taunusreiter TAUNUSREITER
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Neu Juni 2015

 

Über das Anreiten, den richtigen Gebrauch des inneren und äußeren Schenkels, die Vermeidung der s.g. „natürlichen Schiefe“, die Benutzung des Sporns und Seitengänge

(Peter Spohr, Kondition unserer Militärdienstpferde, 1912, S.51-62)

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Das Anreiten roher Pferde 

(..)Auf einen Fehler möchte ich hinweisen, der beim ersten Anreiten unserer Remonten fast allgemein begangen wird, der Dressur und ihrem Fortschritt aber große Schwierigkeiten in den Weg legt, weil er Widerstände erst schafft, welche bis dahin nicht vorhanden waren, Missverständnisse hervorruft, welche leicht zu vermeiden wären.

Geradeausreiten

    Da wird zunächst für das rohe Remontenpferd in der Regel das Geradeausreiten als erste Lektion hingestellt.  Nun weiß aber jeder Sachverständige, wie schwer ein wirkliches Geradeausreiten ist. Ein solches setzt nicht nur eine ganz gleichmäßige Anlage der Ganaschen an den Hals, sondern auch einen schon geregelten Gang der Gliedmaßen, eine genaue Folge voraus, also gerade das, was beim rohen Pferd noch gar nicht vorhanden ist.  Dazu kommt, dass dem Reiter selbst dann, wenn er mit zwei Gerten arbeitet, wie dies manche wollen, dennoch keine geradeauswirkenden Hilfen zu Gebote stehen.  Wird nun noch das Anlegen der, dem Pferde bis dahin unbekannten Schenkel hinter dem Gurt empfohlen, so sind alle Vorbedingungen zu den verschiedensten Missverständnissen und Widersetzlichkeiten des Tieres gegeben:  Drücken in die Hand, Verwerfen und Verdrehen des Genicks, Ausfallen mit der Kruppe und Schlagen nach den Schenkeln sind die Folge, die Dressur beginnt mit Unfrieden, und es stellen sich durch falsche Kompromisse zwischen Ross und Reiter Übelstände ein, welche später mit Mühe wieder beseitigt werden müssen. 1)
Kavallerie nach vorn!

Reiten auf einem großen Zirkel

    Das alles wird vermieden, wenn man das rohe Tier in einer umzäunten Bahn - am besten einem Zirkel von 120m Durchmesser, jedenfalls bei einer möglichst großen Bahn die Ecken mit dem halben Breitendurchmesser derselben als Radius abrundend, mit dem inwendigen (inneren) Schenkel allein anreiten lässt.  Wird letztere anfangs in seiner Wirkung noch durch die ebenfalls mit der inwendigen Hand hinter dem Gurt leicht angewendete Gerte unterstützt, so lernt das Tier die vortreibende Wirkung dieses Schenkels umso schneller verstehen und befolgen, je mehr der betreffende Reiter befähigt ist, denselben in Harmonie mit den zum Vorbewegen des betreffenden Hinterschenkels sich zusammenziehenden Muskeln zu gebrauchen, wie dies weiter oben angegeben wurde.  Dies ist für ihn aber umso leichter, als der auswendige Schenkel vorerst völlig untätig im Bügel ruhen, in den ersten Stunden keinerlei Wirkung auf das Tier versuchen, sondern nur sanft an den Gurt angelegt werden soll, in dem Maße wie das Tier dieses willig verträgt. Ist letzteres anfangs nicht der Fall, so lässt ihn der Reiter einfach im Bügel ruhen, ohne vom Knie abwärts das Pferd zu berühren. Die Kopfstellung wird vor dem Anreiten mittelst der Zügel so geregelt, 2) dass der Reiter wenigstens das innere Auge und Nasenloch schimmern sieht, wobei es durchaus nicht schadet, wenn etwas mehr geschieht und z.B. auch der dritte und selbst das Gelenk zwischen diesem und dem vierten Halswirbel teilnimmt, wenn nur die Kopfstellung einwärts gewahrt bleibt.
-- Anm. des Autors: Dieses Verfahren beseitigt auch die so genannten „natürliche Schiefe“ des Pferdes bzw. lässt sie gar nicht erst aufkommen. Denn die sogenannte „natürliche“ Schiefe ist in der Tat ein Kunstprodukt, dadurch hervorgerufen, dass der Reiter dem festeren Auf-die-Zügel-legen des Pferdes auf seiner harten Seite – die bei fast allen Pferden vorhanden ist – anfangs noch nicht durch schärferen Schenkeldruck entgegentreten kann. Bei nachhaltigem inneren Schenkelgebrauch und nach innen gestelltem Hals gibt es keine „natürliche Schiefe“, und die Pferde werden bald auf beiden Seiten gleich weich.
3)

