taunusreiter TAUNUSREITER
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Update Sept.2015                              Neu März 2015


DistanzrittAlbritt -Foto Andrea Ehret

Fragen zum Distanzreiten (Training)

Vorbemerkung: Erfolgreiche Distanzreiter verraten allgemein nicht viel über ihre Trainingsmethoden, mit Ausnahme wenn sie als Ausweis der Seriösität auf dem Reitplatz reiten, obwohl es die Pferde kaum trainiert. Die einen wollen keine "Trainingsgeheimnisse" verraten. Die anderen wollen nicht verraten, wie wenig sie für ihre Sporterfolge im Training arbeiten. Ich sehe das eher entspannt. Zum einen gewinne ich weder Meisterschaften noch führe ich die KM-Wertung an, und was ich empfehle, ist mühsam, zeitaufwendig und unbequem. Zum anderen, das wieviel ist weniger ausschlaggebend, als das wie. Zum Reiten genügt nicht, Dinge zu wissen. Deshalb kann ich sie noch nicht nachreiten.
 
Frage: Ich möchte gern auf Distanzritte gehen. Ich reite 5x die Woche 10 bis knapp 20km bei einem Tempo von ca. 7-9 kmh (Zeit und Strecke beim Warmreiten und abreiten inclusive) reiten. Im Stall hieß es, wir hätten "zu viel" gemacht ...? 
Die Pferde kamen immer fast trocken nach Hause, immer nur Schritt und Trab, Puls so gut wie nie über 120- und kaum daheim schon wieder 40...
Ich dachte immer, wenn ich längere Distanzen gehen will, müsste ich eher noch mehr (also auch längere Strecken) reiten? - Ich möchte kein "Rennreiter" werden - mir geht es um die Ausdauer auf längere Strecken, nicht darum die schnellsten zu werden.


Antwort:
Du bist schon auf dem richtigen Weg : Die Grundlage der Fitness wird mit vielen, ruhigen KM aufgebaut.
Baue einen längeren Ritt in Deinen Wochenplan ein, ca. 40km im gleichen Tempo. Am besten ein schönes Ziel wo man Pause machen und die Pferde entspannt grasen lassen kann. Evtl. zuerst 30km, dann steigern. Erhöhe Dein Wochenprogramm (auch die kürzeren Ritte) bis Dein Pferd etwa 100km pro Woche gehen kann oder 400km im Monat. So viel wie möglich davon barfuß und auf gutem Geläuf (auf huckligen oder tiefen Wegen Schritt reiten).
Erst dann beginne Dein Tempo zu erhöhen. Denk dran, immer erst die Streckenlänge erhöhen. Ausdauer zuerst. Danach die Geschwindigkeit. Und nie beides gleichzeitig.

Du kannst, wenn Dein Pferd dabei gut regulierbar bleibt, in geeignetem Gelände Fahrtspiele/fartleks von 30s. bis einige Minuten Dauer Dein Programm einbauen, mit Pulsspitzen bis 160/180, zuerst auf den kürzeren Ritten. Das Pferd muss danach (Schritt geritten) in 1min auf unter 100 herunterkommen, und nach dem Ritt genauso trocken und entspannt ankommen wie bisher. Das gestaltet das Training für Dein Pferd und für Dich abwechslungsreich.

Wenn Dein Pferd lieber cantern will anstatt traben, und das in guter Haltung tut und ohne davonzueilen oder sich auf den Zügel zu legen, erlaube ihm auch zu cantern. Dafür soll es aber auch lernen auf der richtigen Hand zu galoppieren. Im hügeligen Gelände ist die Bergseite des Weges meist die höhere, auf dieser Hand soll das Pferd galoppieren. Versuche je Ritt etwa gleichlang auf beiden Händen zu galoppieren, und reite nicht alle Deine Strecken linksherum, weil Du dann auch mehr links galoppieren und die Beine der rechten Seite stärker belasten wirst. Wenn es den Galopp von selbst wechselt, oder einen Übermutsbuckler macht, erlaube es ihm! Das Pferd nie abhetzen und nicht "ohne Zügel" rennen lassen. Eher etwas zurückgehalten, in Anlehnung (aber nicht in Beizäumung sondern  möglichst langem Zügel) und am Schenkel reiten. Das Pferd aber immer wieder motivieren sich auszustrecken (Dehnungshaltung), und dann sofort die Zügel hingeben. Generell: Keine Zügel verwenden die nicht leicht durch die Hand gleiten. Das Pferd wird mit Sitz und Schenkel geritten, und nicht mit dem Zügel. Das ist der Kern korrekten Reitens im Gelände...

