bedeutung haben kann.
Die letzten Beispiele zeigen bereits, wie infolge zu geringer oder infolge übersteigener Gegenreaktionen schädliche Extremhaltungen entstehen können; eine Gefahr der wir alle ständig ausgesetzt sind. Besonders kraß tritt dies in Erscheinung bei jenen Menschen, die infolge von gestörten Regulationsvorgängen, ohne zwingenden Grund von ekstatischer Fröhlichkeit in tieftraurige Melancholie zu verfallen pflegen. Wenn die Regulation der Rückkopplung versagt, kann es sogar zu einer fortwährenden Steigerung, man könnte sagen, zu einem Aufschaukeln der Extreme kommen, allgemein bekannt als circulus vitiosus. Da verfettet der Träge infolge mangelnder Bewegung. Die Verfettung macht ihn plump und unbeholfen und steigert dadurch seine Trägheit um so mehr, ein Beispiel von unzähligen.
Eine Form der Extremhaltung ist beim Menschen die Paranoia, die Wahnsüchtigkeit. Von einem einseitigen, übersteigerten, nicht zu beherrschenden Wahnzustand »verfolgt«, ist die seelische Harmonie der Gegensätze so einseitig gestört, daß diese krankhaft werden. Bekannte Formen sind der Größenwahn (s.S.42), der religiöse, der Eifersuchts-, der Verfolgungswahn oder der ideologische Fanatismus politischer Extreme. Beim Menschen werden diese Extremhaltungen durch das reflektierende Denken häufig in ungeahnter Weise aufgeschaukelt. Doch können verwandte Erscheinungen in Form von Neurosen auch beim Tier infolge unnatürlicher Lebensbedingungen, beispielsweise als Eifersucht, Masochishmus, Haftneurosen in Erscheinung treten (s. a. S. 251).
Aus dem allen ergibt sich die Folgerung, daß es Sinn der Höherentwicklung sein muß, die Gegensätze zu verbinden. »Aus der Zusammenführung entgegengesetzter Töne entsteht die Harmonie« (Heraklit). Diese Vereinigung der Gegensätze im besonderen bezeichnet man als Polarität, als einschließenden Gegensatz (Pförtner), coincidentia oppositorum, les extremes se touchent. Der damit verbundene Spannungszustand erfordert unaufhörliche Anstrengung. Es ist leichter, in Extremen zu verharren, als Gegensätze zu verbinden, wie folgende Beispiele zeigen mögen:

Extreme Vereinigung der Gegensätze

tollkühn  ↔  feige mutig und doch vorsichtig
hochmütig  ↔  unterwürfig selbstbewußt und doch bescheiden
verschwenderisch  ↔  geizig sparsam und doch freigiebig

Ferner ist auf Grund der Polarität darauf zu schließen, daß dort, wo eine Vereinigung der Gegensätze stattfindet, Vollkommenheit erreicht ist, sei es in der Entwicklungsgeschichte oder im einzelnen Individuum. Eine Steigerung menschlicher Persönlichkeit über das »selbstbewußt und doch bescheiden« hinaus gibt es nicht. Aus alledem geht hervor, daß die Regulationsmechanismen, beginnend bei der Entstehung des Lebens mit der Steuerung chemisch-elektrischer Rückkopplungen bis hin zu den höchsten psychischen Bereichen, ein Urphänomen des Lebens darstellen.
Doch wäre es ein Irrtum zu glauben, man habe nun die Lösung eines der größten Welträtsel gefunden. Sie wurde nur verschoben. Denn woher kommen jene geheimnisvollen Regulationen? Entstanden sie wirklich nur aus Zufall und Notwendigkeit?

Das Lebensprinzip der Irrbarkeit

Der Gegensatz zwischen unbelebter und belebter Materie besteht nach dem Vorausgegangenen darin, daß jene dem Kausalitätsprinzip, dem Gesetz von Ursache und Wirkung, absolut, diese ihm nur relativ unterworfen ist. Zur Erläuterung ein Beispiel: Man stelle sich vor, auf dem Scheitel eines Berges befinde sich ein loser Steinblock in labilem Gleichgewicht. Da erfolgt in der Nähe eine Erschütterung, vielleicht eine Sprengung. Der Block gerät in Bewegung, stürzt zu Tal, prallt gegen einen Felsen und zersplittert. Niemand wird bestreiten, daß alle Bewegungen des fallenden Steines dem Kausalitätsprinzip absolut unterwarfen waren, und theoretisch nach den Gesetzen der Schwerkraft und der Trägheit im voraus berechnet werden konnten.
Nun denke man sich dieselbe Situation mit einem belebten Wesen, vielleicht mit einer Gemse, die sich an derselben Stelle befindet wie vorhin der leblose Stein. Auch das Tier wird infolge der Sprengung aus der Ruhe gebracht, es erschrickt und springt den Berg hinunter. Es unterliegt also ebenfalls dem Kausalitätsprinzip, jedoch nur begrenzt. Auch die Gemse wird zwangsläufig auf die Ursache reagieren, aber nicht in vorausberechenbarer Weise. Sie kann vielleicht nach rechts oder nach links abbiegen, sie kann mehr oder weniger zweckmäßig oder unzweckmäßig reagieren. Vielleicht prallt sie in kopfloser Angst gegen den Felsen, an dem vorhin der Stein zersplittert ist und bricht sich das Genick, vielleicht aber kommt sie auch heil unten an und rettet ihr Leben.
Auf dieser eigengesetzlichen Reaktion, jener relativen Unabhängigkeit von der Umwelt und den möglichen Fehlregulationen beruht eines der entscheidenden Phänomene des Lebens, die Irrbarkeit. Nur das Belebte kann irren, nicht das Unbelebte. Niemals wird man sagen können, der Stein, weil er am Felsen zersprungen ist, habe falsch reagiert, er habe sich geirrt. Wohl aber kann das Lebewesen mehr oder weniger zweckmäßig, sinnvoll oder sinnwidrig reagieren oder irren.
Daraus, aus dem Phänomen der Irrbarkeit, ergeben sich weitere wichtige psychologische Erkenntnisse. Wo Leben ist, muß auch das Prinzip der Irrbarkeit gelten. Wo kein Irrtum, kein Fehler erfolgen kann, wo alles folgerichtig vor sich geht, würde kein Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebtem bestehen. Wenn Leben sein soll, muß ihm also die Freiheit des Irrenkönnens gegeben werden, denn nur das Unbelebte irrt nie.
Es liegt im Wesen des Lebens, der Entelechie und der Irrbarkeit, daß zwar jede Reaktion zielstrebig, keineswegs aber immer zweckmäßig ist. Auf der Verwechslung von Zielstrebigkeit mit Zweckmäßigkeit beruht bei manchen die Ablehnung des Entelechie-Begriffs. Ohne Zweifel sind unzählige Lebensvorgänge keineswegs zweckmäßig. Dennoch können sie zielstrebig sein. Das gilt nicht nur für das einzelne Individuum sondern auch für die Entwicklung der Arten. Das heißt, die Irrbarkeit tritt ebenso wie die Zielstrebigkeit sowohl im einzelnen Lebewesen als auch in der Entwicklungsgeschichte in Erscheinung. Weder die Reaktion des einzelnen Tieres, noch irgendeine Entwicklung überhaupt muß fehlerfrei sein. Die Entwicklungsgeschichte gerade des Pferdes im Laufe der letzten 50 Millionen Jahre zeigt, daß viele Seitenlinien ausgestorben sind, offenbar, weil sie unzweckmäßig organisiert waren, wenn nicht etwa klimatische Veränderungen ihre Lebensgrundlagen zerstörten. Deshalb sollte man das Wort Orthogenie, das heißt gradlinig-zweckmäßige Fortentwicklung, besser nicht verwenden, sondern statt dessen vielmehr von Telegenie sprechen.
Auf dem Prinzip der Irrbarkeit beruht auch die im Leben der Menschen und vieler Tiere so häufige Täuschung oder Irreführung. Schon in der Pflanzenwelt begegnet man diesem Prinzip. Da verleitet etwa eine fleischfressende Pflanze durch herrliche Farbenpracht nektarsuchende Insekten, in ihren Blutenkelch zu kriechen, um darin eingefangen und verspeist zu werden. Das allgemein bekannte, geradezu klassische Beispiel in der Tierwelt für die Verbindung von Irrtum und Täuschung ist der Lebenslauf des Kuckucks. Der Ausdruck Täuschungsmanöver ist ein allgemein bekannter und feststehender Begriff. Nirgends wird der Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern deutlicher als hier.
Als charakteristische Eigenschaft der Seele wird die Irrbarkeit um so größer sein, je höher das betreffende Lebewesen entwickelt ist. Sie erreicht auch tatsächlich ihre Kulmination in der Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu belügen und sich selbst zu vernichten.

