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Update Sept. 2018
 

Der Wolf, das Restrisiko, und der Rotkäppchen-Vorwurf

Wolf (Gemeinfrei; Fotograf Gary Kramer)

In letzter Zeit hören wir oft, wir müssten mit dem Wolf halt leben. Oder noch besser, "lernen" mit ihm zu leben.

Warum "müssen" wir eigentlich? Weil er auf einer Schutzliste der EU aufgeführt ist, von wo er bei entsprechenden politischen Entscheidungen ganz schnell wieder weg sein könnte? Wenn man nur wollte, seitens der politisch Verantwortlichen. "Man" will aber nicht. Stattdessen sollen sich halt die Bürger ducken. Vor einer Liste der EU. Kinder soll man ja eh beaufsichtigen, wenn sie im Wald spielen. Hunde anleinen. Wer nachts durch den Wald geht, muss eben wieder mit allem rechnen. Wie vor 200 Jahren.

Der baden-württembergische Staatssekretär Andre Baumann versteigt sich gar zu Behauptung, "Wölfe leisteten wertvollste Dienste für die Kulturlandschaften" (stimme.de vom 15.5.2017).  - Welche denn bitte?  Dass sie Wildtiere und Schafe bei lebendigem Leib auffressen, demnächst auch auf der Schwäbischen Alb? Gibt es in Baden-Württemberg etwa einen eklatanten Mangel an Jägern oder Schlachthöfen, die das Töten der Tiere fast schmerzfrei erledigen? Kann man den Wölfen beibringen Gras und Gesträuch zu fressen und beim Landschaftsschutz mitzuhelfen?

Mich erinnern diese Sprüche leider sehr an die in den 1980'ern oftgehörte Litanei, man müsse halt mit der Atomkraft und ihrem "Restrisiko" leben. Mittlerweile will das selbst die Bundesregierung nicht mehr, und hat den Ausstieg beschlossen. Was steckte damals dahinter? Die Vorstellung eines gesellschaftlichen Konsens, dass die Atomkraft zwar nicht ganz ungefährlich sei, aber der Nutzen das Risiko mehr als aufwiege, und deshalb akzeptierbar wäre. Der Nutzen der Atomkraft war dabei: Billiger Strom für alle, rund um die Uhr (auch wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht) und qualifizierte Arbeitsplätze, mit denen die dort Beschäftigten nicht nur eine Familie ernähren sondern noch ein Haus abbezahlen konnten. Das ist in Zeiten der "Energiewende" zur großen Seltenheit geworden. Was war falsch an dieser Vorstellung? Eben, dass sie nicht von allen so gesehen wurden. Vor allem nicht denen, deren Heimat zufällig ausgewählt wurde "Endlager" strahlenden Abfalls für Jahrtausende zu werden. Dass ein Teil der Gesellschaft dem anderen solche Vorstellungen von Nutzen und Risiko nicht aufdrücken kann.

Beim Wolf funktioniert das ebensowenig. Auch da ist das Risiko für den einzelnen Menschen (Leute die am Waldrand wohnen und ihre Kinder im Wald spielen lassen etc.) durch den Wolf sehr gering. Nun kommen wir zum "Nutzen". Dieses Argument, selbst wenn es ziehen sollte, ist schwach, weil anthropozentrisch: kein Lebewesen muss einen "Nutzen" nachweisen um seine Existenz zu rechtfertigen. Und offenkundig bietet der Wolf keine Vorteile wie billigen Strom und wirtschaftliche Prosperität. Auch wenn einige der Wolfsfreunde die Bewohner von Wolfsgebieten für so blöd und hinterwäldlerisch halten, um den "Wolfstourismus" als mögliche Einnahmequelle aufzufahren. Okay, Touristen kommen unter bestimmten Bedingungen in die Natur. Glauben die Städter, diese Leute die am Waldrand wohnen, oder gern in ihm spazieren gehen, brauchen den Wolf, weil sie sonst nicht bemerken was Natur ist? Oh nein, sagen diese Leute die nahe an der Natur wohnen, der Wolf fehlt uns überhaupt nicht! Wir ziehen es vor, am Wald zu leben ohne uns um unsere Kinder Sorgen machen zu müssen. Oder um unsere Schafe oder Pferde.

