taunusreiter TAUNUSREITER
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NEU Mai 2014

Araberstute
Chorsheed (Kuheilan/Crabbet/Polnisch/USA): Zugeritten mit 8J., erster Distanzritt mit 10J., Grastälerpassage 2013 (81km, in 7:45h)

Gedanken eines Reiters über die Zucht des Araberpferdes

                   Mutiger Tydeussohn, was fragst du nach meinem Geschlechte?
Gleich wie Blätter im Walde, so sind die Geschlechte der Menschen;
Einige streuet der Wind auf die Erd' hin, andere wieder
Treibt der knospende Wald hervor in der Wärme des Frühlings:
So der Menschen Geschlecht, dies wächst, und jenes verwelket.
               (Glaukos auf dem Schlachtfeld vor Troja zu Diomedes, ILIAS 6.Ges.)


Vor 70 Jahren beklagte CARL RASWAN das drohende Aussterben des Arabischen Vollblutpferdes.
Und heute? Nie zuvor in der Geschichte gab es soviele Arabische Pferde, und zwar weltweit, nie zuvor waren sie züchterisch von so hoher Qualität, und nie zuvor waren sie auch so preisgünstig wie heutzutage. Vorneweg: Ich bin kein Züchter, sondern ("nur") Reiter. Für mich persönlich käme Zucht nur aus sentimentalen Gründen infrage, d.h. aus Anhänglichkeit zu einem ganz bestimmten, langjährig liebgewordenen Pferd. Das halte ich für ein hinreichendes, ehrbahres Motiv um sich mit der Zucht zu befassen, vielleicht das klassischste der Araberzucht überhaupt - und das einzige, welches nicht nach Kosten und Rentabilität fragt -- was beim heutigen Preisverfall selbst für gute Pferde für professionelle Züchter das Geschäft immer härter macht. Ich würde heute wirklich kein Züchter sein wollen, der vom Verkauf seiner Zuchtprodukte leben muß. Wer in diesem scharfen Wind bestehen kann, hat dafür meinen Respekt.

Bei Distanzrennen dominieren heute die Araber, speziell die Vollblutaraber, viel stärker als vor 20 Jahren, als diese Pferde noch seltener und teurer waren - und im Durchschnitt kleiner und weniger tragkräftig als heute. Die Züchter von Shagyas und Angloarabern spüren den scharfen Wind des Marktes ebenfalls, oder durch die Konkurrenz der besser gewordenen Vollblutaraber noch schärfer, und müssen sich,
um nicht verdrängt zu werden - da die heutigen Vollblutaraber vielfach die Figur von Shagyas und Partbreds von vor 20 Jahren haben - auf die (noch) größeren und kräftigeren Typen umstellen.
Vor 20 Jahren hatte man fast nur die Wahl zwischen kräftigen, aber eher kleinen (max 1.50m Stm) Vollblutarabern - meist polnischen oder spanischen Linien - und den größeren, die aber zu fein und zu schwach waren um erwachsene, normalgewichtige Reiter, insbesondere Männer, zu tragen. Heute findet man große und kräftige, und dazu noch schöne, typvolle Vollblutaraber, die man früher gar nicht, oder nur zu sehr hohen Preisen - und ich meine Beträge im hohen fünfstelligen Bereich - erhalten hätte. Als Resultat reiten unzählige Reiter, auch normale Freizeitreiter, heute Vollblutaraber, die vor 20 Jahren Reitponies, Partbredaraber, kleine Warmblüter und alle anderen mittelgroße Pferderassen ritten - und wenn man sie fragt, warum, zählen sie unisono, wie in einer Zuchtbroschüre, die Vorzüge des Araberpferdes auf, vor allem die charakterlichen, und würden um keinen Preis zurückkehren wollen. - Es muß also etwas dran sein an der "Araberitis".

Dass es nicht einfacher geworden ist und nicht jedem Reiter gelingt, mit solchen Pferden umzugehen, sie wirklich "zu reiten" und nicht bloß laufen und sich von ihnen herumtragen zu lassen, ist ein anderes Thema, das mit der größeren Verbreitung auch zusammenhängt. Allerdings meine ich beobachtet zu haben, die Neigung der reiterlichen Umwelt, den Araber für generell verrückt und unreitbar abzustempeln, hätte ebenfalls nachgelassen. Was daran liegen könnte, dass die größere Verbreitung vielen Reitern erlaubt die vermeintlichen "Spinner" aus der Nähe anzusehen, und zu erkennen dass es sich doch, trotz eines gewissen Spleens, um ganz nette, handhabbare Pferdchen handelt, anstatt bloß Höllengeschichten vom Hörensagen weiterzugeben. Oder, weil die größer gewordene Auswahl an Arabern klugen Reitern ermöglicht, stärker auf korrekten Bau und vollständig ausgeprägte (wie man es früher nannte, oder heute noch in Zuchten wo es an denselben häufig fehlt) "Reitpferdepoints" zu achten -- worunter ich in erster Linie verstehe:
Wenn ein Pferd mit solchem Bau - wie ein Reitpferd, nicht wie ein Schaupferd - unter dem Reiter in der Ausbildung und beim Reiten Schwierigkeiten macht, kann dieser die Schuld nur bei sich selbst suchen.

