taunusreiter TAUNUSREITER
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Ursprung des Artikels 1991, überarbeitet Dez. 2019
 

Wir nehmen den schönsten Weg... Orientierung mit Karte und Kompass

Mit Karte und Kompass im Gelände

Die Sonne scheint in unseren Breitengraden nicht immer - und selbst wenn, ist sie bestenfalls für die grobe Orientierung geeignet. Auch Mondschein, Moos an den Bäumen, alte Kirchen usw. stellen sich nicht mit der gewollten Zuverlässigkeit ein. Neben der guten Karte ist daher der Kompass das Hilfsmittel zur Orientierung im unbekannten Gelände

Moooment! Sie möchten zuerst mal wissen, wie man sich mit der Karte allein orientiert, bevor Sie was über Karte und Kompass erfahren??
Das ist absolut sinnvoll. Klicken Sie bitte hier!

Der Gebrauch des Kompass

Der Wanderreiter1) will möglichst wenig mit technischen Dingen zu tun haben, er - oder sie – sucht das Naturerlebnis, die Kameradschaft unter Gleichgesinnten, die Herausforderung, das Reiterlebnis usw.

Im unbekannten Gelände wird er versuchen, den für ihn besten Weg auf der Karte festzustellen. Der beste Weg für den Wanderreiter ist nicht der schnellste, noch der kürzeste, sondern der landschaftlich schönste Weg, der noch flüssig zu reiten ist. Das sichere Auffinden dieses Weges wird durch den Einsatz des Kompass erleichtert.

Wer ohne Kompass reitet, wird bei der Streckenwahl auf leicht zu findende Wege ausweichen müssen, die näher an der Zivilisation verlaufen und meist fester, weniger pferdeschonend sind.

Auf Wettbewerben – etwas auf unmarkierten Distanz- oder Trekkingritten – kommt es insbesondere darauf an, eine vorgegebene Strecke schnell und sicher zu finden. Wer hier, wenn die Orientierung kritisch wird, mit Kompass arbeiten kann, ist eigentlich immer im Vorteil.

Nun hat auch der Kompass-Fan nicht ständig das Gerät vor der Nase, braucht es vielleicht manchen Reittag gar nicht. Hierzulande ist die Landschaft meist offen, mit sichtbaren, eindeutigen Geländemarken, die man in der Karte wiederfinden kann. Der Kompass erleichtert vor allem das Durchreiten von schwierigem Gelände, wo solche Marken selten sind oder ganz fehlen, wie in großen Waldgebieten, dünnbesiedelten Gegenden usw. – eben den Landschaften, die den passionierten Streckenreiter wie ein Magnet anziehen... Dies sind unbestreitbare Vorteile -- die den Nachteil, sich mit einem zusätzlichen „Ding“ beschäftigen und beschweren zu müssen, bei weitem mehr als aufwiegen. Sichere zuverlässige Orientierung, wozu der Kompass entschieden nützlich ist, macht den Ritt sicherer und entspannender, und mindert ganz gewiss nicht Erlebnis und Abenteuer.

Der Wanderreiterkompass


In der hiesigen Landschaft wird der Kompass immer zusammen mit der Karte benutzt, da wir auf den Wegen zu reiten haben. Wir brauchen daher einen Kompass, der die Kartenarbeit unterstützt. Die wichtigsten Anforderungen an einen solchen Kompass sind:

Gut brauchbare, einfache Modelle vom Typ Linealkompaß, wie sie auch von Geländeläufern verwendet werden (für Einsteiger besonders zu empfehlen und mit bereits ausreichender Genauigkeit) gibt es bereits ab 15,- Euro.

Silva Kompass

Silva Type 4/54, empfehlenswerter großer Linealkompass mit Lupe und gut sichtbarem Richtungspfeil. Die lange Anlegekante erleichtet die Kartenarbeit und erlaubt überschlägige Entfernungsmessungen.

Die wichtigsten Handgriffe

A) Bestimmung der Marschrichtung aus der Karte

Die folgende Situation kennt jeder: Man will in eine bestimmte Richtung reiten, ist sich aber unsicher über den richtigen Weg (etwa an einer Kreuzung mit vielen Abzweigungen).
Was ist zu tun?


(1) Den Kompaß mit der Anlegekante bzw. dem Richtungspfeil parallel zum gewünschten Kurs auf die Karte halten.


(2) Den Kompass-Drehring auf Karten-Nord verstellen, ohne den Kompass in seiner Lage zu verändern. Die Nord-Süd-Linien im Kompassboden erleichtern die Ausrichtung. Auf der Karte ist es das aufgedruckte Koordinatengitter.