    Ich halte es daher für vorteilhaft, auch ganz gewandte Reiter in den ersten Wochen ohne Sporn reiten zu lassen, damit die rohen Tiere nicht durch einen zufälligen Spornstich irritiert werden.  Das bekannte, gut gerittene alte Tetenpferd erleichtert die Einleitungsarbeit sehr, und es wäre töricht, sich seiner nicht zu bedienen.

    Indem die Tiere nun auf beiden Händen diese vortreibende Wirkung des inneren Schenkels bei Kopfstellung einwärts im Schritt und Trabe kennen lernen, werden nicht nur falsche Biegungen im Halse und den Ganaschen leicht vermieden, sondern auch von vornherein ein sicherer Gehorsam in Bezug auf den inwendigen Schenkel erreicht.  Dieses Resultat aber kann von einigermaßen gut qualifizierten Remontereitern in 14 Tagen d.h. (die Sonntage als Ruhetage abgerechnet  - mehr Ruhetage bei gesunden Tieren wären Verderbetage) in 12 Reitlektionen von pp. 1 ½ Stunden, so sicher erreicht werden, dass das Tier dann im Notfalle auch im Freien, wo die Gegenwirkung einer Bande oder Wand gegen das Ausfallen mit der Kruppe fehlt, ohne Mühe zu reiten ist. Sollte es z.B. erforderlich sein, es auf einer Landstraße zu reiten, so stellt man es, falls der Reitweg an der rechten Seite der Straße läuft, links und treibt es mit dem linken Schenkel, oder, falls man es an der andern Seite der Straße reiten muss, stellt man es rechts und treibt mit dem rechten Schenkel.

    Ein vollkommen gewandter, seiner Schenkelhilfe in bewusster Weise sicherer Reiter würde nun auch imstande sein, das Tier schon mit beiden Schenkeln, indem er dieselben in dem weiter oben angegebenen Sinne abwechselnd zum Vortreiben des betreffenden Hinterbeins gebraucht, im Gange zu treiben und so auf die vortreibenden Hilfen der vereinigten Schenkel sicher zu machen.

    Ich widerrate dies jedoch aus zwei Gründen:  1. weil es nur sehr wenige Reiter gibt, welche eines so genauen Gebrauches der Schenkel sicher sind, und 2. weil der Mitgebrauch des auswendigen Schenkels alle die Widerstände, welche im Genick, Ganaschen und Halse des Tieres noch vorhanden sind, vermehrt hervortreten lässt und daher auch den Widerstand des Tieres herausfordert.

    Ich halte es vielmehr für zweckmäßig, sowohl um nunmehr die erste Halsarbeit im Gange vorzunehmen – dass diese im Stehen und im Stalle durch Abbiegen, Abbrechen usw. in bekannter Weise schon inzwischen stattgefunden hat, ist selbstverständlich – als um den Gehorsam gegenüber dem Schenkel zu befestigen, zu der vortreibenden Hilfe des inneren Schenkels dessen seitwärts treibende hinzuzufügen, ehe und bevor diese letztere durch die Gegenwirkung des äußeren Schenkels verschärft wird.

    Man beginne also das Tier mittelst der Zügel mit der Vorhand, zunächst eine halbe, später eine Hufbreite, schließlich zwei Hufbreiten, oder 15-20cm in die Bahn zu stellen und den inneren Schenkel seitwärtstreibend wirken zu lassen, also eine Art mäßigen Schulterhereins (meine Anm.: heute manchmal als "Schultervor" bezeichnet) zu reiten, bei welchem nur der innere Schenkel vorherrschend vorwärts, und etwas seitwärts wirkt.  Zunächst werden in dieser Weise natürlich nur wenige Tritte im Schritt zu erlangen gesucht, auf alle Fälle das Tier sofort wieder auf den Hufschlag geführt, falls es in die Bahn drängen sollte. Erst später, je mehr das Tier die Übung richtig ausführt, lässt man es mehr Tritte machen, allmählich bis zu 15-20 dergleichen, höchstens die Länge der kurzen Wand.  Nachdem es im Schritt Sicheres geleistet, wird ganz ebenso im Trabe (natürlichen Mitteltrabe) vorgegangen.  Legen die Tiere, willig vor dem Schenkel vorwärts-seitwärts gehend, 15-20 Tritte auf beiden Händen zurück, so können die Früchte dieser Lektion nicht ausbleiben!