Leben, Rhythmus und Bewegung

Jedes Leben ist zielstrebige Bewegung, und wenn auch nur in Form intrazellulärer molekularer Bewegungsweisen. Dagegen befindet sich alles unbelebte, das gesamte Universum, zwar ebenfalls in unaufhörlicher Bewegung vom Elektron über das Atom, bis hin zu den größten und entferntesten Gestirnen, nicht aber in vorausplanender, zielstrebiger, sondern in kausal-deterministischer Weise. Bewegung ist das Primäre allen Seins. »Vom Atom bis zum Stern basiert das Leben des gesamten Kosmos auf Geschwindigkeit in der Zeit« (Tesio).
Eine besondere Eigentümlichkeit jeder Bewegung sowohl im Bereich des Belebten als auch des Unbelebten ist die, daß es offenbar keine kontinuierlichen, sondern nur rhythmische Bewegungen gibt. Man versteht unter Rhythmen wiederholte Bewegungsvorgänge gleicher Art, die jedoch nicht in maschinenhaften oder taktmäßig gleichförmigen Zeitabständen ablaufen müssen. Das Wasser, die Luft, der Schall, das Licht, alle elektromagnetischen Kräfte bewegen sich in Wellen, in Rhythmen. Sämtliche Gestirne haben rhythmische Bahnen. Der für unser Leben wichtigste äußere Rhythmus ist der zwischen Tag und Nacht.
Auch die Bewegungen lebendiger Körper laufen in rhythmischen Intervallen ab. Innere Rhythmen sind solche des Kreislaufs, der Atmung, des Wachens und Schlafens, der rhythmisch wechselnden Blutspiegel, der Nahrungsaufnahme und unzähliger anderer Vorgänge. Die Lebensrhythmen sind entsprechend der Besonderheit des Lebens dadurch gekennzeichnet, daß sie bis zu einem gewissen Grad eigengesetzlicher Natur und dem Zwang äußerer Ursachen und Wirkungen nur teilweise unterworfen sind. Diese eigengesetzlichen Rhythmen scheinen bei jedem Lebewesen verschieden, aber doch auch für jede Tierart von einer bestimmten Charakteristik zu sein, etwa so, wie der Gang eines jeden Pferdes zwar von dem aller anderen verschieden, aber doch von einer charakteristischen Art ist. Wenn man im Rundfunk das künstlich erzeugte Getrappel eines Pferdes hört, weiß jedermann, daß es sich um ein laufendes Pferd handeln soll. Der Rhythmus Ist sogar so charakteristisch, daß man allein aus ihm die Gangart erkennen kann.
Eindrucksvolle Gesetzmäßigkeiten von Rhythmen hat die moderne Schlafforschung entdeckt. Danach besteht nicht nur der bekannte Rhythmus zwischen Wachsein und Schlaf, sondern ein ebensolcher innerhalb des Schlafes, der »keineswegs ein gleichförmiger Zustand ist, sondern eine Aufeinanderfolge von Zyklen, die jeweils vier verschiedene Zustände der Gehirn- und Körpenätigkeit enthalten« (H. v. Borch).
In der Psychologie ist das Gesetz des Rhythmus für das Lernen von Bedeutung. Jedes Lernen einer neuen Fertigkeit oder Fähigkeit beruht auf der Wiederholung von Übungen in Intervallen. Bei der Behandlung des Gedächtnisses wird darauf näher einzugehen sein. Besonders augenfällig wird die Rolle von Rhythmen und Frequenzen bei der Reaktionsfähigkeit auf äußere, bewegte Abläufe. Dabei ergeben sich eigenartige Gesetzmäßigkeiten. »Schon 1894 hat Karl Ernst v. Baer festgestellt, daß die kürzeste Wahrnehmungseinheit, in der der Mensch ein Bild noch isoliert von anderen erfassen kann, den achtzehnten Teil einer Sekunde ausmacht« (Heiss). Diese lange Zeit vor der Entwicklung der Kinematographie ermittelte Tatsache wurde später durch den Film eindrucksvoll bestätigt. Wenn der im Film vorgetäuschte Ablauf kontinuierlicher Bewegungen für den Menschen fließend erscheinen soll, müssen mindestens 18 Bilder in der Sekunde vor seinem Auge vorüberrollen. Wir sind dann nicht mehr in der Lage, sie einzeln und getrennt voneinander zu erfassen. Die für ein Lebewesen kürzeste Wahrnehmungselnheit wird nach v. Baer »Moment« genannt. Beim Menschen beträgt sie, wie gesagt, 1/18 Sekunde. »Nun fragte sich v. Baer, was geschähe, wenn wir diese Einheit entweder verkürzen oder erweitern würden, was also geschähe, wenn wir beispielsweise in der Sekunde nicht 18 sondern 100 oder 1000 Wahrnehmungseinheiten hätten. Oder was wäre, wenn wir nicht in der Sekunde 18, also in der Minute etwa 1000 Bilder, sondern nur zehn Bilder wahrzunehmen fähig wären? Wir würden bei den entsprechenden Verschnellerungen unserer Wahrnehmungsemheit den Weg einer Flintenkugel, die wir jetzt nicht sehen, eine Strecke verfolgen können. Dafür würde ein mit Stundengeschwindigkeit von 100 Kilometern fahrender Schnellzug langsam und gravitätisch an uns vorbeispazieren. Gleichzeitig aber würden wir auch nicht mehr erkennen, daß eine kriechende Schnecke sich bewegt. Der umgekehrte Fall, die Verlängerung der  Wahrnehmungseinheit, zeigt das Entsprechende. Hätten wir etwa nicht in der Sekunde, sondern in der Minute 18 Bilder, dann würde die Schnecke wie der Blitz an uns vorbeisausen, den Radfahrer, der an uns vorbeifährt, würden wir aber kaum mehr sehen. Nach sehr gründlichen Versuchsanordnungen scheint gesichert, daß die Schnecke einen Auffassungsmoment hat, der beträchtlich viel länger ist als der des Menschen, nämlich nur 1/4 oder l/5 Sekunde. Der Kampffisch hingegen hat einen sehr viel kürzeren Auffassungsmoment, nämlich 1/30 Sekunde. Der Kampffisch sieht Einzelheiten der Bewegung, die das menschliche normale Auge nicht sehen kann, die wir uns  allenfalls mit einer entsprechenden Zeitlupenaufnahme deutlich machen könnten« (Heiss).
Der Kampffisch sieht also, vereinfacht gesagt, doppelt so schnell wie wir, und deswegen laufen für ihn die Bewegungen nur halb so schnell ab. Die Schnecke, die ungefähr viermal so lange zu ihrer Wahrnehmungseinheit braucht wie wir, sieht Bewegungen dementsprechend viermal so schnell ablaufen, sie kann Einzelheiten, die wir sehen, nicht mehr erkennen.
Daß es sich bei diesen Vorgängen nicht so sehr um Eigenschaften der Sinnesorgane sondern um zentralnervöse Einrichtungen handelt, dürfte daraus hervorgehen, daß im Reich der Töne ähnliche Rhythmen gültig zu sein scheinen. Luftschwingungen empfinden wir nur dann als einen Ton, wenn sie mindestens 16 bis 20 Frequenzen pro Sekunde erreichen. »Die Zeitskala der Endadungsfrequenzen und der Aktionspotentialdauer von Nervenzellen ist bei Wasser- und Land-Schnecken 10-100 mal langsamer als die von schnelleren Tieren oder gar Warmblütern« (Creutzfeld).
Möglicherweise sind die Verhältnisse sogar noch komplizierter als soeben dargelegt wurde. Es ist denkbar, daß der Bewegungssehschärfe nicht nur nach oben sondern auch nach unten eine Grenze gesetzt ist. Dies würde bedeuten, daß der Kampffisch zwar schnellere Bewegungen als der Mensch differenziert, sehr langsame jedoch als unbewegt empfindet. Vielleicht würde eine Schnecke den Minutenzeiger einer Uhr als bewegtes Objekt wahrnehmen, während er uns als unbewegt erscheint. Ein bequemes, überall zur Verfügung stehendes Objekt, um zu experimentieren, ist die Stubenfliege. Sie nimmt offensichtlich die sehr langsam auf sie zukommende Hand nicht als Bewegung wahr. Dagegen flieht sie vor der schnellbewegten Hand mit einer Geschwindigkeit, die nur mit einer überragenden Bewegungssehschärfe erklärbar ist.

Die biogenetische Grundregel

Bei der Behandlung der Grundprinzipien des Lebens ergab sich die untrennbare Verkettung des Seelischen mit dem Körperlichen. Diese Verflechtung bedingt zwangsläufig, daß mit einer körperlichen Aufwärtsentwicklung stets auch eine seelische verbunden ist.
Die bei der Aufwärtsentwicklung zutage tretenden Gesetzesmäßigkeiten werden in der sogenannten biogenetischen Grundregel fixiert, die folgendes aussagt:
  1. In der Höherentwicklung der Arten, der sog. Phylogenie, werden aufeinanderfolgende Stufen durchlaufen, die in der Paläontologie in zahlreichen Beispielen erforscht und belegt wurden.

