taunusreiter TAUNUSREITER
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Neu Jan. 2015

Im Oktober 2015 wird "25 Jahre Deutsche Einheit" (das Ende der DDR) gefeiert - Besonders von denen die gut daran verdienten. - Für die Reiter begann die Freiheit des Reisens schon vorher. Als die DDR noch existierte.

Alex vor Hilders (1989)
(Bild vom Ritt Sept. 1989 von Hilders/Rhön in den Taunus. Da gab es die Mauer noch)

Anfang 1990 hieß es, auch mit Pferd dürfe man nun nach "drüben" (mit amtstierärztlichem Gesundheitsgutachten - Equidenpass gab es noch nicht). Mit meiner Freundin Doris ritt ich im April für 9 Tage nach Thüringen. Waren begeistert von der Landschaft und den gastfreundlichen Menschen. Zahlten stellenweise noch in "Mark der DDR". - Und im Spätsommer machte ich einen weiteren, längeren Ritt allein, war zum ersten Mal mit dem Pferd auf dem Rennsteig. Dessen Geschichte will ich anhand des Original-Ritttagebuchs berichten...

25 Jahre Freiheit des Reitens im Deutschen Osten -- Dass nicht viel später die ersten Reitverbote hier auftauchten (und von wem sie initiiert wurden) ist ein anderes Thema. Was uns nicht davon abhalten sollte, den Anlass zu feiern -- denn jedes bißchen Freiheit ist es wert gefeiert zu werden, auch wenn sie uns bald wieder genommen wird. Für mich Gelegenheit zu einer kleinen Retrospektive. -- Und, was mein Isländer damals leistete -- mehr schaffen meine Pferde heute auch nicht..!

Reiten auf dem "Grünen Band"?


Grenzkontrollen BRD/ DDR
                      (April 1990)
 DDR Staatsgrenze
Abb: Grenzkontrolle im April 1990 an der (wieder)eröffneten Straße von Maroldsweisach nach Hellingen. Der DDR-Kollege in blau, die westdeutschen in grau. Das DDR-Kontrollhäuschen ist auch bloß ein Container, macht aber irgendwie den besseren Eindruck. Bei der Wieder-Einreise 9 Tage später stellten sich die westdeutschen Zöllner bei Oberfladungen sehr "deutsch" an: Sie hatten ihre Vorschriften nicht dabei und wollten uns zum (100km entfernten) Autobahn-Grenzübergang schicken. Nach ewiglangem Telefonat mit dem dort stationierten Grenzveterinär, ob man denn wirklich keine Seuchenuntersuchung brauche (wir standen derweil mindestens 1 Std. draußen im strömendem Regen) durften wir dann endlich wieder in die BRD einreisen... die "Grüne Grenze" war da noch nicht offen.

Joschka mit Doris auf der Hohen Löhr
(Bild vom gleichen Ritt, April 1990: Doris mit Joschka auf der Geba/ Hohe Löhr. Wir waren die ersten "Wessis" zu Pferd hier oben, und das nicht zufällig : Wer je die Geba, den schönsten Berg Thüringens, von der Bayrischen Rhön aus gesehen hat, will da gleich als nächstes hin. -- Fündundzwanzig Jahr nach Grenzöffnung ist das immer noch so...)

Notizen des Wanderreiters – September 1990

Ritt durch Nordhessen und Thüringen/ erster Ritt am Rennsteig/ II. Thüringer Wanderritt

2. Sept. 1990. (Originalnotizen aus dem Reisetagebuch zu meinem zweiten DDR-Ritt)
Wir sind mal wieder unterwegs, mein Kamerad Alex und ich. Seit nunmehr 10 Jahren durchstreifen wir die hessischen Lande, und bisweilen führen uns unsere Steifzüge auch weiter fort.  14 Tage will ich diesmal reiten, jetzt erstmal in Richtung Mühlhausen  nach Thüringen. Es ist mein zweiter Wanderritt ins Thüringische. Die Grenze zur DDR (noch gibt es sie als eigenen Staat!) ist erst seit Anfang diesen Jahres auch für Reiter offen. Schon im April (kurz vor der letzten DDR-Volkskammerwahl) war ich mit Doris von Wasserlosen in Unterfranken aus etwa  7 Tagesmärsche durch die DDR geritten, damals noch mit offiziellen Grenzkontrollen, und oft hörten wir, die ersten Reiter aus dem „Westen“ gewesen zu sein. 1990 und die offen gewordene DDR, das ist wie ein Rausch. Es ist ein herrliches Land für Reiter: Wunderschön, auch voller Widersprüche, Gegensätze und Überraschungen. Und zugleich voller Hoffungen. Es macht neugierig und Appetit auf mehr.

Und auch dieses Mal will ich wieder durch die Rhön zurückreiten, die seit meinem dreiwöchigen Franken-Wanderritt (im April 1988) einen unwiderstehlichen Reiz auf mich ausübt, und die ich seitdem noch zweimal durchritten habe.

Gut ist auch, dass Reitkameradin Dagmar mich mit ihrem Hängergespann heute ein Stück weit gefahren hat (bis nach Eifa, kurz hinter Alsfeld).
Ihr Daihatsu Rocky Geländewagen, der die Autobahnberge auch mit Hänger beinahe plattbügelt, ist mit "satten" 90 Turbodiesel-PS zur damaligen Zeit ein richtiges Traumauto für Pferdeleute... und für mich als Student noch unerschwinglich. Vier Jahre später werde ich einen ähnliches Zugwagen haben, einen kurzen Nissan Patrol K160 mit 3.3l TD und 110PS.

Das Stück zu fahren spart drei Reitetappen durch bekanntes Gelände. Es ist doch schöner, wenn man gleich im unbekannten losreiten kann. Außerdem gibt es keinen Grund zu eilen, und ich kann mir von Anfang an Zeit lassen. Alex ist im besten Trainingszustand: Vor 14 Tagen sind wir den Distanzritt Trendelburg (61,4km) in 4:20 Std. geritten, also Tempo 4,2 – keine schlechte Leistung für das Pony mit nur 1,38m Stockmaß.

Landschaft mit Dorf (welches?)

1. Tag.  Alsfeld-Knüll   33km  So, 2.9.1990. -- Gestartet sind wir, d.h. Pony Alex und ich, heute mittags 12:20. Ein wunderschöner, geradeführender Weg der alsbald in Kiefernwald eintaucht. Wir traben das erste Stück an, recht langsam noch damit Alex sich an das Gepäck gewöhnt. Alles ist gut festgezurrt, nichts schwingt mit – so muss das sein. Über die Felder bei Lingelbach. Es wird drückend schwül: wir sehen zu, dass wir wieder in den Wald kommen. Hinauf führt der Weg. Schon zweimal bin ich abgestiegen um zu führen. Jetzt überwiegt Fichtenwald, das soll sich heute nicht mehr ändern. Ein alter winkliger Pfad führt steil den Berg hinauf. Nach 1 ¾ stündigem Ritt erreichen wir Burg Herzfeld (11km). Das Pferd wird an einer Eiche vor der Burg angebunden und ich stärke mich mit Bier und Erbseneintopf in der Burgschänke.

Um ¼ vor 3 reite ich weiter, hinab ins Tal zum winzigen Ort Gehau, dann auf den Rimberg wo ich die  A5 überquere. Das Wetter ist jetzt kühler geworden. Endlos zieht sich der Weg durch den Wald, wunderbares Sandstein-Geläuf. Wir traben dann und wann und ich spiele auf meiner neuen Mundharmonika. Das Pferd freut sich und läuft prima.

Wir sind gut bepackt, aber nicht übermäßig. Es ist doch gut dass Sommer ist, da braucht man weniger Klamotten und kann auch an Ausrüstungs-Gewicht sparen (guter Kocher und Vorratsflasche, Isomatte usw.). Man merkt es auch jetzt, wo das Wetter eigentlich nicht total gut ist: schon den ganzen Tag bewölkt, teilweise sah es schon stark nach Regen aus. Trotzdem konnte ich fast die ganze Zeit im T-Shirt reiten so warm war es.

Um ¼ nach 4 bin ich in Ibra, wieder durchquere ich ein Tal, wieder geht es bergauf. Aber ich führe nur ein kleines Stück; der Aufstieg ist nicht so gnadenlos steil wie vor einer Stunde bei Gehau auf den Rimberg.

Wieder geht es über einen waldigen Berg, ins Aula-Tal, nach Wahlshausen. Wie schon der letzte Ort ist auch dieser nicht sonderlich schön: hässliche weiße Neubauhäuser, breite Straßen usw. Jetzt beginnt der lange Aufstieg zum Eisenberg, mit 636m der höchste der Knüllberge. Hinter diesem Berg will ich auf einer hochgelegenen Weide Biwak machen. Es geht über gepflegte Wiesen, dann durch Fichtenwald. Mäßig steil geht es bergauf, ich führe mal wieder. Ganz gerade führt der Weg, jetzt über die mit gutem Gras bestandene Hochfläche. Erinnert mich etwas an die Rhön, aber zu meinem Mißvernügen ist alles bis auf das kleinste Stück eingekoppelt und abgemäht, zudem mit Wegen bestens erschlossen.