Wem der Vergleich mit der Atomkraft zu weit hergeholt erscheint, nehmen wir einen, der von Wolfsfreunden gern bemüht wird: Der Straßenverkehr. Verglichen mit der Zahl der Toten im Straßenverkehr sei der Wolf doch echt ungefährlich, jedenfalls eine geringere Plage. - Vergessen wird auch hierbei der Nutzen des Verkehrs, dass die Wirtschaft Deutschlands ohne Straßenverkehr nicht funktionieren würde, und 80% der Menschen ohne Auto nicht an ihre Arbeitsplätze kämen. Sie fahren also "nicht zum Spaß". Andererseits sind Fahrweise und Jahreskilometerleistung zumindest nicht ganz "aufgezwungen".

Oder Wildschweine oder freilaufende Kühe und Bullen, auch diese werden als Vergleich bemüht. Diese sind keine Raubtiere, und werden dem Menschen nur gefährlich wenn sie ihre Jungen oder ihre Herde verteidigen wollen. Jemand der sich vorsichtig und achtsam in der Natur bewegt, wird sich zurückziehen wenn er einer Wildsau mit Jungen gegenübersteht. Unfälle sind nicht ausgeschlossen. Aber etwas anderes ist es, wie mit der Ansiedlung eines gefährlichen Raubtieres, ein neues Risiko bewusst hinzuzufügen. Im privaten Leben nennt man so etwas fahrlässiges Handeln. Und wenn man ein Risiko anderen versucht schönzureden, ist es grobe Fahrlässigkeit. Und die ist strafbar.

Wenn wir nun schon den Luchs haben, können wir dann nicht auch mit dem Wolf leben? - Der Luchs lebt äußerst zurückgezogen. Anders als der Wolf ist er wirklich menschen- und zivilisationsscheu. Von ihm geht keine Gefahr aus, auch nicht für im Wald spielende Kinder. Anders als der Wolf, ist er ein genügsamer Jäger, der nur reißt, was er auch auffressen kann, und strebt nicht nach Ausbreitung seines Lebensraums. Er ist als Katzentier zu "stolz" um in menschlichem Zivilisationsmüll zu wühlen oder Abfälle zu fressen.

Der Wolf bringt also keinen Nutzen für unser Ökosystem. Nicht den mindesten. Er schadet der Weidewirtschaft massiv, damit auch der Landschaftspflege. Und alles, was er der Waldlandschaft als Raubtier "Gutes" tun kann, kann der menschliche Jäger besser und schonender. Mit dem Wolf sind viele andere Tierarten, darunter manche die selbst geschützt sind, in Gefahr zu verschwinden, und unsere Natur wird verarmen. Was man dem menschlichen Jäger höchstens vorwerfen kann, ist dass er zu selten und zu rücksichtsvoll jagt, nach einer tradierten Waidgerechtigkeit, die versucht "faire Bedingungen" zu schaffen. Der Wildschweinplage wird er so nicht mehr Herr. Aber auch dem Wolf wird der Schwarzkittel Schwierigkeiten schaffen. An ihn geht er als letzter heran, wenn "ungefährlichere" Beutetiere alle verspachtelt sind. Ein einzelnes Wildschwein hat von einem einzelnen Wolf kaum etwas zu fürchten. Sie müssten es denn zu mehreren angreifen. Die Wildschweine sind aber so schlau, sich in größeren Rudeln zu vereinigen wenn sie vom Wolf bedroht sind.

Soweit zur kaum noch ernsthaft erhobenen, steilen Behauptung, der Wolf "sei nützlich für unsere Kulturlandschaft", oder fürs Ökosystem.