  2. Die entsprechenden Entwicklungsstadien stimmen weitgehend mit den Ordnungen der heute noch lebenden Arten von den niederen bis zu den höchststehenden Lebewesen überein.

  3. Diese Stufen werden bis zu einem gewissen Grade wiederum durchlaufen in der Entwicklung des einzelnen Individuums vom Embryonalstadium über das fetale, das jugendliche bis zum Erwachsenen in der sogenannten Ontogenie.

  4. Die einzelnen Entwicklungsstufen sind auch im fertigen Individuum noch erkennbar.
Mit anderen Worten bedeutet diese Gruppierung: Man weiß, daß sich das Leben vom einzeiligen Lebewesen über die niederen und höheren Tiere bis hinaus zum Menschen entwickelt hat. Dieser Rangleiter von unten nach oben begegnen wir auch in den heute noch lebenden Tier- und Pflanzenarten. Ferner ist bekannt, daß jeder Mensch aus einer einzelnen Zelle, nämlich der Eizelle, über das Embryonal- Stadium hervorgegangen ist, und daß er dabei einzelne Stufen seiner entwicklungsgeschichtlichen Vorfahren durchlaufen hat. Schließlich ist er auch als fertiges Individuum aus einzelnen Zellen, aus einfacheren und komplizierteren Organen zusammengesetzt.
Die Regeln im Bereich des Körperlichen gelten in gleicher Weise für das Seelische. In den Einzellern sind im wesentlichen nur dem Stoffwechsel und der Zellteilung dienende Impulse am Werk. Sie spielen sich in ähnlicher Weise in den Körperzellen des Menschen ab. Dies läßt sich an isolierten, vom Körper losgelösten Gewebekulturen beobachten. Mit der Aufwärtsentwicklung der Arten im Körperlichen geht diejenige im Seelischen einher. Es kommt parallel zur organischen auch zu einer psychischen Differenzierung. Aber auch im höchstentwickelten Lebewesen, dem Menschen, ist noch die gesamte psychische Stufenleiter der ihm vorausgegangenen seelischen Entwicklungsgeschichte zu erkennen.

Die psychische Stufenleiter

Am deutlichsten läßt sich die psychische Rangordnung aufgrund der biogenetischen Grundregel in der Entwicklung des menschlichen Kindes beobachten. Infolge seines langsamen Wachstums treten bei ihm die einzelnen Phasen der seelischen Differenzierung langsamer und damit deutlicher auf als bei anderen Säugern.
Im werdenden Embryo sind vermutlich vorwiegend die dem Stoffwechsel dienenden vitalen Impulse tätig. Das erste nach der Geburt ist das Auftreten eines Triebes, nämlich der des Schreiens (was auch zur guten Durchblutung des Kopfes und des Gehirns zweckmäßig ist). Das nächste ist ein Instinkt, das Suchen nach der Brust der Mutter. Ihm folgt als ein Reflex das Saugen. Dann beginnen die Sinne funktionstüchtig zu werden und Reize zu empfinden. Einige Zeit später beobachtet man die ersten Gefühlsregungen, etwa Lachen und Weinen. Bald werden auch Charaktereigenschaften und Wille erkennbar. Hierauf stellt sich das Gedächtnis ein, danach werden Folgerungen gezogen. Daraus entwickeln sich Wissen und Bewußtsein. Mit dem Beginn der Sprache kommt es schließlich zur Entwicklung des Ichbewußtseins, das an dem so spät sich einstellenden Wort "Ich" erkennbar wird. Vieler Jahre endlich bedarf es, bis Nachdenken, Phantasie, Vernunft und Ethik - wenn überhaupt - zur vollen Ausbildung gebracht werden. Freilich geht das alles nicht in schematischer, sondern in fließender und rhythmischer Weise vor sich. Die Entwicklung kann sich überschneiden, neue Bereiche treten hinzu, bevor ältere ausgebildet sind. Andere Einzelbereiche können erst nachträglich zur Ausbildung gelangen, so z. B. der Geschlechtstrieb.
Teilweise werden die Reflexe als ursprünglicher und früher auftretende Impulse angesehen als die Triebe. Manches spricht für diese Einordnung. So kann das erste Tun des neugeborenen Säuglings, das Schreien, auch als Reflex auf die Berührung mit der kälteren Umgebung der Außenwelt aufgefaßt werden. Wahrscheinlich sind hierbei Trieb und Reflex so gleichzeitig beteiligt, daß sie zeitlich nicht getrennt werden können. Beobachtungen in der Pflanzenwelt dürften jedoch darauf hindeuten, daß Taxien oder Tropismen, die den Trieben in der Tierwelt ähnlich sein mögen, noch ursprünglicher sind. Wenn man die Zeitrafferaufnahme einer Schlingpflanze beobachtet, wird zuerst der Trieb, sich zu ranken, sichtbar, dem dann der bei der Berührung eines zu umrankenden Gegenstandes ausgelöste Reflex nachfolgt. Im übrigen tut die Reihenfolge der Tatsache der notwendigen Gliederung keinen Abbruch.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt man auch mit anderen Methoden, so mit der Empfindlichkeit gegen Narkotika. Je höherstehend ein psychischer Bereich ist, umso frühzeitiger wird er in der Narkose ausgeschaltet. Deshalb erlischt die Selbstkritik vor dem Bewußtsein, dieses früher als das Gefühl, das wiederum vor dem Reflex und vor den vegetativen Impulsen ausgeschaltet wird. Dasselbe gilt für die Tierreihe. Je höher eine Tierart entwickelt ist, um so empfindlicher spricht sie auf Narkotika an, besonders deutlich erkennbar am Morphin. Am empfindlichsten ist der Mensch, der Schimpanse empfindlicher als der Hund, dieser empfindlicher als das Pferd. Der Frosch reagiert auf Morphin überhaupt nicht. Unter den Menschen wiederum reagieren hochdifferenzierte Typen deutlicher als primitive.
Mit diesen Gegebenheiten dürfte es zusammenhängen, daß die höheren Bereiche, beispielsweise die des Charakters, auch durch Einflüsse der Umwelt mehr beeinflußbar sind als die stärker fixierten niedrigen. Wenn man die biogenetische Stufenleiter zugrunde legt, ergibt sich nachfolgende Einteilung: 


Bereiche Beispiele

⇑     
Vernunft Selbstkritik, Selbstbeherrschung
Ethik Gewissen, Mitleid, Moral
Ichbewußtsein Reflektierendes Denken, Nachdenken
Sprache Ausdrucksweisen, Wortbildung
Wille energisch, schwach
Charakter  freundlich, mutig, feige
Verstand kombinieren, schlußfolgern
Gedächtnis Orts-, Personen-, Zahlengedächtnis
Gefühl Lust-, Schmerzgefühl
Bewußtsein Averbales, assoziierendes Wissen
Empfindungen Sehen, Hören
Reflexe Lidreflex, Speichelreflex
Instinkte Orientierungsinstinkt, Zeitsinn, Nahrungsinstinkt
Triebe  Sozialtrieb, Bewegungstrieb, Ernährungstrieb
Vitale Impulse Zellteilung, genetische Information
 

Die hier aufgestellte Rangleiter mag wohl etwas Künstliches an sich haben, denn vieles geht in Wirklichkeit ineinander über, manches könnte vielleicht auch anders angeordnet werden, doch ist eine Gliederung aus Gründen der Übersicht und systematischen Behandlung unentbehrlich.

Die Gesamtheit der aufgezeigten Bereiche nennt man Seele. Manchem ist dieses Wort unsympathisch wegen seines metaphysischen, mystischen oder gar theologischen Beigeschmacks. Es gibt aber kein anderes Wort, mit dem man alle Teile zusammenfassen könnte. Ein gemeinsamer Oberbegriff ist jedoch notwendig
(oder zum Verständnis nützlich). Wer also das Wort Seele ablehnt, müßte einen anderen Ausdruck dafür erfinden. Daß einzelne Kräfte wie Verstand, Gedächtnis, Gefühl, Bewußtsein, Vernunft existieren, wird niemand bestreiten. Ebenso wird jeder zugeben, daß sie eng miteinander zusammenhängen. Da ein anderes, geeigneteres Wort nicht zur Verfügung steht, ist eigentlich nicht einzusehen, weshalb man den Ausdruck Seele ablehnen sollte. Wenn dem entgegengehalten wird, man könne den Begriff Seele nicht definieren, ja man wisse nicht einmal, was sie eigentlich ist, so kann man dasselbe von den einzelnen Unterbegriffen behaupten. Niemand vermag zu definieren, was Vernunft, Verstand, Bewußtsein oder Gefühl wirklich ist, und doch sind das die mächtigsten Kräfte auf Erden. Somit ist das Wort Seele ein Sammelbegriff für alle in einem lebenden Wesen wirkenden, nicht körperlichen Kräfte wie Gefühl, Gedächtnis, Bewußtsein, Verstand, Vernunft, Wille, Charakter usw.