Verändert sich die Zuchtszene zum schlechteren, wenn Pferde einer Rasse zu häufig oder "zu billig" werden? - Ich meine, nein. Es vermindert vielleicht die von einigen liebgewonnene "Exclusivität", ganz sicher erschwert es die Situation für professionelle oder halbprofessionelle Züchter, aber kann für die Pferdezucht nicht schlecht sein, wenn zunehmend Reiter auch normaler Gehaltsklassen sich Vollblutaraber leisten können, nicht  nur Zierpferdebesitzer. "Die ist viel zu schade zum Reiten, die ist für die Zucht" hört man heute kaum noch, und das ist richtig so. Es kann der Zucht nur gut tun, wenn Zuchtpferde nicht in Watte gepackt werden, wenn sie zunächst reitbarkeits- und leistungserprobt werden, worunter ja nicht bloß 80km- oder noch längere Ritte verstanden sein müssen. Der Araber ist nun einmal legendär geworden als das beste Reitpferd der Welt, gar das Reitpferd der Könige. Es kann also seiner Zucht gar nicht schaden, sondern nur nützen, wenn er auch als Reitpferd, nicht bloß als Hochleistungs/ Distanz- sondern auch als ganz normales Freizeit- und Familienpferd genutzt wird, wobei man ja auch wertvolles über sein
mögliches Zuchtpotential erfährt. Davon abgesehen tut ihm das allemal besser, als wenn es nur als Zierpferd herumsteht.

Gegenbeispiel: Was ist denn aus den Reitponies geworden, der Connemara- und Haflingerzucht? Während der Araber boomt, stagnieren diese heute bedenklich, und deren Zuchtprodukte sind heute schlechter als vor 20-30 Jahren. Wenn der Zucht die Reiter abhanden kommen, führt dies automatisch dazu, dass nur noch mit dem Blick des Metzgers gezüchtet wird, oder die Mähne bloß möglichst schön blond, und die Fellfarbe so ausgefallen wie möglich sein muss. Das sind halt die Kriterien, nach denen Nicht-Reiter sich richten, die heute einen Großteil der Pferdebesitzer darstellen. Man darf es ihnen nicht zum Vorwurf machen, sie können keine anderen haben...

Reinblütigkeit - Prinzip oder Stammbaum-Fanatismus?

Zwischen 1918-1945 war das arabische Vollblutpferd tatsächlich vom Aussterben bedroht: In seiner Heimat Arabien kämpfte der Stammeskrieger, anstatt wie vordem mit Speer und Säbel von seinem Rücken aus, neuerdings vom mit Maschinengewehr bestücktem Automobil, und richtete damit unglaubliche Gemetzel an Mensch und Tier an. Amerikanische V8-Wagen, Reichtum von Ölexporten und Sesshaftwerdung der Beduinenstämme ließen das Pferd überflüssig werden, und seine Bestandszahlen fielen ins Bodenlose. Gleichzeitig wurde in Europa und Amerika alles "arabisch" genannte wild vermehrt, und auf Rassereinheit achtende Zuchtverbände gab es noch nicht. Die echten Beduinenpferde aber, oft heruntergeritten, schmächtig und kaum über 1.42m Stm. - als Reittiere für mangelernährte Wüstenbewohner gerade noch passend, aber kaum für wohlhabende Mitteleuropäer und Nordamerikaner - wurden in ihrem Wert nicht erkannt, so wie der Deutsche CARL RASWAN's schon in seinem ersten Buch (Trinker der Lüfte) autobiographisch beschreibt. Seine drastischen Mahnungen an die Zeitgenossen, auf Reinzucht zu achten, waren so mehr als berechtigt - und, wer weiß?, ohne ihn wäre das Arabische Vollblut vielleicht wirklich ausgestorben. Wären seine Bücher nicht mehr wert als jedes Denkmal, müsste die Araberszene ihm eins setzen.