Wenn Du mit Pulsmesser reitest, dann setze das Werkzeug auch richtig ein: Kenne den Höchstpuls Deines Pferdes. Manche Pferde gehen bis 230, die können - entsprechendes Leistungstraining vorausgesetzt, das kommt später! - den halben Tag mit 160-180 laufen und regenerieren dabei locker. Bei anderen geht der Tacho nur bis 190, die laufen bei 160/180 nur ein paar Minuten. Für die bedeutet aber auch 120/140 eine viel höhere Belastung wie für die anderen. Prüfe diesen Höchstpuls in den Bergen, nie in der Ebene. Und wenn Du je sowas wie 230 als validen Wert siehst (je höher der Puls desto zuverlässiger müssen die Elektroden sitzen, und desto leichter gibt es Störungen) dann lehn Dich zurück, atme tief durch und probier's nicht mit Gewalt noch genauer zu ermitteln. Dann sitzt Du nämlich bereits auf einem Eliteathleten, und kannst nur hoffen dass der Bewegungsapparat ebenso gut ist (und bleibt) wie sein Herz.

Use it, or lose it, gilt im Training. Auch wer "nicht zu den schnellsten" gehören will, sollte sein Pferd so fit machen, dass es auf dem Wettkampf immer noch schneller gehen könnte, inkl. eines Sicherheitsspielraums. Das ist der Schlüssel um ein gesundes Pferd zu behalten. Ansonsten bliebe nur, sich auf sein Glück zu verlassen. Wie Tom Ivers in ganz spezieller (typisch amerikanischer) Art sagte "Train hard, win easy". Oder mit meinen Worten: Das beste beim Distanzreiten ist, andere Reiter überholen zu können, dabei immer noch mit unter 64 in die Stops rein zu kommen, und dafür noch nicht mal einen Tross zu brauchen... das freut die Tierärzte, und demütigt die Konkurrenz.

Wie geht das? Doch nur, indem man besser trainiert als die anderen. Denn bessere Pferde als die anderen kann ich mir gar nicht leisten. Außerdem mag ich meine am liebsten und will gar keine anderen haben...

Aber reite ich damit (100km pro Woche) mein Pferd nicht platt?

Es ist immer das erste und grundlegende Ziel, sein Pferd nicht platt zu reiten. Zweitens, es zu trainieren.

Mit ungenügendem Training ist das Pferd am schnellsten platt.

Ich gehe davon aus (wie in Deinem Beispiel) dass, wenn jemand sein Pferd trainieren möchte, er bereits regelmäßig reitet.
Mit jedem zusätzlichen KM, den man reitet, kann man das Pferd trainieren, oder auch kaputt machen, je nachdem. Dieses je nachdem ist Horsemanship. Schonendes Reiten, schonende Routinen, richtiger Hufbeschlag/Hufschutz. Weißt Du wie viel KM pro Woche erfolgreiche Spitzen-Marathonläufer trainieren? Das auf Pferde zu übertragen, würde auch mich zu Tode erschrecken. Ich wüsste nicht wie mein Pferd gesund durch ein solches Programm zu bringen wäre. Und dennoch gibt es keinen Grund dafür anzunehmen dass es ausreicht, Pferde mit 1/5 oder gar 1/10 dessen zu trainieren, was menschliche Athleten so trainieren. Eher ist es so, dass wir unsere Pferde überwiegend so trainieren, wie menschliche Leistungssportler vor 120 Jahren trainierten. Nämlich völlig unzureichend. Die Pferde kommen - jedenfalls die meisten und mit einer Portion Glück - trotzdem gesund durch die Ritte. Weil es Naturathleten sind. Wie die Läufer vor 100 Jahren, die
noch stolz darauf waren nicht trainiert zu haben, weil Training nur jemand nötig habe der "kein geborener Athlet" sei... und vor dem Start noch eine Zigarette rauchten, weil das ja die Lungen weitet...

Distanzreiten ist anscheinend die einzige Disziplin, wo sich unter einigen Leuten eine ähnlich gehende Auffassung halten konnte, dass Wettkämpfe als Training schon ausreichen... Und wenn es mit dem einen Pferd nicht klappt, dann nimmt man eben das nächste.