Von manchen wird Psychologie als Wissenschaft auf das bewußte Erleben beschränkt. Diese Eingrenzung wirft aber die Frage auf, von wann ab und wo überhaupt man in der Tierreihe von Psychologie sprechen darf. Kaum jemand wird bestreiten, daß es Tierarten mit und andere ohne Bewußtsein gibt. Wo aber soll in der Entwicklungsgeschichte und in der Tierreihe die Grenze gezogen werden? Die Folge wäre mit Recht die, sich allein auf ethologische Betrachtungen zu beschränken. Damit wäre aber dem, der sich mit Pferden wirklich abgibt, nicht gedient. Der menschliche Säugling, der ganz gewiß noch kein Bewußtsein und ebenso gewiß kein bewußtes Erleben besitzt, hat er etwa auch keine Seele ? Oder von wann ab beginnt das heranwachsende Kind eine Seele zu haben?

Eine systematische Gliederung und Analysierung der Seele birgt die Gefahr in sich, daß man darüber die geradezu sphärenhafte Harmonie im Zusammenwirken aller Bereiche vergessen könnte, die zu beachten sich die sogenannte Ganzheits-Psychologie zur besonderen Aufgabe gestellt hat. Doch wäre es falsch, in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen, jede Gliederung der Seele abzulehnen und das Verhalten eines Lebewesens nur in seiner Gesamtheit zu betrachten. So unvollkommen es auch sein mag, den beschränkten Möglichkeiten des menschlichen Geistes bleibt bei der Erforschung wissenschaftlicher Probleme allein der Weg der Gliederung und des systematischen Vorgehens. Wer würde dem Anatomen und dem Physiologen strittig machen, den Körper in seine einzelnen Knochen, Muskein, Organe, in seine verschiedenen Gewebearten bis in mikroskopische Feinheiten zu zerlegen und diese nach ihrem Bau und ihren Funktionen gesondert zu beschreiben? Und doch ist er nicht in der Lage, nur eine Sekunde des großartigen Zusammenspiels aller Teile eines laufenden Pferdes mit Worten wiederzugeben.
Ebenso kann in einer Psychologie des Pferdes nur in systematischer Gliederung des Seelischen vorgegangen werden. Schließlich findet eine solche Auffassung auch noch dadurch ihre Bestätigung, daß im Gehirn die psychischen Bereiche mit bestimmten Regionen verknüpft sind. So ist ja allgemein bekannt, daß die Sprache, das Bewußtsein, das Gefühl, die Sexualität und vieles andere an gewisse Hirnzentren gebunden sind. Die rein deskriptive, ethologische Darstellung des Verhaltens des Pferdes bei dieser oder jener Gelegenheit kann zwar wertvolle Hinweise geben. Sie nützt aber dem, der mit dem Pferd aktiv umgehen will, nur wenig, wenn er nicht in der Lage ist, das jeweilige Verhalten auf bestimmte psychische Impulse oder Regungen zurückzuführen und sie zu analysieren.

Dazu ein Beispiel: Ein Pferd steht längere Zeit im Stall und wird reichlich gefüttert. Als man es endlich herausführt, um es auf die Weide zu bringen, keilt es vor lauter Übermut aus und kann dabei leicht einen Menschen verletzen. Das Ausschlagen ist in diesem Fall auf die Reaktion eines Triebes, nämlich des Bewegungsdranges, zurückzuführen. Ein anderes Mal wird ein Pferd unvorsichtig berührt, es erschrickt und schlägt ebenfalls aus. Hier ist das Ausschlagen als ein Reflex aufzufassen. Eine dritte Möglichkeit ist die, daß es vielleicht den Tierarzt fürchtet, der ihm einige Zeit vorher einen Schmerz zufügen mußte. Er will den Stand des Pferdes betreten, dieses erkennt ihn, fürchtet sich, schlägt aus und trifft den vermeintlichen Peiniger. Hier ist kein Trieb, kein Reflex, sondern eine verstandesmäßige Kombination, eine Reaktion des Bewußtseins, vor sich gegangen. Viertens kann es sich beim Ausschlagen um eine Untugend, d. h. um eine Auswirkung des Charakters handeln.
Um die unerwünschten Reaktionen des Ausschlagens in Zukunft zu verhindem, müssen also die Ursachen zunächst ermittelt und abgestellt werden. Im ersten Fall wird man Triebstauungen zu vermeiden suchen und dem Pferd ausreichend Bewegung verschaffen. Die reflektorische Reaktion wird man dadurch ausschalten, daß man das Tier vor der Berührung aufmerksam macht, indem man es anspricht. Die dritte Möglichkeit wird der Tierarzt ausschließen, indem er sich daran erinnert, daß ihn ein Patient nach einer schmerzhaften Behandlung nicht nur wiedererkennt, sondern ihm auch anders gegenübersteht als bei der ersten Behandlung. Bei der vierten, der charakterlichen Ursache wird man herauszufinden suchen, welche Art von Charakterfehler zugrundeliegt. Er kann sowohl in Ängstlichkeit als auch im Gegenteil, nämlich in Aggressivität bestehen. Schließlich wird man bemüht sein, zu ermitteln, wodurch diese Eigenschaft des Charakters bedingt wurde. Liegen ihr erbliche Ursachen zugrunde, sind bei Verwandten der gleichen Hengst- oder Stutenlinie ähnliche Eigenarten bekanntgeworden? Oder sind erzieherische Einflüsse, frühkindliche Prägungen oder ungünstige Erfahrungen in späterer Zeit verantwortlich zu machen?
»Bei Pferden ist Widersetzlichkeit bisweilen ein Zeichen von Stärke und von Fülle an Kräften und rührt eben sowohl von einem feurigen Naturelle, als zu Zeiten auch von Untugend und Schwäche her. Man muß allemal, ehe man noch an Mittel oder Strafen denkt, sich sorgfältig angelegen sein lassen, zu unterscheiden, auf welcher von diesen Ursachen, die offenbar so verschieden sind, die Gegenwehr entstehe« (Pembroke).

Ein anderes Beispiel für die Notwendigkeit der Differenzierung und Analysierung der seelischen Impulse ist der Orientierungssinn des Pferdes. Man weiß, daß Pferde in ihren Stall zurückfinden. Es ist aber nicht gleichgültig, zu wissen, aufgrund welcher psychischen Vorgänge dies geschieht. Finden sie ihren Weg nur aufgrund eines guten Ortsgedächtnisses und hervorragender Sinnesorgane, etwa mit Hilfe des Geruchssinnes, also durch Fähigkeiten aus dem Bereich des Bewußten? Oder verfügen sie über einen inneren Kompaß, eine Leistung des Unterbewußten? Oder arbeitet bei großen Entfernungen zunächst der Instinkt, beim Näherkommen an den heimatlichen Stall das Gedächtnis im Zusammenhang mit den Sinnesorganen? Diese Fragen sollten geklärt werden. Solange sie nicht eindeutig zu beantworten sind, spricht man allerdings mit Recht in ethologischer Ausdrucksweise vom Heimfindevermögen (Zell), das alle zu differenzierenden Möglichkeiten noch weiterhin offen läßt.
Das gleiche gilt für die Erklärung des Scheuens. Es ist ganz falsch, diese oft unangenehme Eigenschaft mancher Pferde schematisch und generell auf eine einzige Ursache zurückzuführen, wie es häufig geschieht. Da heißt es beispielsweise, die Pferde scheuen, weil sie schlechte Augen haben oder weil sie ängstliche Geschöpfe sind. In Wirklichkeit ist in jedem einzelnen Fall zu prüfen, auf welche von vielen möglichen Ursachen das Scheuen eines Pferdes zurückzuführen ist.

Menschliches und tierisches Bewußtsein

Wenn unter dem Begriff Seele die Gesamtheit aller psychischen Elemente zu verstehen ist, die im Verlaufe der Höherentwicklung der Arten einer zunehmenden Differenzierung unterworfen wurden, und im Menschen ihren Höhepunkt erreichten, erwächst daraus zwangsläufig die Frage: Was ist der psychische Gegensatz zwischen Mensch und Tier? Den hier zutage tretenden grundsätzlichen Unterschied möglichst klar zu erkennen ist notwendig, um dem Tier richtig egenüberzutreten, um es einerseits nicht als seelenlosen Mechanismus zu behandeln, andererseits aber auch nicht unzulässigerweise zu vermenschlichen.