(3) Den Kompass von der Karte nehmen und in Bauchhöhe am ausgestreckten Arm langsam drehen, bis die Kompassnadel sich am Nordindex „N“ des Drehrings eingespielt hat. Der große Richtungspfeil weist nun vom Reiter weg in die gewünschte Richtung.
 
Das klingt beim Lesen etwas kompliziert, ist aber in Sekunden gemacht -- und auf jeden Fall schneller, als an der Kreuzung zu stehen und herumzurätseln! Wie die Karte dabei gehalten wird, ist dabei ganz egal – man muß nur wissen wo Norden ist (bei topographischen Karten ist das immer oben).

 B) Überprüfung der Marschrichtung

Die gleiche Vorgehensweise wie oben - bei Unsicherheit, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Man mist den „Sollkurs“ auf der Karte aus (wie A, 1. und 2. Schritt) und hält dann den Kompass in die gerittene Richtung, also gerade nach vorwärts. Pendelt sich die Kompassnadel am eingestellten Nordpfeil (Index „N“) ein, ist alles okay. Wenn nicht, stimmt der Weg nicht.

Nun kann man noch...

 C) einen Weg auf der Karte indentifizieren

Der „umgekehrte Weg“ von A, Schrit 3 zu Schritt 2. Der Kompass wird, mit dem Kurspfeil vom Reiter weg, in die gewünschte Richtung gehalten und der Drehring dabei gedreht, bis die Kompassnadel und der Index „N“ am Nordpfeil übereinstimmen. Jetzt wird der Kompass auf die Karte gelegt (wobei der Nordpfeil und „N“ wieder auf Karten-Nord weisen müsen). Der ausgemessene Weg liegt nun irgendwo auf der Karte, parallel zur Kompass-Anlegekante.

In Gebieten in denen nicht alle Wege „schachbrettartig“ angelegt sind, kann eine solche Messung schon viel Klarheit über die eigene Position auf der Karte bringen! Nimmt man noch zusätzliche Geländemarken wie Steigung, Kurven des Weges o.ä. in die Überlegung auf oder mißt an einer Kreuzung einen zweiten Weg aus, so kann man in den meisten Fällen den eigenen Standort mit großer Sicherheit bestimmen – besonders in hügeligem Gelände sind zwei Kreuzungen kaum je gleich!

 D) Anpeilen unbekannter Punkte im Gelände

Dies ist selten notwendig, kann aber ganz nett sein, wenn man etwa wissen möchte, was für einen Berg man da irgendwo in der Ferne sieht.

Man peilt dieses Objekt wie im Abschnitt C beschrieben an und mißt widerum mit dem Drehring die Richtung. Hier ist nun höhere Genauigkeit (1-2°) gefragt und daher eine Peilvorrichtung wie Spiegel oder Prismatik am Kompaß nützlich. Aus der Hüfte kann man 5-10° Genauigkeit erzielen was für die o.g. Zwecke üblicherweise ausreicht.
Das gesuchte Objekt liegt nun in der Verlängerung des eigenen Standortes mit der Kompaß-Anlegekante, und Ausrichtung Index-„N“ mit Karten-Nord. Wenn man Pech hat, ist das angepeilte Objekt so weit entfernt, dass es nicht mehr auf der Karte ist...

Über das Kreuzpeilen will ich hier nichts weiter sagen, es ist eine in der Literatur häufig beschriebene Methode der Standortbestimmung anhand zweier oder mehr bekannter Landmarken, hauptsächlich für Küsten- und Seenavigation verwendet. Wenn man sich in hiesigem Gelände verreitet, hat man diese zwei Punkte meistens nicht und kommt mit der unter C) beschriebenen Methode besser weiter.

Auch das Einnorden der Karte wird häufig beschrieben: Ein zu Pferde etwas umständliches Verfahren, um sich auf der Karte zurechtzufinden (sie sich quasi so zu drehen wie die Landschaft vor einem liegt) - und in den meisten Fällen nicht genau genug. Aber für den Anfänger in der Kartenarbeit nahezu unumgänglich. Für die Fortgeschrittenen ist es zumindest dann unnötig, wenn man die Karte "geistig" eingenordet hat, also die Vorstellung hat was „rechts-“ oder „linksabbiegen“ auf der Karte bedeutet - was leicht zu verwechseln ist wenn man nach Süden, d.h. ie Karte „herunter" reitet!
 