    Als solche sehe ich an:  1. dass das Pferd die gegenhaltende und führende Wirkung der äußeren Zügels kennen lernt, ohne welche es ja nicht imstande sein würde- wenn auch nur in mäßiger Haltung auf der Vorhand - diesen Gang zu leisten; 2. dass es ganz von selbst in dem Maße, wie es allmählich mit der Vorhand in die Bahn (schließlich bis zu zwei Hufbreiten) geführt wurde, freiwillig den auswendigen Schenkel aufsuchen, an ihm Stütze nehmen und ihm vertrauen lernt.

     Alsdann ist man auch imstande, dem Tiere die stellende Wirkung des äußeren Zügels und die vor- und seitwärtstreibende des äußeren Schenkels kennen zu lehren.  Der stellenden Wirkung des äußeren Zügels wird es ohne weiteres folgen, wenn der innere zunächst entsprechend nachgibt, dann aber stützt und führt, da es dann in derselben nichts Neues sieht, aber es wird auch ganz von selbst jetzt erwarten, mit dem äußeren Schenkel getrieben zu werden, da es ja gewöhnt ist, stets auf der Seite dem Schenkel zu folgen, wohin es gestellt ist.  Dass der innere Schenkel zunächst, ohne die dem Tiere ja bekannte Führung aufzugeben, sich passiv verhält, wird die Aufgabe des äußeren Schenkels erleichtern, und, indem dieser die Hinterhand um ein sehr weniges – wieder zunächst nur eine halbe Huf- später ein Huf, dann zwei Hufbreiten – in die Bahn seitwärts drückt, bezweckt und erreicht er im Grunde nur, dass ihn das Pferd nun auch auf der äußeren Seite ebenso kennen und respektieren lernt, als er dies auf der inneren Seite schon getan hat. (Also eine Art leichteren „Kruppehereins“.)

    Binnen 4-6 Wochen erlangt man so in ganz folgerichtiger Weise und fast ohne alle Opposition eine willige Anlehnung an das Gebiss bei deutlicher Unterscheidung des führenden und stellenden Zügels durch das Tier, Folgsamkeit gegen beide:  inneren wie äußeren Schenke, und deren vorwärts- wie seitwärtstreibenden Hilfen, wenn einer derselben vorherrschend gebraucht wird.  --

    Der vereinigte Gebrauch beider Schenkel geschieht am besten zunächst wieder auf dem großen Zirkel, und unter Vorherrschen des inneren Schenkels.  Der äußere muss zunächst nur wie ein nasser Sack hinter dem Gurt an dem Pferde gleichsam kleben, und gibt sodann von hinten nach vorne schraubend-schiebenden Druck, anfangs nur leise und – noch nicht regelmäßig bei jedem Untersetzen des äußeren Hinterfußes, sondern – gelegentlich, wenn das Tier recht willig dem inneren Schenkel in den äußeren Zügel hinein folgt, gleichsam diesen Schub durch ein sanftes Schieben gegen den inneren Zügel ausgleichend.  Ganz allmählich wird diese Hilfe öfter und öfter wiederholt, bis sie ganz zuletzt regelmäßig bei jedem Untersetzen des äußeren Hinterfußes erfolgt bzw. diesen vermehrt unter den Leib schiebt.

    Je sorgsamer und richtiger diese Gewöhnung an die zusammenschiebende Wirkung des auswendigen Schenkels auf dem großen Zirkel erfolgt, desto mehr wird die ganze folgende Dressur vorbereitet und erleichtert, da fast alle Widersetzlichkeiten mit Ungehorsam gegen den äußeren Schenkel beginnen, während umgekehrt ein Pferd, welches, dem auswendigen Schenkel stets folgsam, in den inneren Zügel hineingeht, ohne große Mühe zu allem zu bringen ist!