Das Besondere des Menschen, das ihn aus allen Lebewesen in einsame Höhe über die gesamte Natur emporhebt, ist das Wort. Dieses ist es, worüber kein anderes Lebewesen in vergleichbarer Weise verfügt. Viele Tierarten haben zwar Sprache, aber kein Tier hat das Wort, die artikulierte Bezeichnung eines Gegenstandes oder eines Begriffs (Abstraktion). Nicht nur deshalb ist das so bemerkenswert, weil der Mensch Dinge benennen und sich mit anderen Menschen begrifflich verständigen kann, es ist vielmehr aus einem ganz anderen Grund entscheidend für ihn geworden. Mit Hilfe des Wortes nämlich bedient sich die Natur wie schon bei der Erschaffung des Lebens wieder der Rückkopplung, um dem Menschen das Bewußtsein seiner selbst zu verleihen.

Dieses Ichbewußtsein ist in folgender Weise zustandegekommen, die man sich als Rückkopplungseffekt der Sprache ganz plastisch vorstellen muß: Ein Mensch nimmt etwas wahr, er faßt einen Gedanken und spricht ihn einem anderen gegenüber aus. Die Schallwellen dieser Worte gelangen aber nicht nur zum angesproebenen Gegenüber, sondern sie kehren zwangsläufig in einem Kreisbogen an ihren Ursprungsort, über das eigene Ohr in das Gehirn des Sprechenden zurück. Ob ich will oder nicht, alles was ich zu einem ändern spreche, höre ich ebenso, als wenn ein anderer diese meine Worte zu mir selbst sprechen würde. Damit kommt eine Rückkopplung, eine Reflexion zustande, es entwickelt sich ein reflektierendes Denken, das Bewußtsein meiner selbst, die Selbstbewußtheit oder Eigenbewußtheit. Neben der akustischen Reflexion des gesprochenen Wortes kommen beim zivilisierten Menschen noch Reflexionen optischer Art hinzu. Die eine ist die Schrift, mit deren Hilfe der Schreibende auch ohne zu sprechen seine eigenen Gedanken über das Auge in sein Gehirn reflektiert. Eine andere optische Reflexion geschieht über den Spiegel. Lautschrift und Spiegel sind zwar Erfindungen, die eine Steigerung, nicht aber einen Ersatz des Wortes ermöglichen, das sie vielmehr voraussetzen. Am deutlichsten kommt dies an der fehlenden reflektierenden Wirkung des Spiegels bei Tieren zum Vorschein. Wenn Affen sich im Spiegel betrachten, erkennen sie wohl, daß ihnen da ein Artgenosse gegenübersteht. Daraus jedoch, daß sie das Glas immer wieder umdrehen, um auf der Rückseite den Spielkameraden zu entdecken, erkennt man, daß sie sich nicht bewußt sind, ihr eigenes Spiegelbild zu betrachten. Dasselbe gilt erst recht für das Pferd. Wie Grzimek zeigte, vermögen Pferde Bilder ihrer eigenen Artgenossen zu erkennen, eine einigermaßen naturgetreue Plastik oder ein lebensgroßes Pferdebild so zu beschnuppern und zu betrachten, wie sie es mit lebendigen Pferden zu tun pflegen, solange wenigstens, bis sie gemerkt haben, daß da nichts Lebendiges vor ihnen steht. Ebenso benehmen sie sich vor dem Spiegel, ohne zu wissen, daß sie selbst sich ansehen. Der Mensch weiß, daß er ein Mensch ist, das Pferd aber weiß nicht, daß es ein Pferd ist.

»Der zur Zeit Alexanders des Großen lebende griechische Maler Apelles malte Stuten so täuschend, daß lebende Hengste sie durch Wiehern begrüßten« (Schlichen). Diese in der Vergangenheit oft belächelte Überlieferung wurde also durch die neueren Untersuchungen eindrucksvoll bestätigt. Ob die Hengste aber wirklich weibliche von männlichen Tieren auf den Darstellungen unterscheiden konnten, dürfte dennoch fragwürdig sein. Aus der Täuschung durch den Spiegel sind schon Unfälle dadurch zustande gekommen, daß Pferde in den Spiegel gesprungen sind. Sie können ja diesen nicht als solchen begreifen. Vielmehr glauben sie eine Verlängerung der Reitbahn vor sich zu sehen, aus der ihnen ein fremdes Pferd entgegenkommt. Entweder sollten deshalb Spiegel in der Reitbahn in der Mitte der langen Seite hoch genug und schräg angebracht werden oder an der kurzen Seite in Verlängerung des Hufschlages nur dann, wenn sie mit einer vorhangartigen Abdeckung versehen sind, die lediglich bei Bedarf zurückgezogen wird.

Die durch die Wortsprache und das reflektierende Denken nur dem Menschen unter allen Geschöpfen gegebene Sonderstellung sich so klar wie nur möglich vor Augen zu halten, ist unerläßlich, wenn man dem Tier gegenüber den richtigen Standpunkt einnehmen will. Ein einzigartiges Ereignis in der Menschheitsgeschichte liefert auch den experimentellen Beweis für die Richtigkeit der vorausgegangenen Betrachtung. Es ist das Leben Helen Kellers. Hier ihre Geschichte:
Im Jahre 1880 wurde Helen Keller in Alabama als körperlich und geistig gesundes Mädchen geboren. Als sie 19 Monate alt war, erkrankte sie an einer Hirnhautentzündung und verlor das Seh- und Hörvermögen. Blind, taub und stumm lebte sie von jetzt ab in gleichsam tierischer Nacht bis zum Alter von sieben Jahren dahin. Nun aber fand infolge einer Verkettung zahlreicher glücklicher Umstände die geniale Anne Sullivan als Lehrerin zu ihr. Sie brachte es fertig, ihr mit Hilfe einer erst kurze Zeit vorher entwickelten, in die Handfläche zu schreibenden Tastsprache das Wort zu übertragen. In ergreifender Weise schildert Helen Keller später den entscheidenden Augenblick in ihrem Leben, als die Selbstbewußtheit Besitz von ihr ergriff:
»Wir schlugen den Weg zum Brunnen ein. Es pumpte jemand Wasser, und meine Lehrerin hielt mir die Hand unter das Rohr. Während der kühle Strom über die eine meiner Hände sprudelte, buchstabierte sie mir mit ihren Fingern in die Handfläche der ändern das Wort <water >, zuerst langsam, dann schnell. Ich stand still, mit gespannter Aufmerksamkeit die Bewegung ihrer Finger verfolgend. Mit einem Mal durchzuckte mich eine nebelhafte, verschwommene Erinnerung an etwas Vergessenes, ein Blitz des zurückkehrenden Denkens, und einigermaßen offen lag das Geheimnis der Sprache vor mir. Ich wußte jetzt, daß <water > jenes wundervolle Etwas bedeutete, das über meine Hand hinströmte. Dieses lebendige Wort erweckte meine Seele zum Leben, spendete ihr Licht, Hoffnung, Freude, befreite sie von ihren Fesseln. Zwar waren ihr noch immer Schranken gesetzt, aber Schranken, die mit der Zeit hinweggeräumt werden konnten. Ich verließ den Brunnen voller Lernbegier. Jedes Ding hatte eine Bezeichnung und jede Bezeichnung erweckte einen neuen Gedanken. Als ich in mein Zimmer zurückkehrte, erinnerte ich mich der Puppe, die ich eine Stunde vorher im Zorn zertrümmert hatte, und zum erstenmal in meinem Leben empfand ich Reue und Schmerz.«
Dies ist das einmalige und einzigartige Erlebnis, in dem uns das Ereignis des Übergangs vom tierischen Bewußtsein zum menschlichen Ichbewußtsein geschildert wird. Es ist das gleiche Ereignis, das die Menschheit vor Zehntausenden von Jahren, als sie die Sprache entdeckte, mit vielleicht ähnlicher Erschütterung durchlebte.
Für die Tierpsychologie ist Heien Keller ein unschätzbarer und durch nichts zu ersetzender Gewinn. Wie durch einen schmalen Spalt, wie durch ein Fenster blicken wir mit ihr hinab in die Welt des Tieres. Sie beschreibt später in ihren Erinnerungen, wie sie vor dieser Zeit ohne den Besitz einer Ihrerselbstbewußtheit in einem Zustand, den sie selbst als tierhaft bezeichnet, dahinlebte. So ging sie, wenn es kalt im Raum war, zum Fenster, um es zu schließen. Sie war sich aber nicht bewußt, was ein Fenster ist, was Zugluft oder Wind ist, was sie selbst, was ein anderer Mensch ist, was sie eigentlich tat, obgleich ihr Tun auf erworbenen Erfahrungen beruhte und durchaus zielgerichtet war. Erst als sie dann die ersten ihr in die Handfläche buchstabierten Worte begriff, da, so sagt sie selbst, erweckte das lebendige Wort ihre Seele, hier Seele im Sinne von Selbstbewußtheit. Obgleich sie also nach ihrer eigenen Erklärung bis zum Alter von sieben Jahren ohne eine Ihrerselbstbewußtheit lebte, ist sie doch keineswegs bewußtlos, nicht ohne Bewußtsein gewesen, ein Zeichen dafür, daß Bewußtsein und Selbstbewußtheit zwei verschiedene Dinge sind. In ähnlicher Weise dürfen wir uns das Seelenleben nicht ihrer selbst bewußter Wesen, das heißt der Tiere, vorstellen, in das uns Helen Keller einen Einblick wie in eine andere Welt gewährt hat.