Kompaßgebrauch an einem Beispiel

An einem praktischen Wanderreiter-Beispiel werden Vorgehensweise und Notwendigkeit sofort klar.



Ich will die „Alte Straße“ zwischen Nausis und Tann, einem nordhessischen Höhenweg, bereiten (Punkte 1-2-3 auf der Karte). Die Strecke führt ca. 15 Kilometer durch Wald, deutliche Geländemarken wie Straßenübergänge, Berge, markante Kreuzungen o.ä. gibt es kaum.

Die Schwierigkeit besteht darin, nicht vom Haupt-Höhenweg abzukommen (etwa in Richtung Beenhausen) – und dann gibt es noch das Herausforderung, nach 9 Kilometern am Gebrannten Kopf (Punkt 2) die richtige Abzweigung zu finden.

Was ist zu tun? Westlich von Emmerichsrode führt der Weg ein ganzes Stück nach Süden, dann südöstlicher. Ich stelle den Kompaß auf dem erwarteten Kurs ein und behalte im Auge, ob der gerittene Weg diesem Kurs auch folgt.

Wenn ich ahne, mich dem Punkt 2 zu nähern (Gebrannter Kopf), stelle ich den Kompaß auf die neue erwartete Marschrichtung nach Punkt 3/ Tann ein – etwa Ost bis Nordost. Den ersten Abzweig mit diesem Kurs reite ich.

Finde ich keine Abzweigung und komme stattdessen wieder nach Süden ab, dann bin ich an der richtigen Stelle bereits vorbeigeritten (auf Punkt 4 zu). Nun kann ich beispielsweise den erstbesten Weg nach Osten nehmen, damit ich wenigstens in der Nähe der richtigen Stelle herauskomme.

Hier zeigt sich der Nutzen des Kompass: Selbst wenn man sich einmal verreitet kommt man bei entsprechender Aufmerksamkeit nur wenig ab, vielleicht 200 oder 500 Meter – reitet aber nie total in die falsche Richtung. Der Laie hat vielleicht keine Vorstellung davon, daß auch der größte „Orientierungs-Crack“ nur nach der Methode „Trial&Error“ und nicht etwa nach einem im Kopf eingebauten Kompass arbeitet... Im obigen Beispiel, dem dichtbewaldeten Nordhessen, kann der „Irrtum“ ohne Kompass leicht 10 Kilometer betragen. Da es ein Gesetz ist, dass solche Fehler immer bei Ermüdung, spät nachmittags, unter Zeitdruck, bei Schlechtwetter, und anderen unerfreulichen Bedingungen auftreten, sind die Folgen solch harscher Verritte leicht vorstellbar. Angenehm sind sie nie. Gut zu wissen daß es ein Werkzeug gibt, um sie auf das unvermeidliche Maß zu minimieren.

 Worauf noch zu achten ist

A) Deklination

Das ist die Nadelabweichung von magnetisch zu geographisch Nord, auch Missweisung genannt. Diese ist überall in der Welt verschieden und im Laufe der Zeit (Jahrzehnte) veränderlich. In Deutschland liegt sie derzeit um 1° und kann daher für unsere Zwecke vernachlässigt werden – nicht jedoch in vielen anderen Ländern. Hier ist ein Kompass mit einstellbarer Missweisungskorrektur praktisch. In seriösen Karten ist die durchschnittliche Missweisung für das Kartengebiet verzeichnet.

 B) Nadelabweichung durch Metall und Elektrizität

Von größeren Metallgegenständen (Geländern, Brücken o.ä.) ist beim Messen 15 Meter Abstand zu halten, noch mehr bei allen Arten von Starkstromleitungen, Transformatorenhäusern und dergl. Nur (teure) Spezialkompasse sind für Verwendung aus dem Auto geeignet. Die Einflüsse des Fahrzeugs und des Magnetfeldes der Lichtmaschine müssen dabei aufwendig per Hand kompensiert werden, und trotzdem wird keine so hohe Genauigkeit erreicht wie beim unbeeinflussten Handkompaß des Wanderers oder Reiters. Bereits eine Uhr, Kette o.ä. am Handgelenk, der Hand in der der Kompaß liegt, ganz sicher ein Handy, kann die Kompassnadel ablenken.