Aber schließlich finde ich um ¼ nach 6 – nach etwa 33km und 5 ¼ stündigem Ritt ein etwas abgelenen Streifen, wo ich sofort mein Laufseil spanne und ein Feuerchen mache. Alex läuft hier zufrieden grasend umher, nur etwas mürrisch wegen der ständig niedergehenden kleinen Schauer. Jetzt aber sehe ich im Südwesten so etwas wie hellen Himmel. Vielleicht wird es morgen ja etwas besser.

Biwak mit Regen

2. Tag. Hersfelder Wälder   48km   Mo, 3.9.1990

Aber nichts da, von wegen. Gegen Mitternacht beginnt der Regen. Ich spanne den BW-Poncho über meinen Schlafplatz, so wird er nicht zu lästig. Mit dem Hellwerden um 6:00 stehe ich auf, tränke und füttere mein Pferd. Dann versuche ich das Feuerchen zum Kaffeekochen neu zu entfachen was schmählich misslingt – ist aber auch nicht einfach wenn das ganze Holz nass ist. Immerhin regnet es nicht beim Aufpacken und losreiten (8:20) sondern erst kurze Zeit später.

Wieder ein recht steiler Anstieg, wir erreichen den Wald, hier sind starke Sturmschäden zu vermelden.  Aber um den Predigerstuhl herum, ein Platz im Wald mit einer Hütte, steht noch alles. Wir nutzen die folgenden herrlichen Naturwege zum häufigen Traben und erreichen um ¼ vor 10 die Wandereiche. In dieser Gegend ist leider wieder ziemlich viel Holz gefallen (Orkane Vivian und Wiebke im letzten Winter bzw. zeitigem Frühjahr), die Wege sind unangenehm hart befestigt. Zudem komme ich einmal vom Weg ab und bin verwundert, dass nichts mehr stimmt auf der Karte. Meine Stimmung ist damit nicht so gut wie gestern: ich bin bemüht möglichst trocken zu bleiben und das Pferd vorwärts zu reiten, denn auch Alex ist nicht so gut drauf.

Ich will zum Schloß Ludwigseck. Immer im Wald führt der Weg, nur einmal genieße ich den Ausblick auf ein wunderschönes Dorf, Ersrode. Das Schloß erreiche auf seinem herrlichen, eichenumstandenen alten Zufahrtsweg, dessen letztes Stück heute leider durch eine Pferdekoppel abgesperrt ist. Aber egal, ich wollte sowieso auf dem gleichen Weg wieder zurück. Ich mache kurz, von 11:15-11:35 Rast. Alex frisst Brennesseln.

Ich will wieder zurück auf den Höhenweg, die Alten Straße, und reite dabei durchs Malchustal, auch hier wunderschöne alte Bäume. An der Jagdhütte mache ich Mittagspause, es ist 5 nach 12. Zwar ungeschützt unter freiem Himmel aber der Regen hat gerade eine Pause eingelegt. Ich vespere und um ¼ nach 1 reite ich weiter. Erneut beginnt es zu regnen. Meine Stimmung wird nicht besser. Ob das heute gar nicht aufhört?

Jetzt habe ich wieder den Höhenweg erreicht, die Alte Straße vom Homberg nach Hersfeld erreicht (mit einem H markiert). Im ersten Abschnitt um den Kirchrück herum, einen der mächtigsten Hügel hier, ist sie teils versperrt, dann aber führt sie als unausgebauter Sandstein-naturweg über waldige, neblige Höhen. Keine Ortschaft ist zu sehen, auch keine Straßen gibt es zu überqueren, ringsherum nichts als Wald..! Wenig solcher dichtgeschlossene Waldgebiete gibt es bei uns noch, und doch muss es vor langer Zeit in ganz Deutschland so ausgesehen haben. Kein Mensch begegnet uns. Oft passiere ich schöne alte Buchenwälder, mit Eichen untermischt. Am Gebrannten Kopf zweigt die Alte Straße vom Hersfelder Höhenweg östlich ab. Mein Kartenlesekönnen ist gefordert, und auch den Kompass muss ich zu Rate ziehen, denn viele Abzweige hat der Höhenzug und bloß einer ist der richtige!

Nun nach Osten! Dass der mittelalterliche Verkehr diesen Weg nahm, mag ich kaum glauben, denn der weg ist gerade mal 3 Meter breit – nichts gegen manche alte Fernstraßen von 12 Metern Breite und mehr. Und es fehlen die charakteristischen Wegesrinnen, die man sonst so oft sieht. Nach zweistündiger Walddurchquerung nach Karte und Kompaß (welche mich zu diesem, in der Zeitschrift "Freizeit im Sattel" abgedruckten Artikel inspiriert) erreiche ich erstmals wieder zivisierten Boden im Dörfchen Tann.

Wunderschön ist der sich hinab ins Rohrbachtal senkende Weg. Dort reitend erreiche ich nach einer weiteren Stunde Friedlos, wo mächtiger Autoverkehr herrscht (B27). Hier überquere ich die Fulda. Sehr schön führt der Weg am Fuße des Gellenbergs entlang, wenig später ist das alte Dorf Kathus erreicht. Ich habe mich entschlossen, hier noch nicht zu übernachten (es ist erst 5 Uhr), obwohl Alex heute schon viel gelaufen ist. Stattdessen besorge ich bei einer sehr netten Bäuerin Hafer. Das dauert ein Weilchen, denn es gehört auch ein Schwätzchen über das Woher und Wohin dazu. So kommt auch das Pferd zu einer viertelstündigen Pause.

Nicht mehr sehr weit will ich reiten: Ich mache noch einen Abstecher zum Seeloch, einem lauschig gelegenen alten Erdfall. Im nahegelegenen Breitzbachtal mache ich – es ist 10 nach 6 -  im Wald mein zweites Biwak. Alex ist heute über 8 Stunden gelaufen. Gleich beginnt es wieder leicht zu regnen, ich spanne wieder meinen Regenponcho auf. Das Pferd bekommt über Nacht und am nächsten Morgen gut 5kg Hafer und bleibt unter dem Woilach eingedeckt; ich schlafe recht gut.



3.Tag. Seulings- und Werrawald   45km   Di, 4.9.1990

Am Morgen bin ich erstmal überrascht, dass es nicht regnet. Ich füttere und lasse das Pferd nochmal grasen und starte erst um 10 nach 9. Vor uns liegt der Seulingswald, und ein herrlicher Naturweg führt bergan – durch schönen Buchenwald, aber auch viele Eichen und Kiefern gibt es. Der Nebel wird dichter. Das Pferd steigt langsam bergauf. Ein herrlicher Wald. Oben auf der Höhe wechselt das Bild, auch Kahlschläge (Sturmschäden) gibt es, aber ich kann jetzt traben. Ich reite flott heute morgen, das Pferd wird warm.  Es wird heller, endlich bricht die Sonne durch. Ich bin voll Freude: Soll die Regenzeit vorbei sein?

Ich muss über die Autobahn, ein Steg soll hinüber führen. Doch der Zugangsweg ist reichlich verwachsen, und mich beschleichen ernste Zweifel. Doch zum Glück, er ist noch vorhanden, hat allerdings Treppenstufen und ist sehr schmal, eher eine Fußgängerbrücke! Doch Alex ist bei solchen Sachen mutig, scheint wohl selbst zu ahnen dass ihm ansonsten ein hässlicher langer Umweg bevorstehen würde. Treppen liebt er nicht, aber er geht sie zur Not (an der Hand).

Durch schönen jungen Eichenwald kommen wir zur Wüstung Hammondseiche, eine alte Kirchenruine. Hier waren wir vor 4 Jahren schon einmal auf unserem ersten Drei-Wochen-Wanderritt (Nordhessen Oktober 1986, 582km in 19 Tagen) . Heute geht es flott weiter, die langen Kieswege werden mit dem gut beschlagenen Pony getrabt. Am Wirtshaus an der Straße nach Kleinensee (Bodesruh) mache ich um 11:40 Mittag. Die Wirtschaft ist nichts besonderes, Alex hat Gras zu fressen, um 10 vor 1 reite ich weiter.