    Ist dieser Gehorsam gegen den vortreibend-zusammenschiebenden Druck des äußeren Schenkels auf beiden Händen auf dem großen Zirkel erreicht, dann erst ist es an der Zeit, das Tier dauernd auch auf dem Hufschlage mit beiden Schenkeln zu reiten,  und nunmehr durch viele Zusammenschiebungen, halbe Paraden usw.  immer mehr auf Haltung und Gleichgewicht auf der Mittelhand hinzuarbeiten.
Ich habe von diesem System des Anreitens stets nur die vorzüglichsten Erfolge, Vermeidung von „Balgereien“ und Widersetzlichkeiten, sehr fromme, folgsame, flott gehende Pferde und ein rasches und durch keinerlei Zwischenfälle unterbrochenes Vorschreiten der Dressur gesehen.

(Meine Anm. Bitte hier beim Lesen für einen Moment innehalten : Haben Sie schon das Wort "Geraderichten" irgendwo im Text gelesen? - Nein? - Ich auch nicht. Und warum nicht? Steinbrechts' goldenen Worte "Reite Dein Pferd vorwärts und richte es gerade!" waren hier schon 25 Jahre bekannt... Falls Sie es nicht schon erraten haben sag ich's Ihnen: Ein solcherart, wie Spohr es beschreibt, gerittenes Pferd, ist so gerade wie ein Pferd als nicht perfekt symmetrisches Geschöpf nur irgend sein kann -- u
nd das vollständig ohne Geziehe und Gezwirbel! In jedem Fall gerade genug, dass das Reiten ihm körperlich nicht schadet, - nur deshalb reitet man es ja gerade, nicht aus irgendeinem Genauigkeitsfimmel - und es bleibt dabei durch den Schenkel bei Bedarf jederzeit korrigierbar.)

    Von wem dieses System herrührt, das ich auch stets als Grundlage der Korrektur bei verdorbenen und verrittenen Pferden mit vollständigem Erfolge zur Anwendung gebracht – ich glaube nicht , dass es im Herzog v. Newcastle, in La Guérinière,  Sohr’scher Reitinstruktion, Seidler, Krane, Seeger, Baucher oder in den zahlreichen neuen Schriften – namentlich Otto Digeon v. Montetons – geschrieben steht,  - weiß ich nicht, glaube aber, dass es der Deutschen Reitinstruktion, zwischen deren Zeilen es vielleicht zu lesen ist, in keiner Weise widerspricht, und habe es so wie hier beschrieben, seit 55 Jahren ausgeübt und erprobt, mich im Übrigen durchaus an die altbewährte  preußische Tradition haltend.  Nur in zwei Punkten habe ich diese zu vervollkommnen oder auf meine Weise auszuüben versucht, was ebenfalls so gute Resultate gehabt hat, dass ich mich hier über dieselben umso mehr äußern zu dürfen glaube, als auch in dieser Richtung viele Sünden gegen die „Kondition“ begangen werden, ja durch falsches Verfahren in der zu erörternden Richtung viele Pferde in ihrer Brauchbarkeit sehr gemindert und zuweilen völlig unbrauchbar werden.

Über den Gebrauch des Sporns

    Ich meine zunächst den Gebrauch des Sporns.

    Erst wenn im Verlauf von 8-10 Wochen die obige Gewöhnung und Folgsamkeit der Remonten gegen beide Schenkel erreicht war, habe ich die Remontenreiter mit Sporn reiten lassen, von da aber auch systematisch auf die Gewöhnung der Pferde an Spornhilfen hingearbeitet.

    Ich habe im Sporn immer nur eine verschärfende Schenkelhilfe und nur insofern eine solche, gerade wie starke Genick- oder Ganaschenbiegung oder Halsbiegung mittelst der Zügel, Zurücktretenlassen oder ein anstrengender Seitengang eine Strafe für das Tier sein kann, welches in dieser oder jener Richtung dem Reiter sich zu entziehen versucht, kann man im selben Sinne den Sporngebrauch als Strafe gelten lassen – aber immer nur, nachdem er vom Pferde als Hilfe gekannt uns vollkommen respektiert ist.