Warum schreibe ich das? Um Leute zu blamieren, die es so machen? Nein. Wenn deren Methoden (bei ihren Pferden) funktionieren, dann streite ich das nicht ab. Nur ist die Wahrscheinlichkeit, dass es beim nächsten Pferd wieder so funktioniert, annähernd Null.
Erstens: Damit wir uns nicht zuviel einbilden auf unser ach so tolles "Training". Ich kannte mal einen guten Distanzreiter der zu sagen pflegte: Ich trainiere überhaupt nicht, ich reite nur soviel wie möglich. In dem Sinn hatte er recht, dass man so gut wie möglich, und ohne Hintergedanken an Training und Arbeit, reiten soll. Einfach so wie bisher, ohne große Veränderungen, bloß etwas weiter. So funktioniert Training. Große Veränderungen sind der Pferdegesundheit ärgster Feind.
Zweitens: 400km pro Monat, in ruhigem Tempo geritten, sind etwa 10-12 Std. je Woche. "Training" hieße eigentlich, das Pferd mit 65-80% seiner Maximal-Pulsfrequenz zu belasten. Das brauchen wir aber gar nicht, um T5-6 zu reiten, wenn wir ihm nur genügend Meilen als Grundaufbau geben. Der menschliche Läufer würde "Luschi-KM" wie diese (für den Grundaufbau von Sehnen und Knochen völlig ausreichend, und dabei ungefährlich) noch gar nicht zählen. Für den wäre das so ähnlich wie Spazierengehen und gemütliches Joggen mit Puls 130... Und da höre ich tatsächlich die Frage: Geht noch weniger?

Mädels und Jungs
- wer das nicht reiten kann, oder bereit ist zu reiten, der gehört nicht auf Distanzritte, und sollte sich einen Sport suchen, wo er mit weniger Zeitaufwand hinkommt. Wanderritte scheiden dann allerdings auch aus.

Wir können entweder Distanzreiten als Sport ernst nehmen. Das hat nicht das geringste damit zu tun, sich bunte Sachen anzuziehen und einen Helm aufzusetzen -- Oder wir müssen es lassen, aufgrund unserer ethischen Verpflichtung als Reiter, unsere Pferde nach besten Standards zu halten und zu trainieren. Es als Mensch möglichst "bequem" haben zu wollen, zählt nicht. Der Mensch zählt da überhaupt nichts, da er sich freiwillig mit dem Pferd beschäftigt, und es auch lassen kann. Mit den ethischen Verpflichtungen ist es genauso einfach: Sie erfüllen "ohne wenn und aber" - oder es bleiben lassen, d.h. die Beschäftigung mit dem Pferd.

Man sollte dem Pferd die Trainingsleistung dabei nicht auf den ersten Blick ansehen. Zu dünn ist leicht übertrainiert. Bei 600km kann ein gutes Pferd sogar noch ein wenig "mopsig" aussehen (Body Condition Score 5). Wenn es dann noch auf der Weide spielerisch herumhüpft, ist es ganz sicher nicht überfordert, und könnte wenn nötig auch noch ein wenig mehr geritten werden.
Wem sein Pferd bei 200-400km im Monat abbaut oder schlapp macht, der macht vermutlich mehrere Dinge falsch. Bevor er die nicht korrigiert hat, wird sein Pferd auch auf Wettkämpfen schlapp machen - früher oder später.

Ich wiederhole es nochmal: Je mehr km im Monat, desto höhere Anforderungen stellen sich insbesondere an die Qualität von Hufzustand und Hufschutz. Eigentlich logisch, oder? Wie überhaupt dies: Je mehr KM und Stunden, desto negativer sind die Auswirkungen von Fehlern die im "Betrieb" liegen (schlecht passende Sättel, schlechter Sitz u.s.w.)

Aber "gewöhnen" kann ich mein Pferd doch über kurze Distanzritte (KDR's) ?

Es kommt darauf an, an was Du Dein Pferd gewöhnen willst : Was sieht das Pferd denn auf kurzen Distanzritten, an das es sich gewöhnen kann, oder wird? -
Es sieht Hektik. Es sieht schnellaufende Pferde, häufig widersetzlich und in schlechter Haltung. Es wird, wenn der Reiter versucht "vernünftig" zu reiten, ständig von anderen Pferden überholt, in manchmal gefahrenträchtiger Weise. Es sieht, dass, wenn es sich aufregt, der Reiter irgendwann nachgibt, es mehr oder weniger "laufen lässt", mit dem Gedanken dass es sich in der Pause, die viel zu früh kommt (meist alle 10-15km), schon wieder erholt. Auch Pferde die nicht von sich aus "rennen" wollen, wollen doch gern ihrem Reiter zuliebe alles richtig machen, und lernen hier das falsche. Was sie auf kurzen, schnellen Ritten sehen und lernen, ist dass es aufs Rennen ankommt.