Thüringen ruft! „Mit Sankt Georg für die Reiterei!“ Mit diesem Ruf galoppiere ich bei Widdershausen durchs Werratal. Schon lange vorher hatte ich einen herrlichen Blick auf das weite Tal, bloß schade dass es so diesig ist. Den ersten Flecken Thüringens, Dippach, erreiche ich um 2 Uhr nachmittags. Ich nehme den alten Weg über die Höhe nach Berka, einer hübschen alte Stadt mit Stadttoren. An der fein mit Kopfsteinpflaster chaussierten schmalen Straße nach Herda trabe ich flott entlang, zum Erstaunen der Trabbi- und westlichen Fahrer. Schön sind die thüringischen Dörfchen, auch wenn ich in vielen der Häuser und Gehöfte nicht wohnen möchte. Die meisten aber sind in gutem Zustand. Nur wenige sind noch wirklich DDR-typisch. Ziegel, Bauteile und andere Materialien die auf der Straße gelagert werden, oder Trümmer die etwa s länger liegen bleiben vor dem Wegräumen. Die Kopfsteinpflaster in den Ortsdurchfahrten, die hoffentlich nicht so bald dem freien Verkehr geopfert werden (Anmerkung 25 Jahre später: Enttäuscht , wie so viele andere Hoffnungen der deutschen Einheit). Am schönsten ist es in die Orte hineinzureiten. Die unbefestigten Ortsverbindungswege, alte Wegkreuzungen mit Lindenbäumen, rechts und links die kleinen, fast nur zu Fuß erreichbaren Gärtchen, alte Hohlwege die mir nichts, Dir nichts direkt bis ins Ortsinnere führen, Wege an Scheunen und Schuppen, die vom Erfindungsgeist ihrer Erbauer zeugen. Selten gibt es diese Vielfalt noch bei uns, wo alles der „Ordnung“ geopfert ist, der kleinste Weg asphaltiert und ausgeräumt sein muss, Bäume in der Landschaft störend sind, und alles maschinen-, nicht menschen- und naturgerecht sein muss.

Wie schön ist da die alte steile Trift von Herda hinauf, übersäht mit Schafspuren auf Sandsteinboden. Sechs Meter tief ist der eingeschnittene, von Büschen und Eichen umstandene Weg, der durch eine viele Hektar große Heide- und Grasfläche führt. Leider hat uns der Regen nun doch eingeholt, es hat nichts genutzt, flott zu reiten. Dafür begleitet mich nun ein kleiner Junge auf seinem Fahrrad.

Auf meiner westdeutschen Karte ,für das Gebiet der DDR bezüglich der Zeit nach 1945 nur ganz rudimentär korrigiert, steht eine eingleisige Eisenbahn eingetragen, ohne Böschungen – ich denke dass wir wohl irgendwie hinüberkommen werden. Was nicht eingetragen ist, ist die zum Bau dieser Bahn erforderliche 20 Meter tiefe Schlucht, die in den Berg gegraben oder gesprengt wurde, und die auch noch hindurch führende Straße. So stehe ich mit dem Pferd am Abhang: kilometerlang kein echter Übergang. Ich reite rechts und links, schaue hier und da, steige ab und suche zu Fuß, steil bergauf und bergab, durch Gestrüpp, völlig verwucherten Wald usw.  Auf der Bahnstrecke verkehren derweil fast im Fünfminutentakt Schwergüterzüge beladen mit  ostdeutschem Kali, mit dem man dieser Tage offenbar ein Mordsgeschäft machen kann, gezogen von doppeltbespannten russischen Dieselloks, ob ihrer Geräuschentwicklung auch „Taigatrommeln“ genannt
Anmerkung: Kurz nachdem sich das "merkwürdige Geschäft“ nicht mehr lohnte, wurde die Bahnstrecke Förtha-Gerstungen, 1962-1992, ehemals Interzonenzugstrecke, auf der auch noch der erste IC von Frankfurt nach Leipzig fuhr, abgebaut. Heute geht bloß noch die –verbreiterte – Hauptstraße durch den Bergeinschnitt; der Übergang ist nach wie vor –Stand 2014- auch mit Pferd möglich, wenn auch schwierig.

Als ich gücklich drüben auf der anderen Seite bin, kann ich erkennen warum wohl kein Interesse an der Fortsetzung des alten Fahrwegs bestand: Hier beginnt ein Panzer- und Schießplatz. Hektarweit ist der Wald gerodet, ein unschönes Bild. Hätte ich beim Hinweis des Jungen „Da war die GST“ genauer nachfragen sollen? Meinte er damit nicht, wie von mir gedacht, die Gesellschaft für Sport und Technik, sondern die Grenzspezialtruppen..? Zum Glück gibt es noch den alten auf meiner Karte verzeichneten Weg, auch wenn ich ihn ohne Kompass wohl nicht gefunden hätte. Von diesem rechts oder links abzuzweigen wäre aber angesichts der Schilder „Achtung Blindgänger!“ u.ä. nicht sehr ratsam.

Später führt der Weg durch "ganz normalen" Wald, und ist eigentlich sehr schön und erholsam, senkt sich dann langsam durch hochgelegene Weiden hinab nach Sallmannshausen. Den Ort erreiche ich um 5 Uhr nachmittags, überquere die Werra erneut, und bin gleich wieder im Westen über die offene Grenze. Erneut schwärzt sich nun der Himmel, und es beginnt wieder zu regnen. Ich habe keine Lust mehr, Alex auch nicht. Wir überqueren noch die Autobahn, sehen die schöne alte Buntsandstein-Talbrücke bei Wommen. Die Steinbogenbrücke, als Reichsautobahnbrücke gebaut, die als eine der wenigen den Krieg überlebte, 45 Jahre gesperrt, unbenutzt und verwaist, aber gleich nach der Wende wiedereröffnet, war nur eine Hälfte der schon ursprünglich fest geplanten zwei Brücken (für jede Richtungsfahrbahn eine), und demzufolge wird hier der Autoverkehr auf je eine Fahrspur verengt. Trotzdem ist das noch um Längen schneller als der 40 Jahre lang gefahrene Umweg. Die Brücke wird zwei Jahre später (also 1992) duch eine fast gleiche Zwillingsbrücke aus Stein und Stahlbeton ergänzt, fast wie ursprünglich geplant, die heute (2015) ebenfalls schon unter Denkmalschutz steht.

Unser erster Thüringer Abstecher findet sein Ende im nächsten hessischen Ort, Breitzbach, wo ich um Unterkunft nachfrage, und wir gleich beim ersten Bauen Glück haben und um 17:50 den Ritt beenden.

4. Tag. Ringau und Werratal   62km  Mi, 5.9.1990

Ich starte um halb 9 in Breitzbach. Alex hat in der Nacht gut gefressen und ich nehme rund 5kg Hafer mit. Das Wetter ist kühl , windig und wechselhaft. Um 6 Uhr war klarer Himmel, nun hat es sich wieder ziemlich bewölkt. Aber von einem kürzeren Schauer abgesehen bleibt es trocken.

Wir gehen gleich auf die waldige Höhe. Für einen Moment kommt die Sonne heraus, ich genieße den glitzernden Birkenwald am Grenzsteifen. Ein feiner Gutshof, Rittersberg, und rundherum viel feingeschotterte Wege zum Traben. Alex ist nicht so fleißig heute und ich muss ihn mehr antreiben als mir lieb ist. Um kurz vor elf erreiche ich Lüderbach auf einem schönen, mit Bäumen gesäumten, steilabführenden Weg. Kurz danach geht es wieder über die Grenze nach Thüringen. Am vorgelagerten „Schutzzaun“ (der früher Elektrodraht hatte) entlang nach dem Weiler Wolfmannsgehau. Der Zaun ist um den Ort herum noch nicht abgebaut, denn er gibt auch einen 100% ausbruchssicheren Viehzaun ab. Lauter schöne alte Höfe; einer hat sogar schon eine Parabolantenne (Anm.2015: Heute nennt man die Dinger meist Satellitenschüsseln und sie sind nicht mehr so selten, auch selten eine Zierde für alte Häuser…)

Wir schlagen uns irgendwie durch und suchen den alten Weg zum Heldrastein – in meiner alten Karte (Berichtigungsstand 1945) steht „Wirtshaus und Aussichtsturm“ – es muss also etwas zu sehen geben. Den Weg finde ich leicht, denn er führt immer am Grenzzaun entlang, der hier im Wald bereits komplett demontiert ist. Sanft ansteigend erreicht der Fahrweg den Heldrastein.

Gitterturm (1990)
Meine Wünsche werden voll und ganz getroffen:  Hütte, Tische und Bänke, sogar überdacht, erst jüngst errichtet – und dazu ein schmaler hoher Turm, allerdings von der Volksarmee. Das schönste aber ist der Panoramablick, einen schroffen Abhang hinab ins Werratal von Treffurt bis Wanfried.

Nach der Vesper überlege ich, dass der Blick vom Aluminium-Gitterturm ja noch besser sein müsste... Kurzerhand besteige ich den mit Seilen abgespannten Turm. Es gibt schmale ungesicherte Sprossen, die hinaufführen, und auf windiger Höhe eine Spitze mit Beobachtungsplattform überdacht von einer Pilzdach aus Glasfaserplastik mit einigen recht verkratzten Plastikluken.