    Wer den Sporn als Strafe gebraucht, bevor ihn das Pferd als Hilfe kennt und ihm völlig gehorcht, verdirbt das Pferd nicht nur für den Gebrauch des Sporns, sondern auch für den des Schenkels.  Nachstehende Methode, das Tier mit dem Gebrauch des Sporns bekannt zu machen, hat sich bei mir durchweg als sicherste erprobt:

    Zunächst ist das Pferd mit der Spornwirkung als einer einfachen Hilfe zum Seitwärtstreten bekannt zu machen. Das geschieht am besten bei Übung der Wendung um die Vorhand mit Kopfstellung nach inwendig, also auf den inwendigen Sporn.  Indem das Pferd vor ihm weicht, wobei der Sporn nur einfach durch entsprechende Biegung der Ferse angelegt wird, folgt  es ihm in der vom Reiter gewollten Weise.  Wehrt sich das Tier gegen den ganz ruhig und gelinde gebrauchten Sporn, indem es danach schlägt, sich nach dem Schenkel umsieht oder in irgend einer andern Weise, so wird es mit der Hand gestreichelt durch Zureden beruhigt, aber dabei der Sporn sofort aufs Neue, nicht etwa stärker, eher schwächer, gebraucht. Es gilt, dem Tier begreiflich zu machen, dass es den Sporn dulden und ihm gehorchen soll, obgleich er ihm einen kleinen Schmerz verursacht.  Duldet es den Sporn, und weicht ihm, so ist es zu beloben, mit einem Stückchen Brot oder Mohrrübe zu belohnen.  Es muss durchaus dahin gebracht werden, auch in dem Sporn nur eine gute Absicht und eine von dem ihm als wohlwollend bekannten Reiter gewollte Hilfe zu erkennen.  Allmählich wird die volle Kreiswendung in 8-10 Tritten auf gelinde Spornhilfen gemacht.  Ist so auf beiden Händen das Tier in der Wendung auf den Sporn sicher, so wird letzterer nunmehr, vorwärts-seitwärts wirkend, zunächst auf dem großen Zirkel, dann auf dem Hufschlage gebraucht.  Ist das Pferd darauf sicher, dann erfolgt die Anwendung des Sporns auf der auswendigen Seite zunächst in einem dem Kruppeherein ähnlichen Gange, dann auf dem großen Zirkel, das Pferd von hinten nach vorn, statt mit dem auswendigen Schenkel, mit dem Sporn schiebend.  Folgt es dem auswendigen Sporn auf dem großen Zirkel nun ebenfalls ganz willig, so kann nunmehr der beidseitige Sporn, als schärfere Schenkelhilfe bei halben Paraden, und später aus schärfste Schenkelhilfe bei ganzen Paraden auf dem Hufschlage gebraucht, das Tier zwischen den Sporen pariert werden.

    Selbstverständlich wird der Sporn stets nur aus der Ferse und niemals hauend, sondern immer nur ruhig drückend, so viel als nötig, gebraucht.

    Der spätere Gebrauch des Sporns bei den eigentlichen Seitengängen, namentlich im abgekürzten Trabtempo, im Galopp und bei Paraden aus dem Galopp, sowie beim Springen, ist so in wirksamster Weise vorbereitet, bietet keinerlei Schwierigkeiten mehr und erleichtert die richtige Einwirkung des Reiters im höchsten Grande. 
Dahin aber muss jedes Militärpferd gebracht werden, und jeder militärische Reiter muss den Sporn so zu gebrauchen verstehen.

    Eine höhere Kunst des Sporngebrauchs ist sogar imstande, auch das phlegmatischste Tier als feurigstes Rassepferd erscheinen zu lassen, und umgekehrt feurigste Rassepferde in frömmste Lämmer zu verwandeln.

Kavallerie

Über Seitengänge

    Es bleibt nur noch übrig, einige Worte über Seitengänge zu sagen, in denen man bald für die Pferde eine Ursache von Gelenk- und Sehnenleiden, bald für die Reiter eine Klippe bezüglich der Herrschaft über das Pferd erblickt.

    Werden die Anfänge zu den Seitengängen so eingeleitet wie oben geschildert, dann werden selbst einzelne Fehltritte zu den größten Seltenheiten gehören, und werden wirkliche schädliche Folgen solcher Fehltritte so behandelt, wie vorn bei 3A unter Bein- und Hufpflege angedeutet, so werden sie in kürzester Frist stets vollständig beseitigt sein und niemals auch nur Spuren zurücklassen.