Reitern die ihre Pferde an das Richtige gewöhnen wollen, empfehle ich, mittlere bis (leichte) lange Ritte zu gehen, als kurze - oder noch besser: Mehrtagesritte.
Sie lernen dort, dass Distanzreiten mit Ausdauer zu tun hat. Dass es Futter und Wasser nicht an jeder Ecke gibt, und man dann frißt und säuft, wenn es etwas gibt, weil man nicht weiß, wann es wieder was gibt. Dass es nicht ständig Pause gibt, sondern nur, wenn man schon etwas getan hat, und die Pause herbeisehnt. Dass auch der "größte Athlet der Welt" die Kräfte deshalb besser sich gut einteilt. Dass, wenn die anderen Pferde am Horizont verschwinden, dies keine Katastrophe ist, weil man sie in den Stops oder am Ende des Tages auf dem Paddock wieder sieht. Auf kurzen Ritten lernen Pferde das nicht...

Es ist eine Frage, wieviel Motivation Dein Pferd braucht. Wenn Du ein Pferd mit ruhigem Temperament hat, das im Training schnell die Lust verliert und faul wird, das eher vorwärts geschoben werden will, und Motivation durch andere braucht, kannst Du es mit kurzen Distanzritten ganz gut "aufwecken". Das ist aber auch der einzige Nutzen, den ich diesen Ritten zugestehe.

Meine Pferde gingen immer schwere (Berg-) 60er oder leichtere 80er als erste Distanzritte. Demzufolge ist meine Meinung zu immer wieder mal diskutierten Regeländerungen, die vom Pferd einen kurzen Distanzwettbewerb vor der Teilnahme an einem LDR verlangen wollen, sehr kritisch. Nicht dass man mich falsch versteht: 40- oder 50km muss das Pferd schon mehr als einmal gelaufen sein vor seinem ersten 80er - aber daheim, zuhause. Und wenn möglich, im schwereren Gelände (mehr Höhenmeter) als auf dem ins Auge gefassten Ritt.

Beispiel-Story: Meine jetzige Stute geht auch gerne schnell, ist vom Temperament her impulsiv, und lässt sich (bei allem Gehorsam und Vertrauen) dann anstecken. Auf kurzen Distanzritten hätte ich sie ganz schnell verdorben, oder müsste mich den ganzen Ritt mit ihr über das Tempo streiten und sie maßregeln. Darauf habe ich keine Lust.
Auf dem ersten Ritt im letzten Jahr wollte sie auch unbedingt mit der Spitzengruppe mitlaufen, obwohl das Tempo jenseits des dauerhaft trainierten und für sie erkennbar zu hoch war, Puls ging bis 180. Nach 5km war sie völlig nassgeschwitzt, das vorn laufende Spitzenpferd dagegen trocken. Als ich beschloss, mich zurückfallen zu lassen, ging sie, das sonst so ruhige und coole Pferd, massiv gegen das Gebiss und über den Zügel. Um nicht dagegen ankämpfen zu müssen, stieg ich ab und führte 1-2km. Das empfiehlt sich in der Situation stets. Danach lief sie brav im trainierten Tempo, und mit besten Werten für den Rest des Rittes. Immerhin: Die Episode war Anlass genug für mich, die Tagesstrecke vorzeitig in der Wertung zu beenden (d.h. nach 70 von 85km), als einzige der 7 in diesem Jahr gerittenen Distanzstrecken. Dieses erste Stück nicht noch einmal heim zu reiten, stattdessen den Hänger zu holen, denn die Belastung auf dem Hinweg war schon eine zweifache gewesen. Zweiter Tag, Gleiches Spiel. Die Spitzengruppe geht ruhiges Tempo los, mein Pferdchen läuft locker mit und hält sich für die Größte. Nach ein paar KM ziehen sie im Tempo an, und sie versucht mitzuhalten. Ich beruhige sie, sage zu ihr: Lass sie doch gehen, wir reiten unser Tempo. Sie pullt nur für ein paar Meter, und dann merke ich wie bei ihr der Groschen fällt: Ach das sind ja wieder die ganz Schnellen, die sehe ich nachher sowieso wieder. Mit denen muss ich ja gar nicht laufen... Cantert dann gemütlich hinterher und lässt sie ohne Umstände ziehen... Lektion gelernt, Strich drunter. Und Loben, loben, loben!