Jedoch, wenn man Fotos heutiger arabischer Vollblutpferde mit solchen vor 80-100 Jahren vergleicht (für die damals Vermögen ausgegeben wurden), stellt man fest: Es gibt nicht nur mehr von ihnen, sie sind auch größer, sie haben einen besseren, fehlerfreieren Körperbau, und sind zudem auch noch schöner. Oder, um genauer zu sein, der arabische Typ hat sich aufgefächert: Es gibt die Schönheit und Korrektheit von Reitpferde-Arabern, und andererseits (aber über die will ich in meinem Beitrag nicht weiter sprechen), die ätherische, übertriebene Eleganz der bloßen Schau-Araber, auf die man als Reiter nicht einmal mehr einen Sattel legen möchte. Dies ist durch Reinzucht aus ein und demselben Ausgangsmaterial entstanden. Und als Nicht-Tierzuchtexperte ist man versucht, sich verwundert die Augen zu reiben, und fragt sich: Wie ist das möglich? Und: Kann das noch eine Rasse sein?
Die Antwort darauf hat Tierzucht-Professor und Araber-Experte JOHANNES E. FLADE in seinem Grundlagenwerk "Das Araberpferd" schon zu DDR-Zeiten geliefert : Wie in der übrigen Pferde- und Nutztierzucht, und schon seit Jahrhunderten, kann dies bewirkt werden durch geduldige, generationlang betriebene Zuchtwahl (also auf den hübschen Reit- oder kompromisslosen Schau-Typ), gute Aufzucht und Haltung, und angemessene (nicht zuviel, noch zuwenig) Leistungsbelastung.
Das wissen auch die Araberzüchter im Prinzip schon lange. Trotzdem sind manche von ihnen (und besonders die zuchtunkundigen Laien) stammbaum-gläubig. Wie kommt das?

Zur Beruhigung lässt sich eins feststellen: Die Vorfahren unserer heutigen Kulturaraber entstammen alle irgendwo der Wüste, und ihre geschriebenen Stammbäume fangen irgendwo zwischen 1820 und 1900 an. Wäre dem nicht so, wären sie nie als Vollblutaraber anerkannt worden. Seit durchschnittlich mindestens 12 Generationen wurden sie also rein (weiter) gezüchtet, hatten also rein rechnerisch im Schnitt über 8.000 belegt reinblütige Vorfahren, und dazu noch eine Menge mehr, frühere, unbelegte. Nun können schon von der Wahrscheinlichkeitsrechung her die 64 Chromosenpaare des Pferdes bei der Vermehrung gar nicht so rekombiniert werden, dass von jedem der 4.096 Vorfahren selbst aus der 12. Generation, geschweige denn von den früheren, noch ein Gen im Genom nachweisbar ist. -- Was ja züchterischer Erfahrung entspricht, wonach der das "Wegzüchten" unerwünschter Eigenschaften eines einzelnen Individuums meist in wenigen Generationen gelingt, wenn die sonstigen zur Zucht verwendeten Pferde einwandfrei waren. Mit jeder weiteren Generation, die wir unsere Kulturaraber weiter züchten, werden die Einflüsse geringer, die mögliche Unreinheiten aus der Zeit vor der belegt reinblütigen Zucht auf ein individuelles Pferd haben können.

Von den der arabischen Wüste abstammenden Vorfahren unserer Kulturaraber können wir nicht wirklich wissen, dass sie reinblütig waren (besonders denen die nur als "desert bred", "Kuheilan" o.ä. in den Stammbäumen auftauchen). Selbst wenn unter ihnen sich ein Kaltblüter befunden hätte - was nicht anzunehmen ist - wäre längst keine Spur von ihm mehr nachweisbar. Weder im Äußeren, noch im Interieur, und auch nicht in den Genen.

Als Reiter der selbst "Reitergeschichten" liebt, und "nicht auf dem Stammbaum reitet", fühle ich mich den Beduinenkriegern irgendwie so nahe, dass ich den Beteuerungen von RASWAN und anderen, die Beduinen hätten auf "Blutreinheit" geachtet wie auf ein "heiliges Gesetz", nicht so ganz glauben kann. Diese richteten sich als Apell zur Reinzucht an die damaligen Araberzüchter, als Aufforderung die zweifelhaften Exemplare
(die es in der heutigen Zucht längst nicht mehr gibt) von der Zucht auszuschliessen. Die Beduinen aber waren als Krieger auf ihre Pferde angewiesen und in einer ganz anderen Situation. Sie konnten beurteilen, welches ihrer Pferde leistungsfähig, oder lebensschwach war, konnten auf kein gutes Pferd in der Zucht verzichten, und mögen daher manche kriegserprobte Stute, durch entsprechende "Lagerfeuergeschichten" zum "asilen" veredelt haben. Und wer im Kreis dieses Pferd im Kampf (mit-) erlebt hatte, stimmte der Lobpreisung zu und hätte mit keinem Wort widersprochen. In Ländern ohne geschriebene Abstammungsnachweise erscheint mir das fast selbstverständlich, auch in keinster Weise anrüchig. Man ordnete die Pferde ja nur Stammesfamilien zu (Kuheilan, Saqlawi, Muniqi usw.) und behauptete konkrete Abstammungen nur, wenn man sie kannte, oder die Käufer aus Europa sie unbedingt hören wollten. Oft nahmen solche Stammeszuordnungen  auch Pferdeankäufer aus Europa oder Gestütsmeister vor - manchmal ganz ohne Wissen um die Zuchtgeschichte des Pferdes ganz nach dem Erscheinungsbild. Gerade diese pragmatische Einteilung in Stammesfamilien zeigt doch, dass "große" Namen nicht unbedingt zählten. Da kommen heutige europäische Pferdezüchter oft erst langsam wieder dahinter. Stutenreiter dagegen (wie die Beduinen) ahnten schon immer, dass nicht die großen Hengstnamen, sondern die Stutenfamilien das wichtigste in der Zucht sind.