    Liegt sonach keinerlei Grund zu Besorgnissen für die Grundlage der „Kondition“, die Gesundheit des Pferdes vor, sobald Seitengänge nur in systematischer, von leichterer zu schwerer, von kürzerer zu längerer Übung vorschreitender Weise betrieben werden, so wird andererseits nicht geleugnet werden können, dass ihre richtige und gründliche Übung für die „Kondition“ selbst von höchster Bedeutung und dass die, wie wir sagen, dem Militärpferde so höchst wichtige harmonische Ausbildung aller Muskeln auch nur durch eine gleichmäßige Übung aller Seitengänge, mindestens im Schritt und kurzen Trab auf beiden Händen zu erreichen ist.

    Es müssen demnach geübt werden:  Schulterherein und Kruppeherein, Travers und Renvers.
Es ist nun sehr merkwürdig zu sehen, wie je nach der Mode und Nationalität bald der eine, bald der andere dieser Seitengänge für schwieriger erklärt und aus den Lektionen ausgemerzt wird.  So reiten die Franzosen in der der Kavallerieschule zu Saumur gegenwärtig nur Travers und Renvsers, während Schulterherein und Kruppeherein völlig ausgeschlossen sind.  Bei uns werden Schulterherein und Kruppeherein bevorzugt und die ihnen ausgleichend gegenüber stehenden Gangarten vielfach vernachlässigt.  Warum?  Das erscheint mir nicht klar.  Denn jede dieser Seitengänge hat seinen besonderen Wert und jeder derselben ist gleich schwer richtig zu reiten, und kann ebenso leicht zu Fehlern Veranlassung geben.

    Erwägt man aber, was für Muskeltätigkeit jeder dieser Seitengänge übt und ausbildet, so sieht man, wie sie sich gegenseitig ergänzen, wie sie alle nötig sind, wenn keine Lücke bleiben soll, und wie alle Schwierigkeiten nur dadurch hervorgerufen werden, dass man eben solche Lücken entstehen lässt.

    Der charakteristische Unterschied zwischen Schulterherein und Kruppeherein einer- wie Travers und Rennvers andererseits besteht darin, dass bei den ersteren beiden Gängen die Bewegung von der hohl (zusammen) gebogenen Seite nach der konvex gedehnten (auseinandergebogenen) Seite hin geht, und in dieser Richtung auch das Gewicht des Reiters, also von der zusammengezogenen nach der gedehnten Seite hin wirkt, während beim Travers und Renvers das Entgegengesetzte der Fall ist.  In den erstgenannten Gängen wirken daher die Muskeln und Gelenke der zusammengebogenen Seite freier, in den letzteren die ausgedehnten. Jene üben daher mehr das freie und weite Vorgreifen bzw. Untersetzen der Beine der zusammengebogenen Seite, diese mehr das federnde Abstoßen bzw. Abschieben der Gliedmaßen der auseinandergebogenen (konvexen) Seite.

    Hinwiederum ergänzen sich auch Schulterherein und Kruppeherein, sowie Travers und Renvers unter sich, und zwar durchaus nicht in dem Sinne, dass z.B. Kruppeherein auf der rechten Hand durch Schulterherein auf der linken, oder Renvers auf der linken Hand durch Travers auf der rechten zu ersetzen wäre.  Der prinzipielle Unterschied, der in dieser Beziehung besteht, tritt nämlich in seiner vollen Größe nur auf dem Zirkel bzw. beim Eckenpassieren hervor, indem im Schulterherein und Renvers die Vorhand den kleineren, die Hinterhand den größeren Kreis beschreibt, während beim Kruppeherein und Travers bekanntlich das Umgekehrte der Fall ist.  Derjenige Körperteil aber, welcher den größeren Raum zurücklegt, zeigt auch eine vermehrte Tätigkeit seiner Gliedmaßen im Fördern, der, welcher den kleineren Raum zurücklegt, im Stützen der Last, wodurch sich im Einzelnen für die Übung der verschiedenen Gliedmaßen wieder ganz bestimmte Unterschiede ergeben.

    Aber auch auf dem geraden Hufschlage, wo Kruppeherein bzw. Renvers der einen mit Schulterherein bzw. Travers der anderen Hand in der Tat dieselbe Bewegung darstellen, existiert in bedeckten oder umzäunten Bahnen noch ein wesentlicher Unterschied in der durch diese dem Reiter geleisteten Unterstützung seiner Absichten: für in die Zügel drängende Pferde leistet die Bande im Kruppeherein und Travers, für sich von dem Zügel verhaltende im Schulterherein und im Renvers dem Reiter eine nicht zu verachtende Beihilfe.