Als letztes Pseudo- und Totschlagsargument wird dann der Vorwurf der Angst gebracht. Wir sollen doch keine "Angst" vor dem Wolf haben, wir seien doch keine kleine Mädchen mit roten Mützchen... Aber Leute, die aus verständlichem Grund besorgt sind, in die Nähe von Angsthasen zu rücken, ist eine Frechheit und Respektlosigkeit, das ist nicht sachlich, sondern "Argumentum ad hominem". Dasselbe gilt für das Statement, dass es eine Wolfshysterie gäbe. Was macht man mit Leuten die unter einer Phobie leiden? Man behandelt sie, und braucht sie so nicht ernst zu nehmen. Wie praktisch. Sofern nicht als reine Polemik und zum politischen Kalkül gedacht, also von Machtträgern verwendet, sondern tatsächlich ernstgemeint, verraten derartige Vorwürfe viel über die Menschen die sie äußern: vor allem einen bedauernswerten Mangel am Empathie. Für die Sorgen anderer Menschen sowohl als auch für das Leiden der Tiere, die der Wolf leider oft alles andere als "schmerzlos, mit dem Kehlbiß" zur Strecke bringt, sondern sie häufig bei lebendigem Leibe anfrisst und dann leben, d.h. grausam und langsam sterben lässt.

Es geht überhaupt nicht um Angst. Es geht um den Menschen. Es geht um Rechte, Lebensqualität, öffentliche Sicherheit und staatliche Daseinsvorsorge, und um deren langsames Verschwinden. Dazu gehörte jeher der Schutz des Bürgers vor "Straßenräubern und Raubtieren" -- der dafür im Gegenzug auf's Recht verzichtete selbst Waffen zu tragen um sich im Bedarfsfalle verteidigen zu können. Diese Vereinbarung, auf der im Grunde unsere gesamte Zivilgesellschaft beruht, ist nicht einseitig kündbar. Was wird als nächste Zumutung von uns erwartet? Die Freiheit verschwindet nie als Ganzes und mit einem Streich, sondern immer scheibchen- und stückweise, von vielen unbemerkt. Es geht um das durch Dauerpräsenz des Wolfs ad absurdum geführte freie Betretungsrecht des Waldes (§14 Bundeswaldgesetz), was bestimmten Interessengruppen schon immer ein Dorn im Auge war.

Ferner verlangt das Tierschutzgesetz als obersten Grundsatz den Schutz der uns anvertrauten Tiere vor unnötigen Schmerzen und Leiden. Das Anfressen von Schafen, Kälbchen und Fohlen bei lebendigem Leibe, was eine Nottötung erforderlich macht, ist ja wohl nicht anders einzuordnen als "unnötige Schmerzen und Leiden". Dass Tierhalter ihre Tiere in Gebieten mit vielen Wölfen nicht mehr vor dem Wolf schützen können, was sie als ethische Verpflichtung empfinden und tun wollen, nach dem Tierschutzgesetz tun müssen, aber nach jetziger Rechtslage nur in Nothilfehandeln nach §34 StGB tun dürfen. Der Wolf tötet dabei sogar Pferde (NABU News, Oranienburger Heide, 14. April 2016). Es geht darum, dass unsere Tiere artgerecht leben dürfen, das heisst draussen in der Natur. Die Zeit der Stalltierhaltung war eigentlich gerade vorüber. Insbesondere die Pferdehalter mussten dafür über Jahrzehnte kämpfen. Die Zäune, so sicher und verletzungshemmend sie auch immer sein mögen, sind dabei das Problem. Sie sind nie absolut unüberwindlich für den Wolf, verhindern aber das Weiterziehen und Flüchten der Weidetiere, um ihm auszuweichen. In der "freien Natur" hätte der Pflanzenfresser gegen ihn eine "faire Chance". Sobald irgendwo Zäune stehen, kann man nicht mehr sagen "Pech gehabt, ist halt Natur".

"Weidetierhalter müssten halt wieder lernen mit dem Wolf zu leben", fordern da einige. Vom dünkelhaft-überheblichen Duktus dieser Forderung abgesehen (der Hinterwäldler muss endlich mal lernen wie man vernünftig Zäune zieht) abgesehen offenbart sie noch eine bemerkenswerte Unkenntnis. Denn vor 200 Jahren, oder im Mittelalter, "lebte" man mit dem Wolf, indem man ihm mit der Schusswaffe oder minder geeigneten und gewiss nicht tierfreundlichen Mitteln wie dem Gift und der Wolfsangel zu Leibe rückte. Die Weidetiere waren damals nicht eingekoppelt sondern wurden von Hirten bewacht, die selbstverständlich auch bewaffnet waren. Sie standen nicht auf eingezäunten Weiden sondern wurden über Hutungen getrieben, ähnlich wie bei heutigen Wanderschäfern, nur dass man dies auch mit Rindern und Pferden machte. Sofern man die Aufsicht Kindern übergab, wurde auch mal eins vom Wolf angegriffen. Dann rückten die Dorfbewohner aus und töteten den Wolf, wie noch bis vor kurzem in einigen Gebieten Indiens. Eine Weidetierhaltung im modernen Sinne erlaubte erst der Stacheldraht (seit 120 Jahren), bzw. der Elektrozaun (seit 60 Jahren). Nachdem der Wolf bereits verschwunden war.