Wieviel KM, sagen wir, pro Woche, kann ein Pferd maximal gehen ohne gesundheitliche Schäden?

Wieviel ein bestimmtes Pferd maximal gehen kann, ist abhängig von leistungsbegrenzenden Faktoren von Pferd und Reiter, die ganz individuell verschieden sind. *)

Das Pferd kann sein Maximum geben, wenn die folgenden Faktoren optimiert sind:

- Trainingszustand
- Gesundheitszustand (aktueller Gesundheitszustand besonders von Herz und Lunge; keine Vorschäden am Gangwerk)
- Reitergewicht (möglichst gering) und Gewöhnung des Pferdes an dasselbe
- Fähigkeit des Reiters, das Pferd zu entlasten und es im Gleichgewicht (Selbsthaltung) zu reiten
- Sattel, Gurte, und andere Ausrüstung optimal passend.

Daraus ergibt sich dass immer nur ein "relatives" Optimum realisierbar ist.

Nehmen wir also an, alle Randbedingungen wären optimal, wieviel kann ein Pferd dann gehen?

Die alten englischen Jagdreiter trainierten ihre Pferde in der Vorbereitung zur Jagdsaison 100 englische Meilen (ca. 160km) je Woche.
Meine Pferde gehen im guten Trainingszustand, ausweislich meines seit 1995 ununterbrochen geführten Reitbuches (Excel-Tabelle) geritten ca. 3000-4000km im Jahr, plus gelegentliche Handpferd-km. In der Hochsaison um 100-140km wöchentlich je Beschlagperiode.
In der Zeit mit Wettkämpfen oder Wanderritten auch mal 600km im Monat.  In der Schlechtwetter- und Winterfellzeit, oder zur Rekonvaleszenz auch mal nur 200km im Monat. -- Damit ist noch nichts über das gerittene Tempo gesagt. Bekanntlich "is the speed, that kills".

Otto D. v. Monteton (ein passionierter Campagnereiter und Kavallerist) gibt um 1895 herum den "Normalarbeitstag" eines gutgerittenen Pferdes, an das er einen, auch aus heutiger Sicht ziemlich hohen Anspruch hat, mit 30km (= 4 deutsche Meilen á 7.5km) geritten in 6 Stunden reiner Reitzeit zzgl. Pausen an (d.h. mit 5km/h, also Schrittempo). Diesen Normalarbeitstag könne das gut gerittene Pferd das ganze Jahr über gehen (die Sonntage als Ruhetage - bei der Armee - abgerechnet). Bei entsprechendem Ausgleich auch gelegentlich verdoppeln, d.h. die doppelte Strecke in gleichem Tempo geritten, also 60 km in 12 Stunden, oder die gleiche Strecke mit doppelter Geschwindigkeit, d.h. 30km in 3 Stunden. Bei entsprechender Qualität des Pferdes, auch vervierfachen. Für die Hengst-Grundleistungsprüfung verlangt er das vierfache eines Normalarbeitstages, zu absolvieren unter 175 Pfd. Gewicht (inkl. Sattel) ohne Schäden zu erleiden, d.h. mit Nachuntersuchung am Folgetag.
Wir haben als Normalarbeitstag also ein mathematisches Produkt aus Streckenlänge * Geschwindigkeit, Normalarbeitstag = 30*5=150. Diese Arbeitslast könne, so Monteton,
ohne negative gesundheitliche Folgen auf Dauer (Monate, Jahre) nicht überschritten werden. Um als Index eine handhabbare Zahl zu haben, habe ich diesen 150 zu 1 (=Normalarbeitstag Monteton) normiert.