Wieder herabgestiegen finde ich, dass nach mir ein Kleinbus mit zwei Ingenieuren eingetroffen ist, die den Turm begutachten sollen, zwecks Eignung als Mobilfunksender. Sie sehen mich absteigen, verzichten aber ihrerseits auf eine Besteigung – und nur ein paar Jahre später wird der Turm zum „offiziellen“ Aussichtsturm umgebaut, und ist bis heute zugänglich...

In so schöner Lage liegt es nah, die Mittagsrast etwas in die Länge zu ziehen, von 20 nach 12 bis 10 nach 2. Weiter will ich nach Treffurt auf dem Höhenweg, mit Namen Triftweg, reiten. Fürs erste benutze ich den Grenzerweg entlang am Zaun, steil die Hühneburg hinauf. Durch große Obstgärten erreiche ich um 10 nach 3 das historische Pflaster Treffurts. Ich führe bis zum Marktplatz mit seinem herrlichen 1606 erbauten Rathaus, und kaufe im dortigen Konsum Brot ein. Als ich aus dem Laden herauskomme, steht eine Menschentraube um das vorschriftsmäßig auf einem Parkplatz abgestellte Pferd. Ein grobgeschnitzter zahnloser Mann fragt mich freundlich, ob ich das Pferd verkaufen will. Er lässt nicht locker, und so beginne ich ihm zu erklären, dass es sich hierbei um einen Isländer handelt. Diese Pferde seien nicht billig, und da verunsichert ihn schließlich etwas. Dennoch hätte ich gern ein Angebot von ihm erfahren.

Rhoen

Die hessischen mit den thüringischen Städten zu verbinden war eine meiner Ideen für diesen Ritt. So reite ich als nächstes nach Wanfried, etwas weiter werra-abwärts gelegen. Schlecht zu reiten ist die Chaussee zur Grenze, und so mache ich mich – kaum im Westen – wieder nach Osten über die Werra hinüber, nach Großburschla. Dieser Ort bildete eine DDR-Enklave inmitten der BRD und hatte über 40 Jahre zu keinem Nachbarort eine direkte Straßenverbindung außer ins 10km entfernte Schellmannshausen. Jetzt sind die alten Straßen und Ortsverbindungswege wieder geöffnet. Der Ort ist ziemlich heruntergekommen, aber auch hier sind die Zeichen des Neuanfangs unübersehbar. Überall wird gebaut, ausgebessert, es gibt handgemalte Wegweise zum Heldrastein, der fast ein halbes Jahrhundert nicht bestiegen werden durfte, da im Grenzgebiet hinter dem Sperzaun liegend. Sicherlich eine Viertelstunde hatte ich im ausliegenden Gipfelbuch geblättert. Jemand schrieb, er sei vor 65 Jahren das letzte Mal hier gewesen…

Ein schöner alter Ortsverbindungsweg – so müssen sie vor 50 Jahren alle ausgesehen haben führt wieder über die Grenze nach Völkershausen, einem schönen Fachwerkdorf mit großem Stiftsgut.

Um kurz nach 5 bin ich in Wanfried, mache mich dort auf den Weg zur Post und hole dort Camera, Spirituskocher und Eßbesteck ab, die ich mir habe nachschicken lassen. Dann will ich wieder über die Grenze (zum wievielten Male heut eigentlich?) nach Osten. Nicht entlang der Bundesstraße will ich, sondern oben auf der Katharinenberg, wo ich hinwill, wird sicher irgendwo schon ein Loch in den Zaun gemacht worden sein. Damit rechne ich jedenfalls. So reite ich den steilen Waldweg zum Karnberg (Karrenberg?) hinauf, und Alex läuft jetzt wieder eifrig, zeitweilig war es furchtbar mit ihm. Wir erreichen den Zaun – im ehemaligen Todesstreifen führt ein Schäfer seine Herde. Todesmutig oder wohl wissend dass es hier ungefährlich ist? Wir grüßen einander winkend, ich galoppiere durch die Wiesen, auf ein Loch im Metallgitterzaun zu --- und bin wieder in Thüringen.

Durch Taleinschnitte umreite ich Diedorf, unterwegs spreche ich länger mit einem Kraftfahrer aus Katharinenberg, dessen Urteil zur „Währungsunion“ (seit Mai 1990: Ersatz der DDR-Mark durch DE-MARK) ziemlich vernichtend ausfällt, und der eine Pferdepension aufmachen will (für „reiche Wessis“). Die einfachen Leute lassen sich weniger für dumm verkaufen, als manche glauben…

Heute will ich draußen übernachten, gleich wie das Wetter wird. Ich suche ein kleines Bächlein mit trinkbarem Wasser und reite einen langen Weg in einer kleinen Senke entlang, lasse Alex noch mal traben. Schließlich erreiche ich den Fuß des Hainich-Gebirges, finde dort gutes Wasser, und um kurz nach 8 abends – es dunkelt bereits – bereite ich nach 62km Ritt(!) mein Lager auf der Höhe oberhalb von Hallungen und brate mir noch ein paar Würstchen zum abendessen.

Rennsteig

5. Tag. Hanich, Werra, Rennsteig    42km  Do, 6.9.1990

Die gestrige Etappe war doch sehr lang geworden. Es ist nicht gut, abends bis acht zu reiten, wenn man tagsüber nur eine lange Pause macht. Ich halte mich selbst nicht an die von mir begründete Regel, lieber 2x tagsüber länger Rast zu machen und nicht mehr als sieben Stunden zu reiten. Aber so ist das nun mal leider, wenn man irgendwohin möchte, dann reitet man länger. Das Pferd ist aber nun sauer auf mich, ich merke es: beim Biwak im Seulingswald wich er mir kaum vom Lager, steckte ständig seine Nase zu mir und wieherte, heute morgen ist er mürrisch und müde. Trotzdem geht das viele Kraftfutter weg wie nichts.  Heute morgen habe ich deswegen keine Eile mit dem Losreiten, genieße den Ausblick auf das Dorf Hallungen, und rasiere mich in aller Ruhe.

Um ¼ vor 10 geht’s dann los: Durch das verschlafene Dorf, dann hinauf auf den Hainich. Ich führe. Es ist kühl, aber nicht regnerisch heute. Wie schon in der Nacht. Dazu der Wind. Gutes Reitwetter.

Der Höhenzug auf dem Hainich hat so seine Tücken. Er läuft nicht immer über die Gipfel, sondern auch mal rechts und links davon. Manchmal denke ich, ich hätte den Weg verpasst, weil es schon wieder bergab geht. Zwischendurch sind Abschnitte ganz hart geschottert, und Alex tritt vorsichtig auf als ob er unbeschlagen wäre. Dann kommt ein fast zugewachsenes Stück, später schöner Feinschotter, und ich trabe. Ständig beobachte ich den Kompass, und denke, nun muss doch bald der Bogen nach Südosten kommen! Aber die Rose zeigt beharrlich nach Süd –

Auf einmal eine Straßeneinmüdung, direkt vor einem Taleinschnitt. Nun bin ich aber falsch. Und wo ist diese verdammte Straße auf meiner alten Karte? Rasch einen Weg nach Osten geritten! Aber, wie merkwürdig, rechterhand ist ein Tal, das da nicht sein sollte. Vielleicht bin ich schon viel zu weit hinausgetrabt. Dann kommt ein fester Schotterweg, wohl die letzte Kategorie Landstraße der DDR. Jetzt passt gar nichts mehr zusammen. Ich führe den Schotterweg hinab. Irgendwo in der Nähe, wo ich hinwollte, werde ich schon rauskommen. Dann kommt mir ein Barkas, einer der hiesigen Kleinbusse entgegen. Ich halte den Fahrer an und frage ihn nach dem letzten Ort. Ich erfahre dass es sich um die Chaussee von Mihla nach Kammerforst handelt. Die ist auf meiner alten Karte noch nicht drauf. Ich müsste genau an der Kreuzung mit dem Hainich-Rennsteig sein, und so ist es auch: Forsthaus Reckenbühl ist genau da wo von mir erwartet – will heißen, es war da, bevor die Kommunisten es abgerissen haben. Hohe Bäume, ein zugewucherter Hügel, Holztrümmer  - mehr ist nicht übrig. Ganz in der Nähe hat sich ein zweites Forsthaus befunden, Ihlefeld. Ihm ist das gleiche wiederfahren. Ob es wirklich abbruchreif gewesen ist? In den Trümmern liegen Reste elektrischer Installationen. Zumindest gab es elektrisches Licht.