    Endlich kommt noch die Zügel- und die durch sie bestimmte Kopf- und Halsarbeit in Betracht.  Indem bald der stellende, bald der führende Zügel zu stärkerer Wirkung gelangt, je nachdem die Bewegung mehr in den ersteren (beim Travers und Renvers) oder in den letzteren (beim Schulterherein und Kruppeherein) hineingerichtet ist, wird auch mehr die, die Genick- und Halsmuskeln der hohl gebogenen Seite abspannende und weichmachende, oder die, die gedehnten Muskeln der voll (konvex) oder auseinander gebogenen Halsseite aufrichtende und zusammenstellende Wirkung der Zügel in den Vordergrund treten.

    Kurz, wer die harmonische Ausbildung des Reitpferdes für nötig erachtet, der muss auch die sich ergänzende Übung aller Seitengänge wollen.  Die in dieser Beziehung hervortretenden Schwierigkeiten sind in der Tat immer nur Schwierigkeiten des Muskel- und Gliederbaues der betreffenden Pferde, und dürfen eben darum nicht umgangen, sondern müssen ausgeglichen und geebnet werden.

    Zum Schlusse dieser Erörterung über Seitengänge würde wohl noch vor dem so häufig begangenen Fehler zu flacher, wie zu scharfer Hereinstellung der Vor- bzw. Hinterhand in die Bahn zu warnen sein:

    Immer muss festgehalten werden, dass die Vorwärtsbewegung über das Seitwärtstreten zu überwiegen hat, dass daher eine um etwa einen Fuß (30cm) vom Hufschlag abweichende Hereinstellung der Vor- und Hinterhand im allgemeinen das als nützlich anerkannte Maß darstellt, welches natürlich nur allmählich, je nachdem die Vervollkommnung der Seitengänge vorschreitet, im allgemeinen nicht überschritten werden darf.  (Richtiger ist es wohl, die Stellung des Pferdes zum Hufschlage nach Graden des Winkels zu bemessen, welche die Mittellinien des Pferdes mit dem Hufschlage bilden.  Der Winkel von 30° zum Hufschlage entspricht etwa der Abweichung der Vorhand zur Hinterhand von einem Fuß/30cm.  Über 45° darf die Hereinstellung von Vor- und Hinterhand niemals gehen, und selbst diese ist nur bei Vorbereitung von Pferden zur Hohen Schule erforderlich.)

    Schärferes Übertreten bis zu 45° betont zwar mehr einen der Hauptzwecke der Seitengänge, die Biegung der Hinterhand, gibt aber auch zu Kronentritten, Fesselverstauchungen und Schädigungen der Sprunggelenke Veranlassung!

    Zu flaches Reiten der Seitengänge legt die Pferde meist zu fest auf das Gebiss, da es seine mächtigen Halsstrecker zu sehr in, bzw. gegen die Hand des Reiters wirken lässt.

    Wo Pferde, weil sie die seitwärtstreibende Wirkung des Schenkels nicht gehörig respektieren, in dieser Beziehung besonders geübt werden sollen, empfehlen sich hierfür die Kreiswendungen auf der Stelle um die Vorhand, sei es in Stellung oder Gegenstellung.


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Eigene Anmerkungen  (Juni 2015)

1) Spohr schreibt es nicht explizit, aber aus dem Gesagten geht es doch klar hervor: Nicht Geraderichten ist die erste und wichtigste Lektion der Pferdeausbildung, sondern Vorwärtsreiten. Erst das Vorwärts, dann die Geraderichtung. Steinbrecht drückt dies, wiewohl er vor "übereilten Gängen" warnt, deutlicher aus: "'Vorwärts' ist die Losung in der Reitkunst, wie im ganzen Weltall. Es müssen daher daher dem Reiter mehr Mittel zum Vorwärtstreiben, als zum Verhalten zu Gebote stehen (Gymnasium des Pferdes, 1885, S.19)"