Helen Keller erkrankte im Alter von 19 Monaten, das ist in einer Altersstufe, in der das Ichbewußtsein kurz vor seiner Entfaltung steht, aber doch noch nicht
in Erscheinung tritt. Man kann diesen Zeitpunkt bei gesunden Kinder an der Verwendung des Wortes »Ich« erkennen. Bis dahin sprechen sie von sich in der dritten Person, z. B. »Helen essen«. Andererseits waren bei H. K. zu Beginn ihrer Erkrankung die Nervenbahnen schon soweit ausgebildet, daß sie mit Ausnahme des Sehens und Hörens in ihrer Weiterentwicklung keine Störung zu erfahren brauchten. Wäre H. K. schon früher erkrankt oder gar taub und blind geboren worden, so hätte Anne Sullivan, erst bei der siebenjährigen Helen beginnend, nicht mehr ein denkendes Wesen aus ihrem Schützling machen können. Man weiß erst seit geraumer Zeit, wie wichtig die ersten frühkindlichen Eindrücke für die Entwicklung der Gehirnfunktionen sind.

Das um das Jahr 1230 unternommene, tragische und in dieser Hinsicht unfreiwillige Experiment des Kaisers Friedrich II., das in die Geschichte eingegangen ist, hat diese Gesetzmäßigkeit zum erstenmal sichtbar demonstriert. Der Kaiser wollte in Erfahrung bringen, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse, ob die Erbsünde angeboren sei oder nur von einer Generation auf die andere durch Tradition übertragen werde. Er gebot, um dies zu erfahren, daß einige Neugeborene völlig unbeeinflußt von anderen Menschen, man könnte sagen, in geistig-steriler Atmosphäre, aufgezogen werden sollten. Die Kinder durften niemanden zu Gesicht bekommen und wurden wie seelenlose Puppen behandelt. Aber die Frage des Kaisers konnte nicht gelöst werden, denn alle Kinder starben. Heute weiß man, daß Kleinstkinder, von denen jeder psychische Reiz ferngehalten wird, nicht am Leben bleiben können. Wenn nun schon die neurovegetativen, also die einfachsten seelischen Funktionen äußerer Reize bedürfen, um sich entfalten zu können, wieviel mehr muß das für die höheren psychischen Regionen gültig sein.

Der kaum überschätzbare Einfluß äußerer Eindrücke auf ein Neugeborenes tritt am deutlichsten in Form der sogenannten Prägung in Erscheinung. Das Gänseküken läuft zeitlebens demjenigen Lebewesen nach, das es nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei als erstes erblickt hat (Lorenz). Wenn nicht auf diese Weise dem Jungen sofort die Zugehörigkeit eingeprägt würde, wenn es also erst aufgrund einer umständlichen Erfahrung lernen müßte, wer seine Mutter ist, würde es in einer Gänse- oder in einer Pferdeherde ein heilloses Durcheinander geben. Freilich kommen auch im späteren Leben noch Prägungen zustande, wenn man darunter den ersten, überwältigenden und bleibenden Eindruck eines Erlebnisses versteht, beispielsweise bei in Einehe lebenden Tierarten die Prägung auf den Geschlechtspartner.
Wie der bekannte Zebraforscher Klingel feststellte, bleiben die in einer Gruppe mit einem Hengst lebenden Stuten freiwillig jahrelang, wenn nicht lebenslang, vermutlich infolge einer Partnerprägung, mit ihm beisammen.

Dennoch haben die in den ersten Tagen und Wochen erfolgenden Eindrücke den stärksten und später nie mehr ersetzbaren Einfluß. Beim Menschen werden heute die ersten Lebensmonate als wichtiger für die Entwicklung des Gefühlslebens und des Charakters erachtet, als alle Möglichkeiten noch so sorgfältiger Erziehung im gesamten späteren Leben. Das lächelnde Antlitz der sich über die Wiege beugenden Mutter, die ersten zärtlichen Laute, der Kontakt mit dem mütterlichen Körper gelten heute für die Entwicklung nicht nur des menschlichen Gemütes und des Charakters, sondern auch für die des wachen Geistes als unentbehrlich. Deshalb wird ein oft nicht zu vermeidender Hospitalismus in manchen Institutionen unserer Zeit von vielen Fachleuten mit Sorge betrachtet.

Als Zwischenform zwischen dem psychogenen Tod der Versuchskinder Friedrichs II. und dem Schicksal Heien Kellers ist der Begriff des sogenannten Kaspar-Hauser-Phänomens bekannt. Der unglückliche Prinz wurde als Säugling entführt und in einem Verließ ohne nennenswerten menschlichen Kontakt großgezogen. Die ersten psychischen Reize waren ihm zwar zuteil geworden, aber die folgenden früh- und spätkindlichen Einflüsse blieben ihm vorenthalten, so daß er zwar am Leben blieb, jedoch charakteristische Ausfallerscheinungen erlitt. Zahlreiche Verhaltensstörungen beim modernen Menschen werden heute nicht so sehr auf ungünstige Erbanlagen oder auf falsche Erziehung, sondern vornehmlich auf einen Mangel an derartigen frühkindlichen Einflüssen zurückführt.

Zweifellos spielen diese frühkindlichen Einwirkungen auch beim Pferd eine wichtige Rolle. Wenn schon ein Gänseküken derartig prägbar ist, wieviel mehr wird das für ein dem Menschen näher als dem Vogel stehendes Lebewesen wie das Fohlen gelten müssen. Wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln, daß viele Schwierigkeiten bei erwachsenen Pferden auf frühkindlichen Versäumnissen beruhen. Ein Fohlen, das, wenn schon nicht in einem Helen-Keller-, so doch in einer Art von Kaspar-Hauser-Dasein aufwachsen muß, wird nicht die psychische Verfassung und Hochwertigkeit für sein späteres Leben gewinnen, wie ein anderes, dem schon in der Jugend mannigfache psychische Reize entgegengebracht wurden. Nicht nur negative Eigenschaften wie etwa Widersetzlichkeit, sondern ebenso sehr positive wie Lebhaftigkeit, Fleiß, Initiative, Anhänglichkeit hängen von den Einflüssen der ersten Tage und Wochen ab. Wenn man dabei in Betracht zieht, daß die Dauer einer Generation des Pferdes nur etwa ein Fünftel der menschlichen beträgt, dann dürfte die Beeinflußbarkeit sogar noch erheblich kürzer sein als die nur wenige Monate andauernde des Menschen.

Die Folge der begrifflichen Lautsprache und des reflektierenden Denkens ist freilich nicht allein der Gewinn der Selbstbewußtheit, sondern darüberhinaus eine unermeßliche Steigerung der menschlichen Denkfähigkeit. Wir vermögen ja einen Gedanken nicht nur einmal, sondern beliebig oft zu reflektieren, ihn uns immer wieder von neuem zum oder in das Bewußtsein zu bringen, ihn wiederholt durch unseren Gehirnmechanismus hindurchzuschicken. Das Tier kann das nicht. Es vermag zwar zu folgern und wahrnehmbare Zusammenhänge zu kombinieren, aber zweifellos nicht in abstrakter, gegenstandsloser Weise nachzudenken. Das menschliche Reflektieren ist vergleichbar mit dem wiederholten Programmieren eines Computers. Irgendeine Aufgabe wird durch ein Elektronengehirn bearbeltet, das Ergebnis wird mit neuen Daten versehen und von neuem durch die Maschine geschickt. Der Mensch freilich ist dem Computer dadurch überlegen, daß er sich selbst programmiert.