Mihla, ein industrialisierter Marktflecken im Werratal, erreiche ich um 13:40. Enorm viel Zeit hat mich der Hainich gekostet. Und dabei wollte ich heute noch an den Eisenacher Rennsteig! Außerdem ist das Pferd zäh geworden: treiben, treiben, treiben… Creuzburg erreiche ich, über die Höhe kommend, um 3 Uhr nachmittags. Den einfacheren Weg im Werratal umging ich, da diesen angeblich ein Streinbruch versperrte, wie ich bei einem Schwatz mit zwei Arbeitern in Mihla erfuhr.  An der 1223 erbauten, sehr trutzigen Werrabrücke (damals schon verkehrsentlastet durch einen wenige Jahre zuvor errichteten Neubau) mache ich eine Stunde Rast und lasse das Pferd grasen. Die Stadt liegt recht malerisch hinter der Brücke auf einem Hügel. Von der anderen Uferseite aus kann man  das Schloss sehen.

Weiter geht’s wieder im Werratal. Über ein völlig verwahrlosten Gutshof reite ich nach Spichra –schöner kleiner Ort mit Wasserkraftwerk. Nächster Ort ist Hörschel, Beginn des Rennsteigs, wo ich die Werra wieder verlasse. Schilder und Tafeln tun den Rennsteig kund. Der lokale Rennsteigverein wurde 1896 gegründet ; gleichwohl durften die ersten 20km in den letzten 40 Jahren nicht bewandert werden wegen der „Grenznähe“! Nur 2/3 des Rennsteigs durften zur DDR-Zeit bewandert werden, von Eisenach bis Schmiedefeld. Absurd!

Beim steilen Aufstieg führe ich ein Stück, und genieße noch einmal den Blick hinab ins Werratal. Der Wind bringt jetzt Regenwolken und Schauer, ich sitze rasch wieder auf und reite die letzten Kilometer etwas zügiger. Schon in Mihla hörte ich vom Haflingerhof Clausberg, direkt am Rennsteig, mit einem „Reittouristikbetrieb“ wie es hier so schön heißt.  Dort frage ich um ¼ vor 6 nach Unterkunft und habe Glück, dass der Stallmeister noch nicht im Feierabend ist. Das Pferd bekommt eine Box, ich selbst für preiswertes Geld ein Zimmer im einige 100m entfernten Lehrlingswohnheim.

Creuzburg

7. Tag (6. Reittag) Rennsteig (2. Tag)  45km  Sa, 8.9.1990

Gestern, am 6. Tag, habe ich in Clausberg einen Ruhetag eingelegt. Alex stand tagsüber auf der Weide, war müde, hat viel geschlafen und gefressen. Da das Wetter schlecht war, habe ich nichts gemacht und bin auch nicht wandern gewesen. Die Leute am Clausberg sind freundlich, wenn auch etwas distanziert. Es wären schon mehrere Wanderreiter hier gewesen. Der Stallmeister heißt Klaus und ist ein echter Pferdemann von altem Schrot und Korn.
Am 7. Tag gehen wir wieder auf den Rennsteig. Um 20 nach 8 verabschieden wir uns und ziehen los. Das Wetter ist neblig, aber so wie wir uns der Wartburg nähern, löst Sonne den Nebel allmählich auf, und es ist herrlich über die Sandsteinwege zu reiten. Der Weg führt ständig hinauf und hinab. Der Rennsteig hat fast keine ebene Stelle. An der Wilden Sau zweige ich zur Wartburg ab, die ich auf verschlungenem Pfad um 10 vor 10 erreiche. Ein ganzes Heer von Touristen belagert bereits die Burg und harrt der Öffnung des Tores. Ich reite nach 10 Min. weiter. Ich reite durch die Drachenschlucht (Anm: habe ich seither nicht wieder gemacht; keine Ahnung ob man da noch reiten kann!) und bin um 11 Uhr wieder zurück am Rennsteig, Station Hohe Sonne. Das Jugendstil-Jagdschlösschen und ehemalige Rennsteig-Wirtschaft ist 1990 schon seit ein paar Jahren geschlossen, aber noch in besserem Zustand als 2015. Als wir 1990 vorbeikommen ist von einem Haufe Nichtlaufenwollender Wanderer umgeben, da es seit kurzem wieder nieselt. Wir sind daran aber schon gewöhnt und reiten weiter.

Bis zur Bermerhütte ist der Rennsteig ehemalige Chaussee und hart befestigt und stellenweise übel ausgewaschen. Wir können nur stückchenweise traben. Dann wird zum Glöckner hin der Weg etwas besser und längere Abschnitte sind eben. An einer Stelle ein alter Wegweiserstein. Häufig überholen wir Wanderer, einige davon sind mit großen Rucksäcken unterwegs. Ein Ehepaar will den Rennsteig ganz herunter laufen. An der Glasbachswiese wird aus dem staubartigen Nieselregen ein übles Gepläster und ich ziehe den Poncho an. Unweit von hier hatte ich vor zu rasten, aber zuvor geht es noch auf den Gerberstein. Eine ziemliche Kletterei, bei dem Mistwetter eigentlich überflüssig. Um 10 nach 1 erreiche ich das Wirtshaus am Dreiherrenstein, sattle dort ab, decke Alex ein und lasse ihn laufen. Er stürzt sich förmlich auf das überall wachsende Gras und ich gehe essen. Nach Kuchen und Kaffee sattle ich wieder, halte noch ein Schwätzchen mit 7 Wanderern aus Königstein und reite um halb 4 weiter. ¾ Stunden später erreiche ich den Großen Inselsberg, mit 916m höher als der Feldberg im Taunus. Nun zum Beerberg weiter führt der Weg steil hinauf, dann ist der Weg sehr schön. Weiter über die Reitsteine, eine ganz hübsche Kletterpartie, dann geht es wieder abwärts. Für eine kurze Zeit haben wir schönes Wetter, und ich komme in beste Laune. Über den Trockenberg führt der Weg recht schön, darauf folgt das einzige Beton- und Asphaltstück. Zwischen Spießberghaus und Pirschhaus ist der Rennsteig traumhaft unausgebaut, oft in Parallelbahnen führend, eine reine Naturstraße. Herrliche alte Bäume, krüpplige Bergfichten und Eichen stehen hier. Dunkler Fichtenwald hat den überwiegenden Buchenwald des Eisenacher Waldgebiets abgelöst. Alte Grenzsteine stehen in Menge, einige sind 1606 datiert (GW=Grafschaft Weimar?), andere zeigen ein S=Schmalkalden oder H für Hessen.  Weiter über die Ebertswiese, eine herrlich Hochweide. Hier ist der Rennsteig weich geschottert und wir traben noch mal ein längeres Stück, dem Tagesziel entgegen. Um 19:05 wird, unweit des Gabelskopfes, eine Weide im Fichtenwald unser Lager für heute. Ich esse noch einmal eine warme Mahlzeit und das Pferd wird gut eingedeckt und mit Hafer abgefüttert. Später regnet es wieder. Noch ein Regenbiwak.

8. Tag (7. Reittag) Rennsteig, 3. Tag, Wasungen  53km   So, 9.9.1990

Heute ist unser dritter (und letzter) Rennsteig-Tag. Wie von mir erträumt und auch erwartet: Ein toller Weg zum Reiten, endlos lange Wege. Für mich eine ideale Wanderreitstrecke Mitteleuropas, und vielleicht reite ich sie irgendwann in der Verlängerung von Kassel nach Wien…

Ich reite um halb 10 los. Gleich zu Anfang ein harter Anstieg, der uns endgültig wach und auch warm werden lässt. Heute ist es kühl und windig. Eigentlich hatte ich vor, an der Neuhofswiese den Rennsteig zu verlassen, aber nun beschließe ich, ihm doch noch ein Stück weit, bis zum Grenzadler (der Grenze zwischen Suhl und Schmalkalden) zu folgen und wieder mal einen kleinen Umweg zu machen. 9,3km Entfernung meldet der Wegweiser, eine ganz schöne Strecke. Aber das Geläuf ist sehr gut, wenngleich sich Löcher in große Seen verwandelt haben. Später kommen immer wieder mal geschotterte Abschnitte. Erst geht es durch jungen Fichtenwald, dann durch älteren, der sehr angegriffen wirkt vom sauren Regen, oder in dieser exponierten Höhenlage über 800m vielleicht ohnehin schlecht gedeiht. Zuletzt führt der Weg über karstige Hochweiden. Um  11 Uhr erreichen wir den Grenzadler und das große DDR-Skizentrum. Ich mache an einem Imbiß rund 10 Min. Rast und trinke Glühwein. 12 Grad zeigt das Thermometer immerhin, der Wind lässt es kälter erscheinen. Dann reite ich den gleichen Weg ein Stück weit zurück und verlasse den Rennsteig nach Westen in Richtung Rotterode. Der erste Ort den ich seit 3 Tagen passiere. Auf der Höhe am Schnittpunkt zweier Täler mache ich um ¼ nach 1 Mittag. Das Pferd hat gutes Gras, ich esse nichts, weil das Brot noch bis morgen reichen muss. Um 20 nach 3 reite ich weiter. In Mittelstille, was ich um kurz vor 4 erreiche, besorge ich Hafer. Ein alter Mann, der fünf Kaltblüter für den Forst hält(!), hat welchen.