2) Mit Hochachtung und Respekt, Herr Oberst, Einspruch! Haben Sie das wirklich so gemacht?, auch wenn Sie Ihr Pferd allein ohne Zuschauer geritten haben? Ist hier nicht ein bisschen militärischer Ordnungsfimmel dabei, oder schreiben Sie hier nicht ein bißchen für Reitunterricht gebende Unteroffiziere? Ist das nicht, wie man heute sagen würde, und was Sie ansonsten auch immer bekämpfen, Reiten von vorne nach hinten?
Als nichtmilitärischer Reiter, der ich bin, mache ich das lieber so: Ich reite das Pferd mit dem (egal welchem) Schenkel an, mit fast ganz losen Zügeln. Nimmt das Pferd nach ein paar Schritten den Kopf runter, dehnt sich nach vorwärts-abwärts, und geht dabei fleißig weiter, ordentlich ausschreitend, dann kraule ich ihm den Halsansatz und lobe es, dabei mit leichtem Vorbeugen des Oberkörpers den Rücken entlastend, und treibe es dabei leicht weiter mit dem Schenkel. Wenn es den Kopf dann wieder etwas höher nimmt, sonst frühestens nach einer halben Minute, nehme ich die Zügel leicht an, den inneren etwas stärker, den Sitz nun etwas mehr belastend bei weiter gegebener Schenkelhilfe, und nehme das Pferd in ganz leichte Stellung wie von ihnen beschrieben. -- Gelehrt hat mich dies, als ich Ihre Schriften das erste Mal las (etwa vor 25 Jahren) meine sehr temperamentvolle, hoch leistungsfähige Fjordaraberstute, die zunächst sehr unrittig, ich mehr oder weniger streng nach Ihrer Methode, korrigierte und zu einem wunderbar feinen Reitpferd machte. Selbige nahm mir beim Anreiten, schon gleich zu Anfang, den Kopf nach vorwärts-abwärts streckend, die Zügel immer stets derart selbstbewußt aus der Hand, und blieb dabei so locker im Rücken, dass ich nie daran zweifelte dass sie das instinktiv richtige tat, egal was alle "Reitautoritäten" schrieben oder sagten...

3) Dass die s.g. "natürliche Schiefe" in der Tat ein Kunstprodukt fehlerhaften/übertriebenen Geraderichtens ist, vermutlich durch Reiter die selber schief sind, scheint auch noch 100 Jahre nach Spohr zuzutreffen, entspricht jedenfalls auch meiner Erfahrung. Genau wie diejenigen, die am lautesten nach Geraderichtung rufen, oft die am meisten schiefen Pferde haben.
Pferde die auf großen Weiden, und nicht in Boxen oder Mini-Paddocks leben müssen, und ihre Jungpferdeausbildung als Handpferd auf beiden Seiten genossen haben (womit sie die von Spohr beschriebene Innenstellung schon kennenlernen), haben in den meisten Fällen noch eine "Lieblingsseite", aber selten so ausgeprägt, dass man sie deshalb als "schief" bezeichnen sollte. Wie Studien an wildlebenden Pferde gezeigt haben, sind diese verglichen mit typischen Reit- und Nutzpferden sehr wenig schief, was man vor allem auch an ihren Hufen sehen kann. Es ist eine Binsenweisheit und bedarf keiner näheren Ausführung, dass kein Lebewesen wirklich hundertprozentig symmetrisch und gerade ist, wir Menschen am allerwenigsten.
Um eine gleichmäßige Ausbildung beider Seiten des Pferdes zu unterstützen, sei der Reiter bemüht, alle Handhabungen auf beiden Seiten durchzuführen, es also regelmäßig auch mit der linken Hand zu führen oder von rechts aufzusteigen. Dabei wird er merken, wie schief er selbst ist. Und wer dazu noch etwas "Handarbeit" am aufgezäumten Pferd macht, die Spohr als "Abbrechen an der Hand" empfiehlt, wird mit der "Händigkeit" seines Pferdes (wie ich sie mit BLENDINGER vorziehe zu nennen, und physiologisch und psychologisch wohl richtiger ist) selten echte Probleme in der Campagneausbildung bekomme. Das ist dann auch der Grund, weshalb ich all meine Reitstrecken grundsätzlich rechts- wie, was den meisten lieber ist, linksherum reite. Und Angaloppieren auf der korrekten Seite im Gelände nicht vor dem 2. oder 3. Ausbildungsjahr verlange. Bevor man dem Pferd das Angaloppieren auf beiden Händen lehrt, ist es doch wichtiger ihm die richtige Haltung beim Galoppieren zu lehren bzw. nahezubringen. Und damit beginnt man natürlich und selbstverständlich auf der Seite wo es gern galoppiert, und sich am "sichersten" fühlt...


Weiteres von Peter Spohr
Spohr (im Alter von 84 Jahren)