Es hat mich nun interessiert, was meine Pferde nach diesem, mir auf den ersten Blick sehr plausibel vorkommenden Index leisten, welches zu berechnen anhand der festgehaltenen Daten meines Reitbuchs eine Kleinigkeit ist.
Zusätzlich habe ich einen kleinen Korrekturfaktor für die gerittenen Steigungen (ab 2,5%) eingefügt, der bei mir im Schnitt 10-20% ausmacht. Denn es dürfte klar sein, dass 30km in 6 Stunden unterschiedlich zu bewerten sind, je nachdem, ob sie in der Ebene oder im Gebirge geleistet werden. Ich reite ja fast immer im Mittelgebirge.
Die folgende Grafik zeigt die 28-Tages-Summe der Workload nach diesem Monteton-Index (WLM) für meine zwei Pferde (blau, rotbraun) über einen Zeitraum von 3 Jahren. Das "blaue" Pferd ging dabei auch Distanzritte (1 Tag in 2013, 7 Tage in 2014, mit dem 5.2-fachen des Normalarbeitstages als größter Einzelleistung). Das rotbraune ist schon älter und im Schnitt nur noch halb belastbar. Der Wert 28 entspräche einem Durchschnitt von 1 Monteton-Normalarbeitstag (30km mit 5 km/h) für jeden Tag, also eine Vollarbeit ohne Ruhetage. Ich habe mit 28 Tagen anstatt einem Monat gerechnet da die Wochenenden hier immer alles durcheinander bringen. Handpferde-KM zählen dabei 50% der gerittenen. Und wie man in den Grafiken sieht, stimmt der "Monteton-Normalarbeitstag" zumindest für meine Pferde auf lange Sicht ziemlich gut.

WLM

Auf Wanderritten habe ich mein Pferd 40-45 km täglich mit Gepäck in 6-7 Reitstunden (entsprechend eines 1.8-2-fachen Normalarbeitstages), bzw. bis zu 55 km täglich in 7-8 Reitstunden ohne Gepäck (entsprechend einer 2.5-3-fachen Tagesarbeit) reiten können, ggf. mit zwei halben Ruhetagen je Woche. Mit dazu ausreichender Fütterung schien diese Leistung dauerhaft abrufbar zu sein, und auch keine "mentalen" oder Motivations-Probleme beim Pferd zu verursachen. Aber natürlich konnte ich es letztlich nicht erproben, wie lange das geht, und sicherlich wäre es nicht realistisch , so über den Zeitraum mehrerer Monate oder eines ganzen Jahres zu reiten!

Welchen Vorteil haben nun generell derartige Aufzeichnungen und Untersuchungen? - Sie erlauben dem Reiter oder Pferdebesitzer/Trainer seine aktuelle Einschätzung zu verbessern, welche Belastung ein Pferd aktuell "in den Knochen" hat, verglichen mit früheren Perioden, bzw. welchen Trainingszustand es nach seiner Arbeitslast haben sollte. Der "subjektive Trainingszustand/Fitness" sollte also hoch sein, wenn auch die Workload-Kurve hoch ist. Ist sie es nicht, ist das Pferd übertrainiert, und ein oder mehrere Probleme drohen am Horizont, bzw. klopfen schon an die Tür!


Anm.
*) Eine bekannte Distanztierärztin brachte dies 1992 auf einem Distanzseminar auf die Formel: "Nur 5% der Distanzpferde sind überhaupt zu Höchstleistungen fähig und in der Lage... zusammen mit ihren Besitzern!"


Wo kann man da noch mehr drüber lesen?

Das beste Buch zum Thema (schon seit Jahren) ist von Nancy Loving : Distanzsport. Marathon unter dem Sattel, eine Übersetzung von Go the Distance: The Complete Ressource for Endurance Horses. Ihr Leitmotiv ist "Fit to Continue", also das Pferd so fit zu machen, dass es immer noch "weiter" gehen kann, als aktuell gefordert, und über viele Jahre gesund und einsatzfähig bleibt. Das ist eigentlich weit mehr als "Angekommen ist Gewonnen", das bekannte Deutsche Distanzreiter-Motto...
Die deutsche Übersetzung hat der Olms Verlag herausgebracht, im Eigentum des bekannten und renommierten Araberzüchters, dem auch der große Verdienst zukommt, viele lesenswerte Bücher zum Thema Pferd aus älterer Zeit (u.a. die von Otto v. Monteton) neu aufgelegt und damit den Reitern der Gegenwart zugänglich gemacht zu haben. Tierärztin und Wettkämpferin Nancy Loving beschreibt mit klaren, einfachen Worten und schlüssiger Logik, so dass sich das Buch auch auf englisch ohne Schwierigkeiten und vergnüglich liest. Wer ihre vielen hochwertvollen Tips und Hinweise beherzigt, die das betreffen was ich weiter oben etwas knapp zu "horsemanship" verkürzt habe, der verliert den Schrecken vor Wochenleistungen von 100km oder sogar vor 160km (auf denen es bei den vorerwähnten englischen Jagdreitern wohl noch zusätzlich über feste Hindernisse ging!)

Der wird auch verstehen, dass man kein Pferd aufbauen kann, das lange hält, ohne diese vielen Kilometer als Grundaufbau für Sehnen, Bänder und Knochen investiert zu haben..!


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