Mit diesem Griff des rückgekoppelten, reflektierenden Denkvermögens steigert die Natur die Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes ins Unermeßliche. Die Denkfähigkeit des Menschen ist deshalb nicht nur um den Maßstab größer als die eines, auch des höchstentwickelten Tieres, wie es dem Verhältnis der beiderseitigen Hirnkapazitäten entsprechen würde. Vielmehr ist sie dem Tier um das vieltausendfache überlegen, ja, sie ist geradezu unbegrenzt. Hinzu kommt die Summierung, wenn nicht Potenzierung der Denkarbeit vieler Menschen über den gleichen Gegenstand. Mit Hilfe des Wortes und der auf ihm aufgebauten Schrift können sich Tausende von Menschen nicht nur gleichzeitig sondern über unbegrenzte Zeiträume hinweg mit der gleichen Aufgabe beschäftigen. Gedanken, die etwa ein Aristoteles gedacht, gesprochen, niedergeschrieben hat, vermögen wir immer weiter auszudehnen, mit neuen Überlegungen und mit Ergebnissen aus anderen Wissensgebieten anzureichern und immer wieder neu zu überdenken. Dieses unendliche Reich des reflektierenden, nur durch das begriffliche Wort ermöglichten Denkens mit dem Ergebnis nicht nur der Selbstbewußtheit sondern auch der Potenzierung des menschlichen Denkapparates fehlt dem Tier. Es kann weder über einen abstrakten Begriff noch über sich selbst »nachdenken«.
Schließlich sind weitere Ergebnisse des an das Wort gebundenen reflektierenden Denkens nächst dem Gewinn der Selbstbewußtheit und der geistigen Leistungssteigerung Vernunft, Ethik und sittliche Verantwortung. Nur der seiner selbst bewußte Mensch, nicht aber das Tier ist fähig, sich selbst zu erkennen,  Selbstkritik und Selbstbeschränkung zu üben, gut und böse zu unterscheiden. Der Mensch allein weiß, daß er etwas weiß, er allein aber kann auch wissen, wie wenig er weiß (Sokrates).

Nicht nur Vorzüge, sondern auch Nachteile und Gefahren bringt dieses reflektierende Denken mit sich. Das hängt wohl teilweise damit zusammen, daß es sich um eine phylogenetisch junge, vielleicht erst einige zehntausend Jahre alte Errungenschaft des Menschengeschlechts handelt. Sie wird nicht vererbt, sondern muß von jedem Menschenkind nach dem Vorbild der Älteren gelernt werden. So ist es wohl zu erklären, daß es der Menschheit noch nicht recht gelungen ist, mit dieser großartigen Gabe fertig zu werden. Zunächst führt die durch das reflektive Denkvermögen errungene weitgehende Unabhängigkeit vom Kampf ums Dasein zu einer Wandlung zahlreicher natürlicher Lebensbedingungen, insbesondere zu einer Herabsetzung der körperlichen Bewegung. Dieser Mangel an Bewegung wiederum hat oft Entartungserscheinungen zur Folge. Eine häufige Art auf diese Weise hervorgerufener seelischer Störungen ist die Überheblichkeit die als Cäsarenwahnsinn geradezu schizophrene Formen annehmen kann. Man muß kein Cäsar sein, um ihm zu verfallen. Zum Mangel an Bewegung tritt die Verfügungsgewalt über Gesittungsgüter hinzu an Menschen, die mit ihrer Erringung nichts zu tun hatten und ihnen oft seelisch nicht gewachsen sind. Man denke nur an die Steigerung des Selbstgefühls durch ein schnelles Auto oder durch eine Schußwaffe. Die fremde Kraft wird mit der eigenen unberechtigterweise identifiziert. Auch die geborgte Kraft des Pferdes kann eine falsche Illusion erwecken.
Schließlich besteht die Gefahr, daß die Überbetonung des reflektiven Denkens zu einer Verkümmerung anderer seelischer Bereiche, insbesondere des Gefühlslebens, führt. Dies hängt damit zusammen, daß das Reflektieren vornehmlich auf die intellektuellen Bereiche bezogen ist.

Wie aber steht es um das Tier? Ihm fehlen zwar Wort und Selbstbewußtheit. Ist es darum ohne Bewußtsein, ohne Verstand ? Man sollte sich hüten, in das andere Extrem zu verfallen und das Tier als seelenlosen Apparat, als eine Art Trieb- oder Reflexmaschine zu betrachten. Obgleich das häufig geschieht, wäre es ebenso falsch, wie es zu vermenschlichen. Falsch aber wäre es auch, zu sagen, wir wissen es nicht, also lassen wir die Frage offen. Wenn Gustav Rau sagt: »Wir müssen den Verstand des Pferdes zu Hilfe nehmen« (beim Springen), dann hat das nur einen Sinn, wenn wirklich feststeht, daß das Pferd Verstand besitzt. Läßt sich das aber überhaupt ermitteln? Viele bestreiten es. Sie sagen, was im Kopf eines Tieres vor sich geht, können wir nicht erfahren, weil es keine Sprache hat und weil es deshalb über seine subjektiven Empfindungen und Zustände nichts aussagen kann. Diese Aufassung mag zwar für viele Tierarten zutreffen, nicht aber in solch extremer Weise für höhere Tiere, wie etwa Menschenaffen, Hunde, Katzen, Delphine oder Pferde. Gewiß wird man schwerlich einen Einblick in die Psyche etwa eines Regenwurmes oder einer Ameise nehmen können. Ist aber der entwicklungsgeschichtliche und wohl auch der seelische Abstand zwischen Pferd und einem Regenwurm nicht doch größer als der zwischen Pferd und Mensch? Anatomisch und physiologisch steht das Pferd dem Menschen zweifellos näher als dem Wurm oder dem Insekt. Bei dem engen Zusammenhang zwischen seelischen und körperlichen Beziehungen darf man also wohl eine derartige Folgerung annehmen, auch dann, wenn man die durch das reflektive Denken bedingte Kluft zwischen Mensch und Tier in Rechnung stellt.

Eine allzu radikale Trennung, hier der Mensch mit Mitteilungsvermögen, dort das Tier ohne mitteilende Sprache, ist auch aus anderen Gründen fragwürdig. Der Mensch ist nämlich keineswegs fähig, sein eigenes Seelenleben anderen zuverlässig mitzuteilen. Es ist sogar für ihn oftmals schwierig, sich selbst zu begreifen. Irrtum, Lüge und Selbstbetrug stehen einer Selbsterkenntnis häufig im Wege. Simulation, Hysterie und Selbsttäuschung haben gerade in heutiger Zeit groteske Formen angenommen.
Wie oft steht der Arzt vor der schwierigen Frage, ob er es bei einem »Patienten« mit einem wirklich Kranken oder mit einem Simulanten oder Hysteriker zu tun hat. Eben deshalb muß sich ja die Psychoanalyse so raffinierter Methoden bedienen, um dem Patienten die Augen über sich selbst zu öffnen.
Diese Probleme der Täuschung haben wir im Umgang mit dem Tier nicht. Zwar gilt mit Recht das Fehlen der Sprache als besondere Erschwerung für den Tierarzt bei der Untersuchung seiner Patienten und bei der Diagnosestellung. Dieser Nachteil im Vergleich zum Humanmediziner wird aber dadurch ausgeglichen, daß uns das Tier nicht belügt.

Ist der Mensch nur in beschränktem Maße in der Lage das Was seiner eigenen Seelenvorgänge anderen mitzuteilen, so steht es noch schwieriger um das Wie. Niemand kann einem anderen erklären, wie er einen Schmerz oder ein Wohlbehagen, wie er diese oder jene Farbe empfindet. Noch nie hat ein Mensch an sich selbst feststellen können, ob er farbenblind ist. Und es gibt tatsächlich viele, die es sind, ohne es zu wissen. Derartige Fragen können nur auf indirektem, experimentellem Wege gelöst werden, einem Weg, den wir auch beim Tier beschreiten können.
Dazu ein Beispiel:
Ich betrete den Stall und bemerke, daß das Pferd eifrig mit dem Fuß scharrt. Daraus schließe ich, daß es wünscht und erwartet, von mir bald Futter zu erhalten. Ich schließe es ferner daraus, daß das Scharren aufhört, wenn die Krippe gefüllt worden ist. Angenommen, das Tier geht nicht an das Futter heran, sondern scharrt weiter. Ich sehe, daß der Eimer leer ist und fülle ihn mit Wasser. Das Pferd trinkt und hört auf, mit seinen Gesten ein Begehren zum Ausdruck zu bringen. Ich erkenne daraus, daß meine erste Schlußfolgerung falsch war, weil sie durch das Experiment, die Futtergabe nicht bestätigt wurde. Mit Wahrscheinlichkeit schließe ich nachträglich daraus, daß das Pferd seinen Durst und sein Verlangen nach Wasser zum Ausdruck bringen wollte.
Wir müssen also von der Wahrscheinlichkeit ausgehen, daß ähnliche Reaktionen bei Mensch und Tier nicht etwa andere oder gar entgegengesetzte sondern ebenfalls ähnliche psychische Vorgänge ausdrücken. Wenn der Hund aufschreit, falls ihm der Schwanz eingeklemmt wird, dannn ist es unwahrscheinlich, daß er damit ein Wohlbehagen, wahrscheinlich vielmehr, daß er ein Unbehagen ausdrücken will. Wenn er einen anderen Hund oder einen Menschen beißt, dürfte das weniger auf Sympathie als auf Antipathie zurückzuführen sein. Wir können also aus seinen Äußerungen mit erheblicher Wahrscheinlichkeit auf seine Bewußtseinsvorgänge schließen, wenngleich er sie uns nicht mit Worten zu schildern vermag. Dabei bedienen wir uns nicht so sehr des Intellektes, sondern vornehmlich des Gefühls. Mit Recht spricht man nicht nur zwischen Mensch und Tier sondern auch bei den Beziehungen der Menschen untereinander vom Einfühlungsvermögen.
Wie es um diese Fähigkeit bestellt ist, schildert Gräfin Montgelas:
»Die Unfähigkeit, sich in die Lage, in die Gefühle anderer zu versetzen, ist die Ursache vielen Leids unter den Menschen. Sie haben die Fähigkeit, die in jedem Menschen liegt, verkümmern lassen, sie sind nicht mehr imstande, sich in die Seele ihres Nächsten zu versenken, die Dinge von seinem Standpunkt aus zu betrachten, sie sehen alles nur von der Warte ihres eigenen Ichs aus. Würden sie sich mehr mit dem Studium der Tierseele befassen, dann fiele ihnen auch die Einfühlung in die Menschenseele leichter, denn der Weg zur Erkenntnis der menschlichen Psyche führt von unten nach oben durch die Tierpsychologie hindurch. Tolstoi sagt: "Die große Art der Welterkennmis lehrt, sich in Gedanken in einen anderen Mensehen, selbst in ein Tier hineinzuversetzen". Wer den Blick für diese Dinge hat, der sieht solche mit dem Menschlichen übereinstimmende äußere Zeichen vom Innenleben der Tiere so häufig, daß es ihm nicht schwerfällt, sich in ihr geistiges Wesen einzufühlen. Wem diese Fähigkeit aber fehlt, der sollte sich nicht anmaßen, zu behaupten, die Tiere hätten kein Seelenleben, sondern bescheiden zugeben, daß es ihm persönlich unbegreiflich und unfaßbar erscheint.«