Jetzt geht es durch den großen Wasunger Forst. Ich merke wieder dass die DDR-Wanderkarte, nach der ich seit dem Rennsteig reite, ziemlich übel ist. Nicht nur sind die Wegesrichtungen viel zu grob dargestellt, es fehlen auch zuviele Wege, und die Geländedarstellung (40m-Höhenlinien) ist zu stark vereinfacht. So reite ich einige überflüssige Umwege. Auch die meisten Wanderwege sind nicht verzeichnet - viele davon sind allerdings auch ganz frisch angelegt. Trotz der Schwierigkeiten mit der Orientierung sind die Wege zum reiten wunderbar – fast nur Natur-/Sandstein-Wege. Zudem habe ich als Ergänzung die "Karte des Deutschen Reichs" als Kopie dabei, von 1:100.000 auf 1:50.000 vegrößert und topografisch genauer als die DDR-Karten. Soviel hat sich seit 1945 dann doch nicht geändert.

Um ¼ nach 6 erreiche die etwas heruntergekommen wirkende Stadt Wasungen und überschreite hier die Werra, zum letzten Mal auf diesem Ritt, westwärts. Alex ist jetzt doch faul geworden, in Wasungen hat er keine Lust mehr. Ich will aber nicht im belebten Werratal bleiben, sondern noch über die nächste Waldhöhe. Im Schwarzenbachtal finden wir nach einigem Suchen um 20 nach 7 einen geeigneten Lagerplatz. Ich mache auch noch ein Feuer, aber mein Pferd ist sauer geworden und verweigert das Futter. Bis zum Morgen frisst er dann doch die Hälfte seiner sonstigen Ration.

Dreiherrenstein 1990

9. Tag (8. Reittag).  Thüringische Rhön  (45km)  Mo, 10.9.1990

Um halb 10 sind wir wieder unterwegs, Richtung Hohe Rhön. Der Weg führt aus dem romantischen Schwarzenbachtal herauf, einen alten, stellenweise recht zugewachsenen Weg. Um 20 nach 10 kommen wir bei Friedelshausen vorüber, wo ich durch das LPG-Gelände reite: Total verfallene Gebäude, überall Schutt und Gestrüpp, Sumpflöcher sind die Wege, im Regen stehende Geräte, das Heu liegt halb im Freien. Ich wundere mich nicht wenn die Hälfte dieser Läden schließen muss.

Ich will über den Roßberg und finde auch gleich den richtigen Aufstieg. Nebel wallt den Berg hinunter und unaufhörlich fällt feiner Regen. Abwechselnd geht es durch Wald und Hochweide. Ein Weg den man gerade befestigt, führt vom Sommertal hinab ins Feldatal. Das letzte Stück nach Neidhardshausen ist wieder wunderbar unbefestigt und gut zu reiten.  In Serpentinen schlängelt sich der Weg herunter, am Taufstein vorbei. Den Ort erreiche ich um 12 Uhr und finde Gelegenheit zu einkaufen. Der Regen ist ziemlich schlimm geworden.  Zella – ein altes Stiftsgut mit Barockkirche, eine halbe Stunde später. Nun steigt das Gelände stark an, wir kommen auf die Strecke wo ich im April schon mit Doris heimzu geritten bin. Auch das Wetter ist ähnlich: Wind und Regen. Ich halte mich dicht an der Grenze und benutze den Grenzfahrweg. Am Hoflar steht ein Wachturm; hier mache ich um 10 vor 2 Mittagsrast. Ich gehe hole Wasser (dazu gehe ich „nach drüben“ in den Westen) und koche mir ein Süppchen was mir bei der Kälte vorzüglich mundet.

Nach 2 Std. Pause geht es weiter – immer der Höhe nach, Südkurs. Wo das schöne Wetter ist. Am Ellenbogen finde ich schon Markierungen des Rhönklubs, und für einen Moment werden Regen und Wind etwas weniger. Ich reite strikt nach Kompass, komme an einem Einzelgehöft vorbei und erreiche um halb sechs Frankenheim, kaufe dort noch ein Brot. Rings um den Ort stehen die Zäune, alle Wege sind versperrt, irgendwie hat die neue Zeit noch nicht Einzug gehalten. Heute muß ich wohl ein halbes Dutzend Zaundrähte kappen, das wichtigste Utensil für DDR-Ritte scheint eine abisolierte Zange zu sein (Anm: Seit etwa zehn Jahren ist das zum Glück nicht mehr so)

Ich verlasse Frankenheim, reite am alten Schwedenkreuz vorüber, ein letztes Mal am Sicherungszaun entlang und komme zum letzten Dörfchen Thüringens, Birx. Gerade gegenüber habe ich im letzten September auf dem Rückritt von Hilders (Deutsche Trekkingmeisterschaft 1989) übernachtet, und dabei verwundert die beleuchteten Grenzanlagen im "Nirgendwo" betrachtet. Einige Wochen später fegten die großen Montagsdemos in Leipzig das SED-Regime einfach weg. Unglaublich was in dieser kurzen Zeit geschehen ist. Heute abend will ich wieder im „Westen“ übernachten. Wunderschön, die alte Basaltchaussee von Birx zur Grenze. Bestimmt ist sie nächstes Jahr unter Teer begraben, vielleicht fallen auch die alten Eichen die sie säumen einer Verbreiterung zum Opfer. Später zweige ich den schmalen Weg im Birxgraben ab, wo es vier Stege gibt. Kurz nach 7 erreiche ich das hessische Dorf Seiferts. Dreimal frage ich nach Quartier, dann habe ich Glück und komme in einem alten Hof unter. Das Pferd kommt in den Kuhstall.

10. Tag (9. Reittag)  Hessische Rhön  38km  Di, 11.9.1990

Am anderen Morgen ist das Wetter so trostlos wie zuvor, es regnet noch immer. Meine Quartiersleute sind sehr nett und ich verspreche ihnen ein Foto zu schicken. Um ¼ vor 10 erst breche ich auf und mache mich auf den steilen Anstieg zur Wasserkuppe. Der feste Weg führt in Serpentinen den Ehrenberg hinauf. Als ich ihn verlassen will, muss ich feststellen dass dergleichen in diesem Forst nicht vorgesehen ist. Sämtliche, nicht mehr so ganz junge Baumbestände sind eingezäunt und die Wege abgesperrt. Was ich besonders „schätze“ sind Zäune die auf der einen Seite ein Tor haben, und wenn man dann 2km weit geritten ist, gibt es auf der anderen Seite keins. Aber auch ständiges Absteigen und Zaun-Abfummeln – von einem Toröffnen was man auch vom Pferd aus erledigen könnte, kann meist keine Rede sein - ist bei diesem Wetter höchst lästig.

Wir müssen über den Schafstein der mit üblen Basaltblöcken übersäht ist über die Alex klettern muss. Wanderer kommen entgegen, sie bestärken mich in der Meinung auf dem richtigen Weg zu sein. Einer sieht mich, gehüllt in Bundeswehr-Ponchos und fragt:

„Sind Sie von den Gebirgstruppen?“ – „Ja, von der berittenen Einheit. Wir sind sehr geländegängig, wissen Sie? Im harten Gelände besser als die Kraftmelder“ – „Und wie lautet Ihr Auftrag?“ – „Den Weg zur Wasserkuppe zu finden“ – „Da sind Sie richtig. In den Westernfilmen sieht man immer, dass das Gold in solchen Taschen transportiert wird. Haben Sie da auch was drin?“ – „Richtig, in den Satteltaschen ist die Löhnung der Einheit auf der Wasserkuppe“ – „Das muss ja ein schöner Dienst sein. Kein Appell… und im Rang eines Obersts?“ – „Rittmeisters, heißt das bei uns“

Um halb 12 ist die Wasserkuppe erreicht, Hessens höchster Berg. An einem Imbiß mache ich ½ Std. Stop. Als ich zum Guckai reite beginnt sich der Nebel zu verziehen, und endlich sieht man mal was von der Gegen wo man reitet. An einigen Einzelgehöften geht es vorbei, für die die Hessische Rhön so typisch ist. Leider sind die Wege meist ziemlich fest. Um kurz nach 1 mittags erreiche ich die Ebersburg und mache an der dortigen Schutzhütte Mittagsrast bis um 3.

Der Weg führt noch ein Stück auf der Höhe der Fulda entlang. Nachdem das Wetter jetzt zwei Stunden recht annehmbar war, geht, als ich in den Wald nach Schmalnau komme, ein derart übles Gepläster los, dass selbst die Ponchos nicht viel helfen. Nass und übelgelaunt erreiche ich um halb 5 das Fuldatal. Bis Motten will ich heute noch. Der Weg führt parallel zum Döllautal. Noch immer regnet es, aber man sieht jetzt Stücke blauen Himmels. Noch einmal geht es durch Wald, gute Wege, aber auch viel Windbruch. Um 6 abends erreiche ich Motten, frage dort zweimal erfolglos um Quartier, und beschließe da sich das Wetter nun doch bessert, draußen zu übernachten. Ich reite das Tal hinauf bis fast zum amerikanischen Truppenübungsplatz, und biwakiere auf einer idyllischen Waldwiese mit gutem Gras, nach einem Tagesritt von 7 Std 10 Min.