 C) Behandlung

Ein guter Kompass ist sehr robust - vor allem geht niemals eine Batterie leer - wird aber als Präzisionsgerät dennoch sorgfältig behandelt – Fallenlassen, Beförderung zusammen mit harten oder krümeligen Gegenständen (Leckerli in der Hosentasche) sind zu vermeiden. Kleine Kompasse trägt man am besten um den Hals, etwas größere in ledernen Gürtelhalftern neben dem Messer. Einen fluidgedämpften Kompass nie im prallen Sonnenlicht liegenlassen (Biergartentisch etc.) da sich bei Erwärmung hässliche Lustbläschen im Gehäuse bilden, die das Einpendeln der Nadel verzögern können. Die Kompassrose nicht ölen.

 GPS als Alternative?

GPS (Global Positioning System) kann für den Wanderreiter hilfreich sein, insbesondere solche mit vor dem Ritt einprogrammierbaren, oder vom PC einlesbarer Wegpunkten. Unter günstigen Umständen kann dieses Hilfsmittel das Verfolgen der geplanten Strecke vereinfachen. Jedoch auch bei sehr dichter Setzung der Wegpunkte (mehr als 75 sind selten möglich) kann GPS nie die Karte ersetzen, da es keine Wegalternativen anbietet wenn die geplante Route aus irgendwelchen Gründen nicht gängig ist, da es selber keine Karten genügender Präzision bereitstellt oder einlesen lässt. Dadurch sind auch keine Geländeschwierigkeiten, Steigungen usw. erkenn- und planbar.(das stimmt aktuell nicht mehr!)

Zur Richtungsbestimmung bietet GPS verleichbare Menüfunktionen, ist aber weniger reaktionsschnell und genau als ein guter und vergleichsweise viel billigerer Kompass. Zudem funktioniert ein Kompass unter allen oben genannten Einsatzbedingungen verlässlich und tadellos – ohne Batterie, auch in tiefstem Wald oder durch hohe Berge abgeschirmten Gelände, wo GPS Probleme mit dem Satellitenempfang machen.

Aus all diesen Gründen ist es wenig ratsam, seine Orientierung und evtl. das Wohl und Wehe einer ganzen Reitergruppe mit Pferden allein von GPS oder anderen „Hitech“-Hilfsmitteln abhängig zu machen. Als einziger unbestreitbarer Vorteil spricht für GPS, daß die entsprechenden UTM-Koordinaten im Notfall zum Herbeirufen von Rettungshubschrauber u.ä. bereits gängiger sind als die auf den topographischen Karten aufgedruckten Gauß-Krüger-Gitter. Jedoch sind durch kundige Personen Umrechnungen schnell möglich. GPS mag als Ergänzung somit nützlich sein – erforderlich ist es nicht. Jeder kompaßkundige Mensch wird nach kurzem Studium der Bedienungsanleitung GPS benutzen können – wer nur das GPS kennt, und den Umgang mit dem Kompass nicht in der Praxis gelernt hat, steht im Falle eines Schadens oder einer Störung ziemlich gekniffen da! 

Auf meinem Alpen-Ostsee-Ritt im Juli 2019 über 1092 km bin ich überwiegend mit Smartphone-GPS geritten, hatte aber sowohl einen Papierkartenausdruck der Strecke als auch meinen guten alten Kompass als "Backup" dabei...

Fortsetzung der Artikelserie: Neuerer Artikel (Dezember 2009) zum Thema GPS

Fußnoten:
1) Dieser, in der Urform schon ältere Artikel, verwendet die männliche Form um flüssig lesbar zu sein. Gemeint sind natürlich Wanderreiterin und Wanderreiter! Und die vielen "mans" sind auch nicht geschlechtsbezogen gemeint.
 
Literatur für Reiter die es noch genauer wissen möchten:

Brand, Joachim: Wanderreiten. Rittplanung, Ausrüstung, Training, 1985 (S. 90-98)
Diacont, Kerstin: Wanderreiten, aber richtig. Richtlinien für Wanderreiter, 1988 (S. 42-58)
Linke, W.: Orientierung mit Karte und Kompaß, 1987.
Thöne, K., Kaufmann, E.: Karte und Kompaß, 4. Aufl. 1989

(erstmals veröffentlicht in Freizeit im Sattel 5/91; neu überarbeitet)

(c) Frank Mechelhoff

Dieser Text ist copyright-geschützt, wurde vom genannten Autor erstellt und auf http://www.taunusreiter.de publiziert.
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Wer sich an meine Texte anlehnt oder sie kopiert, der möge mich auch zitieren. Das gehört zur Wissenschaftlichkeit, zur Höflichkeit und zum guten Ton, und gilt auch für die Kollegen von der Deutschen Wanderreitakademie bzw. der VFD. Danke.
 
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