Psychologie und Ethologie

Zu Anfang dieses Jahrhunderts entstand in den angelsächsischen Ländern der sogenannte Behaviorismus, die Verhaltenskunde, die es bei Mensch und Tier ablehnte, das Seelenleben mittels Selbstbeobachtung und Deutung von Ausdrucksweisen zu erforschen. Nur objektiv registrierbare und womöglich meßbare Erscheinungen körperlichen Verhaltens wurden als wissenschaftliche Grundlagen anerkannt. Das Wort Seele wurde verpönt, Psychologie als philosophische Spekulation abgetan, eine Auffassung, die sich mehr oder weniger einer mechanistischen Anschauung näherte. Diese Einstellung beruhte auf der unbestreitbaren Tatsache, daß es nicht möglich ist, die Gedanken eines Menschen oder die Bewußtseinsvorgänge in einem Tier mit völliger Zuverlässigkeit zu ermitteln, noch weniger, sie objektiv oder gar meßbar zu erfassen.

Während diese extreme Richtung beim Menschen wieder verlassen wurde, blieb sie beim Tier, besonders in der vergleichenden Verhaltensforschung in modifizierter Form als sogenannte Ethologie erhalten. »Ethologie oder Verhaltensforschung beschränkt sich auf die Erforschung des objektiv feststellbaren Verhaltens von Tieren. Sie vermeidet es, das Psychische mit einzubeziehen, weil die Erkenntnisgrundlagen für die Erforschung seelischer Vorgänge bei Tieren nicht ausreichen« (Hehlmann). Bei dieser Forschungsrichtung geht es also stets um körperliche Vorgange. »Ein Verhalten äußert sich in Muskelbewegungen, gelegentlich aber auch in Drüsentätigkeit oder Pigmentwanderungen« (Eibl-Eibesfeldt). Auch wenn man fragt, welchem Zweck ein Verhalten dient, handelt es sich zunächst noch um Verhaltensforschung. Wenn man aber die Frage stellt, warum, aus welchem Antrieb heraus das Verhalten geschieht, dann ist das in Wirklichkeit nicht mehr Ethologie, sondern bereits Psychologie. Angenommen, ein Pferd wird aus dem Stall auf die Weide geführt und dort freigelassen. Es geht einige Schritte vorwärts, um dann zu grasen.
Der Ethologe wird registrieren, daß das Tier, mit leerem Magen auf die Weide gebracht, die Muskulatur seines Bewegungsapparates betätigt, um den Körper dorthin zu bewegen, wo sich saftiges Gras befindet. Dabei wirkt das grüne Gras als Schlüsselreiz, der leere Magen als Auslöser, der den AAM, den »angeborenen Auslösemechanismus«, nämlich das Grasen in Gang setzt. Man wird ferner den Zweck des Verhaltens darin erblicken, die Erhaltung des Individuums durch Zuführen von Nährstoffen zu gewährleisten.
Der Verhaltensphysiologe wird die bei dem Geschehen sich abspielenden Vorgänge in den einzelnen Körperorganen zu erforschen suchen. Er wird ermitteln, daß beim Eindringen der vom Gras reflektierten grünen Lichtstrahlen in das Auge über die Netzhaut in bestimmten Hirnzentren Reize gebildet werden, die eine Sekretion in den Speichel- und Magensaftdrüsen veranlassen, durch die wiederum die Tätigkeit der Bewegungs- und Kiefermuskulatur in Gang gesetzt wird usf.
Der Psychologe aber wird sagen, das Pferd geht vorwärts, um zu grasen, weil es hungrig ist, weil infolgedessen der Ernährungstrieb wach geworden ist. Er wird ferner feststellen, daß das Tier dabei das Gefühl des Angenehmen empfindet, er wird schließen, daß es ein Gedächtnis besitzt und mit Hilfe einer früheren Wahrnehmung eine Erfahrung gesammelt hat, weil es dorthin geht, wo es bei einem vorausgegangenen Aufenthalt auf der Weide schon einmal gutes Gras vorfand. Er wird weiter feststellen, daß es aus Wahrnehmung und Erfahrung eine Folgerung zu ziehen verstand und infolgedessen Verstand besitzt.

Es wäre kurzsichtig zu behaupten, daß irgendeiner der angeführten Bereiche überflüssig sei. Zweifellos muß an den Anfang psychologischer Betrachtungen die Beobachtung des Verhaltens gestellt werden. Ebenso falsch aber wäre es, in das andere Extrem zu verfallen und alle psychologischen Schlüsse abzulehnen. Falsch wäre es auch zu glauben, daß sich die einzelnen Gebiete gegenseitig ausschließen. Die von manchen Ethologen eingenommene, geradezu feindselige Haltung denjenigen gegenüber, die auch beim Tier psychologische Einblicke zu gewinnen suchen, ist deshalb unverständlich. Wenn nun auch keine scharfen Abgrenzungen zwischen den einzelnen Gebieten, die sich sogar vielfach überschneiden, gezogen werden können, so dürfen sie doch auch nicht willkürlich durcheinandergebracht werden. Vor allem sollte man stets klarstellen, worum es sich handelt. Man kann nicht, wie schon geschehen, Tierpsychologie ablehnen, aber im gleichen Atemzug das abnorme Verhalten eines Tieres mit einer Frustration, einem Begriff aus der Tiefenpsychologie zu erklären suchen, und dann behaupten, daß dies Ethologie sei...

Das beherrschende Feld der Ethologie ist ohne Zweifel die vergleichende Verhaltensforschung. Dagegen dominiert die Psychologie um so mehr bei der Untersuchung einzelner Individuen. Um zu erklären, weshalb ein Pferd hierhin, das andere dorthin geht, um zu grasen, weshalb es sich dabei zu diesem oder zu jenem Pferdekameraden gesellt und vieler anderer Verhaltensweisen bedarf es jedenfalls psychologischer Untersuchungsmethoden. Eine Entscheidung über die Frage, ob man psychische Einblicke bei Tieren gewinnen kann oder nicht, ist auch notwendig aus Gründen des Tierschutzes. Wenn man grundsätzlich ablehnen würde über das, was im Tier vorgeht, zu urteilen, wäre es unzulässig, von Leiden oder Schmerzen eines Tieres zu sprechen. Ähnliches gilt für die Ausbildung. Nur wenn ich davon ausgehe, seelische Vorgänge, seien es solche des Gefühls, des Verstandes oder des Gedächtnisses, beurteilen oder beeinflussen zu können, vermag ich ein Tier zu erziehen oder auszubilden...

aus: BLENDINGER, Wilhelm: Psychologie und Verhaltensweisen des Pferdes. Mit Vergleichen aus der Psychologie anderer Tiere und des Menschen, Heidenheim 1971 (3. Aufl.)
(eigene kleine Anpassungen und Hervorhebungen 2019)

Blendinger

Über Wilhelm Blendinger (Wugwiki)

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