Leider sind gewisse Wolfsfreunde zugleich Gegner jeder Tierhaltung, und nutzen den Wolf weidlich als politisches Instrument um diese immer mehr zu erschweren, z.B. durch finanziell/rechtlich unerfüllbare (leider dem Wolf gegenüber wenig wirksame) Auflagen zum Zaunbau. Dem ist mit der nötigen politischen Schärfe entgegenzutreten, vor allem auch durch unsere Interessenverbände (Tierzucht und Pferdesport). Mittlerweile gehen sie so weit, Kürzungen der Landwirtschaftsförderung und andere "Strafen" zu verlangen, wenn Zaunbauempfehlungen nicht eingehalten werden. Die solche Forderungen gutheißen, können sich vielleicht nicht vorstellen, wie anders unsere Kulturlandschaften, abseits der inmitten der Agrarsteppen liegenden industriellen Massentierhaltungen, dann in 10-15 Jahren aussehen würden. Vielen fehlt dafür auch schon der Blick, da sie um Natur zu sehen Flugurlaube buchen. Manchen auch Verhältnismäßigkeit, erkennbar an der wutentbrannten Gegenfrage: Sollen wir den Wolf denn stattdessen ausrotten!? - Liebe Leute, am Deutschen Wesen kann die Welt nicht genesen : Wir können den Wolf in Deutschland weder retten noch ausrotten! Allenfalls verdrängen. Dazu gibt es zuviele von ihnen. Woanders und mittlerweile auch wieder bei uns.

Zum letzten Punkt, der steilen Behauptung, es sei in Deutschland "seit Jahrhunderten" kein Mensch mehr vom Wolf getötet worden: Das ist nachweislich falsch! Hierfür müsste dazu der Nachweis erbracht sein, dass in Waldgebieten (insbesondere Wolfsgebieten) verschwundene Kinder nicht vom Wolf verschleppt und gefressen worden sind. Diesen Nachweis zu führen, ist offenkundig unmöglich. "Wahrscheinlichkeiten" genügen nicht. Die im Falles eines verschwundenen Kinds gerufene Polizei hat gar nicht die Mittel nach Wolfsspuren zu suchen. Die ermittelt Täter (Zweibeiner). Wo in einem dichten Wald- und Wolfsgebiet (worüber fast nirgends Eltern informiert und "beunruhigt", von Jägern aufgehängte Warnschilder sogar "behördlicherseits" abgehängt und verfolgt werden!) ein Kind verschwindet und auch nur der leise Verdacht besteht dass Wölfe damit zu tun haben könnten -- wäre es da nicht verantwortungsvoller, alle Wölfe des betreffenden Gebiets aus Gründen der öffentlichen Sicherheit, juristisch höherwertiger als der Artenschutz, zu töten? Anstatt im Namen einer unzulässigerweise auf Tiere ausgedehnten Unschuldsvermutung den Verdacht totzuschweigen, und dadurch fahrlässig weitere Menschen zu gefährden? Doch halt: Das hätte für viel Ärger und böses Blut gesorgt (Bruno Problembär lässt grüßen), die betreffenden Entscheider und Politiker zur Zielscheibe militanter Tierschutzextremisten gemacht. Und das geht ja nicht....

Juristisches Gutachten: Was darf der Jäger? (Dr. Ravenstein: Das Jagdrecht unter die Lupe genommen)
"Freie Bauern" : Wölfe schießen statt Herden schützen

Was hätte Erik Zimen wohl zum heutigen Bohei um den Wolf gesagt?
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