Birx Straße


11. Tag (10. Reittag)  Bayrische Rhön  42km
  Mi, 12.9.1990

In der Nacht illuminieren die Amerikaner den Himmel über uns mit Leuchtraketen, und als ich nochmal ins Dorf gehe zum telefonieren, habe ich so kein Problem den Rückweg zu finden. Sogar der Pferd ist neugierig-interessiert am Schauspiel. Und ich bin froh, dass ich mich „jenseits“ der Truppenübungsplatzgrenze gehalten habe, obwohl die Versuchung, durch die verbotene „Dammersfelder Rhön“ (kürzeste Nord-Süd-Verbindung über die Rhön) zu reiten groß ist.

Erst um 5 vor 10 starte ich heute, und verlasse damit die Gegend  wo die Rhön 1936 „der Zorn des Herrn traf“. Seit dieser Zeit besteht der viele Quadratkilometer große Übungsplatz, dem viele Rhöndörfer zum Opfer gefallen sind.

(Anmerkung: Die Amerikaner ziehen wenig später ab und überlassen das Gelände der Deutschen Bundeswehr, die es weit weniger intensiv nutzt, insbesondere wenig an Wochenenden. Ich habe seither die Dammersfelder Rhön zweimal zu Pferd überquert, 2001 und 2014)

Südlich um Motten herum, auf der Höhe reitend, sehe ich wie man die alte Bahn der Chaussee nach Fulda teert, neben der neuen Straßenführung die natürlich schon asphaltiert ist, was mich nicht gerade zufrieden macht. Steil führt der Weg auf die Haube, und ich führe. Ausgehend von einem alten Kahlschlag haben die Winterstürme dort mehrere hundert Meter alten Buchenwaldes niedergeworfen. Doch das bleibt der einzige größere Windbruch der uns zu Umwegen zwingt. Wir ziehen, wieder einmal, entlang der hessisch-bayrischen Grenze. Große Grenzsteine künden hiervon. Rechts und links ein herrlich geführter Forst. Schöne natürlich Verjüngungen, Buchen wie Fichten, und das alles ohne Zäune. Die Sturmschäden fast aufgearbeitet, ohne Spuren auf den gepflegten unbefestigten Wegen hinterlassen zu haben – tadellos!

Ich überquere die Rhön-Autobahn, und die Höhe südlich von Heubach. Noch einmal muss Alex einen Berg hinauf. Am Weiler Sparhof mache ich von 12 bis um 1 Mittag und gehe essen. Das Pferd steht nebenbei auf einem Wiesenstück, heute unabgesattelt.

Wunderschöne, mit silbrigen Eichenbrettern beschlagene Bauernhäuser sind typisch für diese Region. An zwei besonders prachtvolle Exemplaren komme ich hier vorbei (Anm.: sie sind einige Jahre später abgerissen) Nun geht es im flotten Trab auf herrlich unbefestigten Wegen über den Fuldischen Landrücken. Mittlerweile ist, man glaubt es kaum, die Sonne herausgekommen und es wird sehr warm!

Die Mittagsruhe störe ich im Dorfe Hutten. Kein Mensch zu sehen. Über schöne, teils ausgelassene Weiden und durch einen abenteuerlichen Wald reite ich zur Burg Brandenstein, die ich um 20 vor 3 erreiche. Anschließend will ich durchs Schwarzbachtal, um in Vollmerz Futter zu besorgen und, wenn möglich, Lebensmittel. Aber, oh Grauss, es gibt hier kein einziges Lädchen mehr. Immerhin bekomme ich 7kg Kraftfutter bei einem Pferdebesitzer. Über einen Teerweg reite ich einen Ort zurück, nach Herolz, wo ich alles bekomme.

Nun geht es auf den Spessart. Rund um Ahlersbach macht mir der Weg keine Freude. Zuerst mit Gestrüpp zugewachsen, und ich haue ihn mit der mitgenommenen Machete frei, dann ist dreisterweise ein Zaun hinübergezogen. Aber das folgende Stück geht herrlich durch die Heide – hier könnte man mit einem ganzen Trupp Pferde Rast halten, eine schöne Gegend. Für uns ist es aber noch etwas zu früh um den Marsch zu beenden; ich will noch ein Stück weiter die Höhe hinauf. Alex, der zwischendurch mal nicht so gut lief, zieht jetzt wieder fleißig vorwärts, guckt sich jede Wiese an, weil er weiß dass er bald sein Futter bekommt.

Noch einmal ein Waldgebiet mit vielen Zäunen die sogar teilweise eingewachsen am Boden liegen – schlampiges Forstamt! Dann reite ich ins Rohrbachtal hinab, das ich um 10 vor 7 erreiche. Ein Nebental der Jossa. Und hier schlage ich mein Lager im Herzen des Spessart auf, mache ein schönes Lagerfeuer und grille, und das Pferd bekommt den Hafer.

12. Tag (11. Reittag)  Spessart-Runde  40,5km  Do, 13.9.1990

Am Morgen fache ich das Feuer nochmal an und koche Kaffee. Ich will auf die Alte Weinstraße, den Höhenweg nach Jossa. Um ¼ nach 9 bin ich wieder unterwegs, dichter Nebel umgibt uns, es ist noch kühl, aber die Sonne versucht bereits durchzukommen. Der Weg vom Bellingser Kreuz her ist recht gut, und damit auch meine Laune. Die alte Wagenstraße ist am Eulerskopf völlig versperrt, aber der Fahrweg nebendran lässt sich gut reiten. Überhaupt ist der Höhenweg recht schwierig, fast nur Schritt kann ich gehen, überall liegen Bäume quer, der Weg ist ausgefahren, und die Sumpflöcher haben bereits Form und Aussehen kleiner  Teiche. Überwiegend geht es aber durch schöne Buchenbestände. (Anm.: Als ich im Jahr 2014 mit Khorsheet wieder hier reite, ist der Zustand noch, oder schon wieder, recht genau derselbe)

Um 11 erreiche ich, einen herrlichen Heideweg ins Dorf hinab reitend, Jossa. Am Bäckerauto, das ich zufällig treffe, kaufe ich phantastisch schmeckendes Brot und das Pferd bekommt zwei Brötchen geschenkt. Und auch eine Metzgerei liegt auf dem Weg. Weiter geht es durch den Sinngrund über einen Fußweg. Hier ist ein Naturschutzgebiet, obwohl es wie eine normale Futterwiese ausschaut. "Alles" ist verboten außer Landwirtschaftlichem Verkehr. Aber eine große Baustelle. So ein Unsinn  (Die ICE Neubaustrecke war damals schon fertig)

Über die Diitenbrunner Höhe reitend (sehr steil und hart) erreiche ich Obersinn, wieder zu Bayern gehörend. Die Wege im Feld sind sämtlich geteert, und als ich hinausreiten will und einen schönen, steilen Weg zum Steinköppel hinauf finde, hat man ihn als Schuttablage- und Lagerplatz für irgendwelchen Müll missbraucht, und weiter oben eingekoppelt. So macht mir der Weg nach Emmerichsthal wenig Freude. Im Wald ist der Weg zwar schön, aber die Fichten und Lärchen haben sich bei den jüngsten Stürmen nicht standhaft bewährt, namentlich Lärchen liegen viel im Weg und sind am Hang nur schwierig und kraftraubend zu umgehen.

In ganz von Wald umgebenen Emmerichsthal, einem wunderschönen Weiler, verkauft mir der freundliche Wirt des Dorfgasthofs 5kg Gerste, Hafer hat er nicht. Unweit davon mache ich auf einer schönen Wiese um 5 nach 2 Mittag. Genau 2 Stunden später breche ich wieder auf, in Richtung Burgjoss. Der Weg dorthin ist recht steil und stellenweise mit altem Steinpflaster beschlagen, was heute natürlich ausgewaschen ist. Der Höhenweg dagegen ist gut, wir traben flott dahin durch schönen jungen Eichenwald. Alex kann noch etwas Kondition zulegen für den Distanzritt Rodgau-Post in knapp 10 Tagen (er wird dort die 85km in 7:08 Stunden in der Wertung laufen) .

Um kurz nach 5 erreichen wir Burgjoss. Der Aufstieg zum Orber Reisig zieht sich lang hin, ist aber recht gut zu reiten, obwohl es auch hier Windbruch gibt. Den Weg quer übers Orber Reisig, den alten Hessenweg nach dem Stift Fulda finde ich auch diesmal nicht; in Hundsthal habe ich nicht viel Glück mit den Wegen. Auch viele neue Zäune ärgern mich, vielleicht kommt man westlich der neuen Chaussee besser hin.