In jedem Fall kann man weder mit den Beduinen, noch den Gestütsmeistern von damals, heute darüber noch streiten. Deswegen müssen wir mit den Vorfahren unserer Kulturaraber, unter denen es viele gute und sicher auch ein paar schlechte gab, so leben, wie sie nun mal sind. Was vergangen ist, ist vergangen. Unser Fokus sei ein anderer, und gerichtet auf die Zukunft: Auf immer bessere (im Sinne der Reitbarkeit), leistungsgeprüfte, und dabei ebenso schöne Pferde.

Ausgesprochen unfair sehe ich es an, gar aus Renommiersucht und eigenwirtschaftlichem Interesse, ganze Zuchtrichtungen mit dem Vorwurf des "unreinen" zu überziehen, gar dies noch an Hengsten festzumachen die selbst "Reinzuchtfanatiker" im besten Wortsinne wie RASWAN als rein und beispielhaft gelobt haben -- dieselben sollen heute nun plötzlich "unrein" und mischerbig sein? --

Mittlerweile sehen doch die "ASIL"-, Al-Khamsa- u.ä. Zuchtrichtungen selbst die Gefahr, in die sie sich mit einer "Exclusivitäts"-Zuchtpolitik begeben haben - und ich meine nicht den, schon für sich bedenklichen Vorwurf, dass man den Stammbaum höher wertschätzt als das Tier, sein Interieur und Reiteigenschaften. Auch nicht die Willkürlichkeit, ganz bestimmten Vorfahren des Kulturarabers das "asile" abzusprechen, anderen (ebenfalls fragwürdigen) aber nicht. Ich spreche von der bedenklichen Verminderung des Gen-Pools durch eine viel zu scharf verringerte Zuchtpopulation, was gleichbedeutend damit ist, dass man sich ohne Not in die Lage einer "Erhaltungszucht einer aussterbenden Rasse" begibt, was, wie die Erhaltungszüchter aller aussterbenden Rassen leidvoll lernen, seine ganz eigenen Probleme zur Folge hat, und nur sehr spezifische Lösungsansätze. Dazu würde gehören, dass man männliche Zuchttiere oder deren Sperma kostenlos austauscht, anstatt die Zuchttiere lieber ungenutzt zu lassen, weil man von seinen Vorstellungen vom Deckgeld nicht herunterkommen will. - Die Beduinen deckten mit ihren Hengsten übrigens auch kostenlos..!

Besonders auffällig wird dies, wenn man die Stammbäume, selbst vieler "Nicht-Asilen", über 10 Generationen anschaut, anstatt wie meist üblich bloß über fünf: Von 2.046 möglichen Vorfahren in 10 Vorfahrengeneration sind nur 200 (also 10%) oder weniger unterschiedliche Individuen, und manche tauchen 20x und öfters auf. Wenn in einer solchen Zucht dann gehäuft verminderte Vitalität, lebensschwache Fohlen, Anfälligkeit gegen unheilbare Blutkrankheiten, Ekzem oder Krebs auftreten, bedarf es eigentlich keines scharfen wissenschaftlichen Beweises mehr, der ohnehin kaum zu führen ist, um zu wissen woher das Übel kommt. Dann liegt die mutmassliche Ursache für jeden auf der Hand, der nicht die Augen davor verschliessen will, und es ist Zeit umzusteuern. Mindestens dann, wenn
für die eigene Stute ein nicht zu nah verwandter asiler Hengst sich partout nicht finden will, und ein vorzüglich passender, aber nicht-asiler nicht weit entfernt steht.

weiter mit : Der Araber - die älteste und wildtierähnlichste Hauspferderasse

Links:
Genetische Variabilität bei unterschiedlichen Pferderassen
Carl Raswan praises Skowronek and Raffles (1944)

Carl Raswan dies (1966)