Der feste Weg führt an einem Militärgelände entlang das im Wald verborgen steckt (nur Schilder künden davon). Mitten auf einer Wegeskreuzung fünf Förstergräber mit Gedenkstein aus dem letzten Jahrhundert. Wenn die gewusst hätten, was für Maschinen-Ungetüme heute über ihre verblichenen Gebeine dahinrollen, hätten sie vielleicht doch den stillen Dorffriedhof bevorzugt…

Um 5 nach 7 mache ich Halt in den Rohrbachswiesen, altem Weidegrund, und beende hier die heutige Tagesetappe. Ein Feuerchen mache ich zunächst nicht, weil ich 200m weiter einen Jäger auf seinem Hochsitz bemerke. Aber als es dunkel wird, grille ich doch noch gemütlich, und der Jäger bemerkt entweder nichts oder ist schon gegangen.

Sparhöfe 1990
Sparhof (1990) - ein paar Jahre später abgerissen und durch charakterlosen Neubau ersetzt

13. Tag (12. Reittag)  Büdinger Hügelland  52km  Fr, 14.9.1990

Am nächsten Morgen ist es bitterkalt, die Wiese ist mit Rauhreif bedeckt und man spürt den nahen Herbst. Ich wusste schon warum ich mein Lager geschützt unter Bäumen an einer alten Steineinfriedung aufgeschlagen hatte. Alex hat die Gerste zu meinem Erstaunen ganz aufgefressen (zuhause mag er keine). Um 5 vor 9 bin ich bereits unterwegs. Der Weg zum Eisenkopf ist total versperrt, und für einen Kilometer Weg brauche ich eine halbe Stunde. So ein Ärger am frühen Morgen.

Wir traben flott ins Kinzigtal hinunter, zwischen Steinau und Salmünster, erreichen es schon um 10 Uhr, über die Bundesstraße, und dann trifft mich fast der Schlag: Der Weg durch die Auen ist „Betriebsgelände“ der Kinzigtalsee-Gesellschaft . Reiten verboten, ein breites verschlossenes Tor, ein Fußgänger-Drehkreuz, dichter Zaun! Soll man etwa einen Umweg durch Steinau und das Industriegebiet nehmen?? -- So geht das nicht. Der Zaun wird flugs vom Tor abgewickelt, und dann passt auch ein Pferd vorbei.

Das vielbefahrene Kinzigtal gleich verlassend, geht es im Ulmbachtal hinauf. Der Weg ist recht abenteuerlich, ständig muss man Zauntore öffnen und hinter sich wieder schließen, und weiter oben halte ich einen Schwatz mit einem Bauern. Dann geht es durch ehemaligen Wald, jetzt fast kahlgeschlagen, ein Opfer der Stürme.

Um 12 bin ich an der Baiersmühle, ein Asphaltweg führt hinauf. Es ist warm geworden und die Sonne brennt, als wir über die Höhe nach Untersotzbach traben. Dort will ich – schon wieder, aber zum letzten Mal auf diesem Ritt – einkaufen, ein Bauer spricht mich an, wir unterhalten uns, und er verkauft mir Hafer. Alex frisst frisches Grünfutter, und dann geht‘s weiter. Um kurz nach 1 mittags erreichen wir das Reichenbachtal am Neuhäuser Weiher, und hier mache ich Mittag. Fast zweieinhalb Stunden bleibe ich hier, kann mich nicht überwinden wieder aufzubrechen. Stattdessen studiere ich die Karten und messe aus, wieviel ich bisher geritten bin, und komme auf 490km in 12 Tagen. Das ist ganz schön was. Viel mehr könnte mein Pferd nicht leisten, ich merke das. Er legt sich nicht bloß abends, sondern auch morgens nach dem Füttern und sogar in der Mittagspause hin – heute lässt er sich in der prallen Sonnenglut in den Tiefschlaf fallen…

So lasse ich ihn ausruhen und reite erst um kurz vor halb 4 weiter. Die Sonne brennt, und gnadenlos geht es immer weiter, im Trabe über die Höhen. Ich hätte gar nicht gedacht dass die Gegend hier so hügelig ist, aber der Name „Büdinger Hügelland“ muß wohl irgendwoher kommen. Um 10 vor 5 überschreite ich nahe Kefenrod den Semenbach. Auch der herrliche Büdinger Forst, seit meinem ersten Vogelsbergritt im Mai 1986 in bester Erinnerung, hatte schwer unter dem Sturm zu leiden. Der erste Teil des Weges ist noch frei, dann muss ich mit der Machete – ich gebrauche sie heute mehrmals! - das Geäst einer Fichte abhacken damit Alex hinübersteigen kann. Später, wo ein ganzer Waldhang umgefallen ist, muss ich doch auf die Höhe zur Straße. Alex ist durch die ganze Kletterei ziemlich strapaziert. In Dudenrod will er eigentlich nicht mehr weiter. Ich kann ihn gut verstehen. Es ist auch schon nach 6 Uhr. Aber erst will ich diesen Forst noch hinter mich bringen.

In Aulendiebach, dem nächsten Ort, ist er dann wieder besser drauf, und so beschließe ich noch ein kurzes Stück zu machen, nämlich bis zur Glauburg. Damit wäre mein Plan für heute erfüllt.  Da es dort oben keinen Bach gibt, frage ich einen Bauern um Wasser für das Pferd, nehme auch selbst etwas mit. Die Leute sind sehr nett. Noch 4 ½ km zu reiten, leicht ansteigend, keine Hindernisse mehr. Noch nie habe ich mich auf meinen Ritten auf die flache Wetterau gefreut, heute ist es das erste Mal. Lange erholsame Trabwege ohne umgefallene Bäume, keine abgezäunten oder zugewachsene Wege, wie ich das heute zuhauf erlebt habe. Um 8 abends erreichen wir die Hochfläche der Glauburg. Seit der Jungsteinzeit bis zum 14. Jahrhundert gab es hier eine feste Siedlung. Fliehburg in Notzeiten, Stadt in alemannischer Zeit, Königshof unter den Merowingern, Amtssitz bei den Staufern, erst dann wurden die Zeiten ruhiger und weniger kriegerisch, die Leute siedelten ab ins Tal wo ihre Äcker lagen. Es wurde ihnen auf dem steilen Berg mit seiner schlechten Wasserversorgung zu mühsam.

Keinen besseren Platz zum biwakieren hat die Wetterau als diesen. Alex wird frei grasen gelassen (recht kurzes Gras hier), ich entfache ein großes Feuer, grille noch ein letztes Mal auf diesem Ritt. 52km sind wir heute geritten.  Alex nutzt die Freiheit und macht sich ein Stückchen davon, ist offenbar sauer. Ich spanne doch noch das Laufseil.

Alex vor der Wartburg 1990

14. Tag (13. Reittag)  Wetterau bis Rosbach  34km  Sa, 15.9.1990

Heute morgen ist das Pferd immer noch sauer auf mich, aber klare Beine, kein Anlass zur Sorge. Sein Futter hat er nicht ganz aufgefressen und teilweise verscharrt, dafür gibt’s auch Schimpfe, ich lasse ihn etwas länger grasen. Es besteht kein Grund zur Eile, ich will bloß noch nach Rosbach am Taunus, zwei Meßtischblätter weit ohne Berge auf der Strecke. Dagmar hat angeboten mich von dort heimzufahren. Um kurz vor 11 sitze ich auf, umrunde noch einmal die Burg, schwätze mit einem Mann, der hier samstags Maurerarbeiten an der alten Burgmauer durchführen will, und verlasse den Glauberg um 11 Uhr.  Ich nehme die Wasserscheide zwischen Nidda und Nidder als grobe Richtschnur für meinen Weg. Hier gibt es auch einige Waldstücke aber ohne umgefallenes Holz zum Glück. Eine alte römische Hofstelle schaue ich mir an, dann geht es über den Reuterweg weiter. Selbiger ist, na wen wundert’s?, an einer Stelle in einen gemeinen Rübenacker verwandelt, was mich aber nicht anficht.

Das auf der Karte verzeichnete, an einer Straßenkreuzung gelegene Wirtshaus (Whs. abgekürzt) entpuppt sich leider als zwielichtiges Etablissement, erst abends geöffnet. Auch im nächsten Ort finde ich keine Gastwirtschaft, und so reite ich weiter. Aber am Waldrand nach Gräfenrode gibt es eine schöne Wiese mit einigen Obstbäumen, und hier mache ich um kurz vor 2 Mittag. Nach zwei Stunden geht es weiter, und um halb sieben abends kommen wir schließlich etwas außerhalb des Orts Rosbach an dem Hof an, wo Dagmar ihr Pferd eingestellt hat. Dort geht gerade eine kleine Reiterrallye zuende. Alex kommt noch zu einer kleinen Pause, dann fährt uns Dagmar nach Hause.


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